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Landwirtschaft - 3

erschienen in: Heft 4/2026

Die Entwicklung der Landwirtschaft unseres Heimatortes im Laufe seiner 770jährigen Geschichte

Ein Beitrag zur Ortsgeschichte

Nachdem wir im Teil 2 die weitere Entwicklung der Landwirtschaft im Zusammenwirken mit Handwerk, Handel und Versorgung unter Einbeziehung der bestehenden Eigentumsverhältnisse behandelt haben, werden wir uns im Teil 3 unseres Artikels mit den steigenden Bevölkerungszahlen, der weiteren Entwicklung der Landwirtschaft und der beginnenden Industrialisierung unseres Heimatortes befassen. Dazu müssen wir jedoch noch einmal bis auf die Jahre um 1650 zurückgehen.
Hierzu lesen wir in [01, S.18] sinngemäß: „Um 1650 finden wir fast all für die menschlichen Bedürfnisse nötigen Handwerker am Orte. Die Familien Ahner und Mänig (Meinig) u.a. sind Schneider. Die Schlächter um 1670 heißen Nikol Müller und Christian Richter. Wagner (Stellmacher), Zimmerleute. Tischler, Maurer, Röhrenbohrer, Leineweber betreiben ihr Handwerk. Eine Frau Walpel Gruner ist „Körbelmachererin“. Zwei Brüder Beyer haben um 1650 je eine Töpferei in Wittgensdorf und Murschnitz. Sogar einen Glaser gibt es, Samuel Glöthe. Murschnitz, mit 300 Einwohnern bedeutend größer als heute, hatte um 1750 ein ausgeprägtes Handwerkswesen. Jacob Wintich war Tischler, Martin Richter Schuster, Martin Kühn Leineweber, Gregor Vorwerck Wagner (Stellmacher), Hans Quinger Schneider, dazu mehrere Strumpfwirker. Alte Leute (8Ojährige Männer!) verdienen sich den Lebensunterhalt mühsam durch Spinnen“.
Wir sehen also, dass sich aus den Reihen der Ostkolonisatoren die bis auf wenige Ausnahmen zum Großteil der Bauernschaft angehörten, spezifische, handwerklich geprägte Berufe herausgebildet hatten. Diese Entwicklung lässt sich nach [03 S.498f] auf folgende Grundlagen zurückführen:

  1. Mit steigender Bevölkerungszahl wachsen die Anforderungen nach spezifischen handwerklichen Berufen. So sind für die bäuerliche Wirtschaft Schmiede, Wagner oder Stellmacher, (Pferdebeschlag, Herstellung, Reparatur der landwirtschaftlichen Geräte), Zimmerleute, Maurer (Neubau, Reparatur der Gebäude), Töpfer, Schuster, Leineweber, Schneider (Herstellung, Reparatur und Herstellung täglicher Gebrauchsartikel), Müller, Schlächter, Bäcker (Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte, Herstellung von Lebensmitteln) usw., lebensnotwendig.
  2. Mit der steigenden Bevölkerungszahl stieg der Anteil erst der Kleinstellenbesitzer und ab dem späten 18. Jahrhundert der grundbesitzlosen Bevölkerung stetig an. Diesen Bevölkerungsteil blieben nur die Möglichkeiten eines lebenslangen Gesindedienstes, ein Leben als Tagelöhner oder der Wegzug in eine andere Gegend (Dorf- oder Stadtgemeinde).
  3. Unter Nutzung vorhandener handwerklicher Fähigkeiten aus dem bäuerlichen Leben in den benötigten Gewerken entwickelten sich in diese Bevölkerungsschichten ein sich stetig vergrößerndes Potential an Handwerkern. Befördert wurde diese Entwicklung auch dadurch, dass im Gegensatz zu den Handwerkern im sich entwickelnden städtischen Bereichen in den Dörfern noch nicht so streng gehandhabte Regularien z.B. durch Innungen vorhanden waren.

Auch in unserem Heimatort gehörte schon vor dem o.a. 30jährigen Krieg (1618 – 1648) neben der Landwirtschaft die „Leineweberei“ zu den wichtigsten Erwerbsquellen der Dorfbewohner. Zitat [02, S.2]: „In vielen Bauernstuben stand ein Handwebstuhl und sorgte besonders in den Wintermonaten für das notwendige Einkommen. Dieses Handwerk kam aber nach Beendigung des 30jährigen Krieges nahezu völlig zum Erliegen. Um 1700 gab es hier nur noch wenige Handwerker“.

Die damals herrschende geringe Einwohnerzahl ist auf die Pestepidemie ([1630 – 1637] Zitat: „326 Einwohner starben. Ganze Familien erloschen und ganze Güter starben aus“ [01, S.13]) sowie auf den 30jährigen Krieg von (1618 – 1648) zurückzuführen. Noch 1700 wurden in Wittgensdorf lediglich 365 Einwohner gezählt. Dies änderte sich aber in den darauffolgenden Jahren.
Ein Diagramm zur Bevölkerungsentwicklung zeigt eine stetige Steigerung der Einwohnerzahlen an.

Natürlich kamen den schon vorhandenen Gewerken der Leinen- und Wollweberei auch weiterhin eine wichtige Rolle zu. Diese war bedingt durch den Bedarf an Produkten für den täglichen Gebrauch, war aber auch auf Grund der geringen Bevölkerungsdichte relativ gering.
Einen unschätzbaren Anteil am Aufschwung der vorindustriellen Entwicklung in Sachsen ist deshalb der Einführung der „feineren“ Strumpfwirkerei zuzuschreiben. Wurden davor „grobe“ Materialien wie Wolle in der Strumpfwirkerei verwendet, nutzte die von Johann Georg Esche (getauft 03. Mai 1682 in Köthensdorf, gest. 30. Januar 1752 in Limbach) nachempfundene Technik gemäß den damaligen modischen Anforderungen den Rohstoff Seide. Allerdings konnte auch auf den von J. Esche genutzten „Handkulierwirkstühlen“ je nach Ausführung Woll- oder Seidenware hergestellt werden [05].

Johann Georg Esche Handkulierwirkstuhl

Quelle: LIONS CLUB LIMBACH-OBERFROHNA
Quelle: LIONS CLUB LIMBACH-OBERFROHNA

Mit der Einführung dieser Technik begann auch in Sachsen die Entwicklung der Textilindustrie in einer beachtlichen Größenordnung. Diese sorgte auch für die Entstehung und den folgenden industriellen Ausbau der zur Textilindustrie im weitesten Sinne gehörenden Gewerke (Bleichereien, Färbereien, Maschinenbau (vorerst wurden Wirk- und Webstühle aus Holz (bis auf „feinere“ Bauteile wie spezielle Gestänge, Lager, Nadeln etc. aus Metall) gefertigt.
Auch unser Heimatort birgt hierzu eine Vielzahl von Beispielen. So wurde z. Bsp. die 2021 abgebrannte „Hoffmann’sche Spinnerei“ schon im Jahr 1818 am Chemnitzfluss errichtet. Adolph Ihle beschäftigte sich mit der chemischen Bleicherei und erwarb das Grundstück an der Oberen Hauptstraße wo schon seit 1795 eine „Naturbleiche“ betrieben wurde. Diesen Betrieb modernisierte er zu einer „Chlorbleiche“ und konnte unter dem 01.04.1845 einen Auftrag der Fa. Moritz Samuel Esche, Limbach über „30 Dutzend Mannesstrümpfe, 30 Dutzend Knabensocken und 40 Dutzend Frauenstrümpfe zu Weißbleichen“ ordern [07, S.2]. Weitere Firmen lassen sich benennen wie die Bleicherei Böhme an der Oberen Hauptstraße, die Nadelfabrik Irmscher, Untere Hauptstraße, gegründet 1846. Nicht zu vergessen sind die vielen Textilfabriken sowie die vielen, namentlich nicht bekannten kleinen Strumpf- und Handschuhwirker von Wittgensdorf.
So war unter diesen Kleinstunternehmern auch mein leiblicher Urgroßvater Carl Hermann Petzold (geb. 16.03.1863 Herrenhaide, gest. 18.09.1935 Wittgendorf), der in der Oberen Hauptstraße 168 eine Strumpfwirkerei betrieb und nach Aussage meines Vaters noch mit dem „Quersack“ nach Chemnitz „liefern“ ging.

Clara Petzold (re.), 4 Kinder, 3 Inwohner vor OH 168 Hermann Petzold

Quelle: Privat U. Nier
Quelle: Privat U. Nier

Wenden wir uns nun nach diesem kleine Exkurs wieder der weiteren Entwicklung der Bauernschaft zu.
Wie schon am Schluss des letzten Artikelteiles erwähnt, gab es nach einer kurzen Erholungsphase um 1700
„Wohlfeile Zeit, Pestilenz weit entfernt. Wittgensdorf und Murschnitz bey gar Volk reicher Zahl in stiller Ruh“, für unseren Heimatort ab 1730 - 1870/71 bis auf wenige friedliche Zeiten nur Not und Elend durch die verschiedenen innereuropäischen Kriege.
Hier gibt uns die Richter’sche Chronik von 1790 bis 1844 detaillierte Auskunft. Diese handschriftlich geführte Chronik befindet sich dank unseres vormaligen Bürgermeisters, Herrn Dr. Reinhard Müller, seit 1998 wieder in Wittgensdorf und gehört zu den wertvollsten Exponaten unserer Sammlung. Nachstehend das von Christian Friedrich Richter angelegte Titelblatt zur Ansicht.

Quelle: Sammlung KHV Heimatstube

In einem Vorblatt zur Chronik beschreibt Dr. Reinhard Müller in: „Personelles zum Schreiber der Begebenheiten“, zusammengefasst auf Grund der Kirchenbucheinträge. Ein nicht bekannter Verfasser beschreibt noch den Rückkauf des Buches durch Herrn Dr. Reinhard Müller.

Personelles zum Schreiber der „Begebenheiten“ zusammengefasst aufgrund der Kirchenbucheinträge:
Christian Friedrich Richter war als Sohn des hiesigen Erbmahlmüllers Johann Gottfried Richter und dessen Frau Johanna Christiane, geborene Mänichin, am 6. Dezember 1763 hier geboren; er heiratete am 18 Mai 1790 die Jgfr. Christiane Sophie geb. Ahner aus Murschnitz Er war Häußler und Strumpfwirker und stirbt am 3. September 1833 mit Hinterlassung von 2 Kindern, 1 Sohn u. 1 Tochter. Der am 14. März 1794 geborene Sohn Gottlieb Friedrich heiratete am 29.4.1827 die Jgfr. Johanna Karoline geb. Riedel. Deren erster Sohn Gustav Friedrich Richter – geb. 19.10.1827 - war der spätere Kantor in Mittelfrohna.
Vorgenannter Gottlob Friedrich Richter war auch wieder Häußler und Strumpfwirker, später auch concess. Schankwirt, er stirbt bereits 1846, da seine Frau eine geborene Riedel war – Ab 1850 in zweiter Ehe verehel. Simon - ist das Buch in direkter Verwandtschaft auf Otto Riedel gekommen; da dieser keine Nachkommen hatte gab er das Buch an seine weitläufige Verwandten, abstammend vom Kantor Richter, an Frau H. Klose-Greger in Chemnitz.
Herr Doktor Reinhard Müller, Wittgensdorf. Lug ins Land, hat weiter nach dem Verbleib der Chronik geforscht. Die inzwischen verstorbene Malerin und Schriftstellerin Hanna Klose-Greger gab das Buch weiter an ihre Tochter. Frau Erika Simon Chemnitz, Erich Mühsam Straße. Von dieser konnte es 1998 käuflich erworben werden. Die Chronik befindet sich also wieder in Wittgensdorf, dem Ort, in dem die Aufzeichnung vor über 200 Jahren begonnen wurden.
Quelle: Sammlung KHV Heimatstube

In dieser Chronik sind für die Jahre 1792 bis 1822 viele ein- und mehrtägige Quartiernahmen von in- und ausländischen Truppen (Sachsen, Preußen, Franzosen und Russen) verzeichnet. Ebenso in diesem Zeitraum musste das Dorf mehrere Pferde nebst den Pferdeknechten den Truppen zur Verfügung stellen. Belastungen entstanden unserem Heimatort durch die Lieferung von Lebensmitteln für die Soldaten sowie Futter für deren Pferde.

Nachfolgend sind für die einezelnen Jahre die zugehörigen Einträge verzeichnet.

1806

„Den 30. Oct. mußte Wittgensdorf wieder auf die Hufe 1 Ctr. Heu, 1½ Schffl. Haber, 12 Pfund Rindfleisch, 24 Brod, 2 Kann Brandewein nach Hilbersdorf bei Chemnitz Liefern zur Verpflegung der Französisch - Bairischen Truppen welche nach der Schlacht bei Jena hier durch Marschirten“.
Auch die Zahlung der „Kriegs-Contribution“ (hier: Beteiligung an den Kosten des Krieges der franz. Armee mit der sich Sachsen verbündet hatte) traf unseren Heimatort hart.

1807

„In diesem Jahr musste Sachsenland hier an Frankreich zahlen so traf es Wittgensdorf 2160 rh (Taler). auf die Hufe 90. Thaler einen Garten 5. auch mehre thaler ein Gemeindehaus 1. 2. 3. 4. bis 5. Thaler. Auch musste Sachsen 6000 Mann Hülfstruppen der franz. Armee mit nach Pohlen stellen Den 14ten Dec. musste Wittgensdorf wieder 260 rh (Taler) Kriegs-Contribution zahlen so traf es von jeden Thaler nach der Schatzung 4 g (Groschen)“.

1808

Im Monat July rückte derjenige Theil von unsrer Armee der voriges Jahr nach Pohlen Marschiret war wieder in ihre Standquartire in Sachsen ein, ein andrer Theil von der Armee rückte dafür wieder nach Polen. Auch Marschireten viele tausend Franzosen im Monat Aug. Sept. und Oct. aus Preußen uns Schlesing retor hier durch Sachsen.
Den 19ten Sept. standen 500 Mann franz. Infant. Hier im Nachtquartier.
Den 26. Sept standen franz. Dragoner hier in Nachtquartier.

Den 6. März stand ein Sächs. Husaren 30. Mann stark hier im Nachtquartier. Den 16. März mußte Wittgensdorf zwey Stückpferde und 1. Stückknecht schaffen.

1809/1810

Keine Eintragungen zu Einquartierung u.ä.

1811

Den 10ten May stand ein Commando von der Leibcuiraßiergarde allhier in Nachtquartier.

1812

Keine Eintragung.

1813

Auch nach der Völkerschlacht 1813 bei Leipzig nahmen die Belastungen nicht ab. Die Chronik verzeichnet für das Jahr folgende Einträge:
Im Monat Jan. mußte Wittgensdorf 7 Mann Recruten stellen. Im Monat März mußte Wittgensdorf 3 Mann Recruten stellen. Vom 4ten bis 7ten April standen preuß. Uhlanen und reitende Artilleri mit 2 Kanonen hier in Quartier. Vom 21. Bis 23 April stand ein Detaschement russ. Cavalleri hier in Quartier. Vom 25 bis 29sten April. stand ein Detaschement vom 22 russ. Infant. Reg. hier in Quartier. Den 7ten May kam eine Abtheilung franz. Truppen hier an welche 300 Pfund Brod und 2 Ochsen erhalten mußten. Den 8ten May kamen wieder Franzosen hier an welche 2 Kühe und vieles Brod erhalten mußten. Den 27 Jun. mußte Wittgensdorf 72 Charpi in die Spitäler liefern. Den 2ten July 36 in der nehmlichen Art. Am 8ten July mußte Wittgensdorf bei der Recrutierung 5 Mann stellen. Den 30sten Sept. rückte ein oestreich. Husaren Piket hier ein welches sich aber tägl. vermehrte mit Kosaken, das Hauptpiket war hinter den Hofgarten, und noch 7 Nebenpiket standen auf den Wittgensdorfern Anhöhen herum. Den 11ten Oct. ward in ober Wittgensd. und Röhrsdorf geplündert, wo der Bauer Gerstenberger in Röhrsdorf von den Soldaten Erschossen ward.
Nach vielen Vorposten Gefechten zwischen Penig und Chemnitz mußten sich die Franzosen immer mehr zurück nach Leipzig an ihre Hauptarmee ziehen, so kam es zu einer großen Völkerschlacht die den 14ten Oct. ihren Anfang nahm und am 19ten Oct. ihr Ende erreicht wo die Franzosen aufs Haupt geschlagen wurden und nach Frankreich reteriren mußten
(Einfügung Nier: Völkerschlacht bei Leipzig). Vom Monat Sept. bis im Monat Decbr. hat Einquartierung und Durchmarsche nicht Ausgesetzt. Spannen und Liefern war tägl. das Wittgensdorf nach den Krieg eine Schuld von 3000 Thalern zu bezahlen hat.

Auch nach 1813 sind noch diese Einquartierungen, jedoch in abnehmender Zahl, zu verzeichnen. Erst nach 1822 lesen wir in der Chronik nichts mehr davon. Das dörfliche Leben nahm langsam wieder geordnete Züge an, wurde jedoch immer wieder von Unwettern, zu viel Regen, Trockenheit etc. beeinflusst. Die Chronik berichtet darüber und weitere Ereignisse (tragische Unfälle, Brände, steigende und fallende Preise für Lebensmittel, prägende politische Geschehnisse etc.) bis zu ihrem Ende im Jahr 1844.

Doch wenden wir uns nun wieder unserem eigentlichen Thema, der Entwicklung der Landwirtschaft in unserem Heimatort zu. Dazu finden wir in [08] eine hilfreiche Beschreibung der damaligen Situation sowie der weiteren Entwicklung derselben (Text aus Wikipedia auszugsweise bearbeitet wiedergegeben).
Nach den napoleonischen Kriegen wurde die beeinträchtigte Landwirtschaft wieder aufgebaut. Infolge der schon im 18. Jahrhundert beginnenden Entwicklung zur Befreiung der Bauernschaft von der Fronherrschaft stieg auch die Zahl der Rechtsstreitigkeiten zwischen Bauern und Grundherren an. So forderte der Dresdner Jurist Johannes Leonhard Hauschild schon 1771 die Beseitigung der „Leibeigenschaft“ (In Sachsen gab es keine Leibeigenschaft. Einf. Nier) in die die früher freien Bauern Sachsens nun doch allmählich geraten seien.

Um den Prozessstau aufzulösen, beauftragte das Geheime Kabinett Sachsens die Landesregierung mit der Erarbeitung von verbindlichen Lösungsvorschlägen. Deren defensiver Charakter verhinderte jedoch eine grundsätzliche rechtsverbindliche Klärung der anstehenden Probleme. (Das Geheime Kabinett Sachsens gehörte zu den Obersten Behörden der Landesverwaltung. Es wurde mit der Staatsreform 1832/32 – Schaffung der konstitutionellen Monarchie – durch das Königliche Staatsministerium des Innern abgelöst Quelle: [Geschichte - Sächsisches Staatsministerium des Innern - sachsen.de]).
Erst mit dem Jahr 1830 konnte nach der von Dresden und Leipzig ausgehenden Julirevolution der Fachreferenten Karl Friedrich Schaarschmidt mit Unterstützung des leitenden Kabinettsminister Bernhard von Lindenau im Dezember 1830 einer Kommission für die Ablösungsgesetzgebung die Einrichtung einer Landrentenbank vorschlagen.
Dabei sollte der dienstberechtigte Grundherr einen Ablösebetrag für die ihm entgehenden Dienste als Einmalzahlung oder Rente von der Bank erhalten. Der verpflichtete Bauer soll den Betrag gegenüber der Bank in längstens 25 Jahren ratenweise tilgen. Das Risiko der Insolvenz des Bauern soll der Staat als Träger der Bank übernehmen. Das Gesamtrisiko des Staates wurde mit 10 Mio. Taler beziffert.
Die Stände beeilten sich, dem Entwurf der Kommission zuzustimmen, weil sie befürchteten, dass der nach der Verfassung vom 4. September 1831 zu wählende Landtag eine für die Grundherren nachteiligere Regelung treffen würde.
Am 17. März 1832 wurden das Gesetz über Ablösungen und Gemeinheitsteilungen und das Gesetz über die Landrentenbank veröffentlicht.
Es fanden 25.152 Verfahren in Ablösesachen statt. Die meisten Anträge gingen zwischen 1852 und 1854 ein. Die letzten Renten an die Grundeigentümer liefen 1913 aus. Die Bank wurde bis 1932 abgewickelt. Die Landrentenbank war das erste staatlich garantierte Kreditinstitut für die Feudalablösungen. Die staatliche Garantie musste nie in Anspruch genommen werden.
Mit der Ablösung der Feudallasten ergaben sich auch für Sachsen vielfältige Wirkungen und Folgen.
So stieg die Leistungsfähigkeit der sächsischen Landwirtschaft bald nach der Ablösung. Die Getreideproduktion und die Viehbestände wuchsen. Die Regierung förderte die Verwendung von Kunstdünger; die Mengen stiegen rasch. Die Mittelbauern konnten ihre Höfe vergrößern, die Großgrundbesitzer aber nur wenig. Die Feudalablösung und die beginnende Industrialisierung ergänzten sich gegenseitig. Die Landwirtschaft kam in die Lage, die städtischer werdende Bevölkerung zu versorgen. Auf der anderen Seite erleichterten die steigenden Gelderlöse es den Bauern, die mit dem 25-fachen des Jahreswertes hoch angesetzten Ablösebeträge zu erwirtschaften. Hätten sich die hohen Ablösebeträge wie Mehltau auf die Initiative der Bauern gelegt, hätte die Feudalablösung scheitern können.
Die Abzugsberechtigung
(freie Wohnortwahl, Einf. Nier) der unterbäuerlichen Schichten kam dem Arbeitskräftebedarf der jungen Industrie zugute.

Auch für unseren Heimatort liegt uns aus dem Kirchenarchiv eine umfangreiche Aktensammlung vor. Leider sind alle Akten in der damals verwendeten altdeutschen Schrift „Kurrent“ verfasst. Als Beispiel fügen wir ein Dokument der „Königlichen General-Commission für Ablösungen Gemeinheitstheilungen“ von 1857 an.

Die Transkription in die heute gebräuchliche Schriftsprache lautet:

Wir, zur Königlichen General-Commission für Ablösungen und Gemeinheitstheilungen verordnete Director und Räthe beurkunden hiermit, daß Wir den vorstehend im Originale enthaltenen, zwischen dem Kirchen-, Pfarr- und Schullehne zu Wittgensdorf an einem, und sowohl dem Besitzer des dasigen Rittergutes, als mehreren andern Grundstücksbesitzern ebendaselbst, zu Murschnitz und Hartmannsdorf, Herrn Friedrich Wilhelm Gustav Günther und Genossen am andern Teile unter dem 10ten April 1856 errichteten und Uns in vier Exemplaren, von welchen das mit den Urschriften der Vollziehungsprotocolle versehene zu Unserem Archive genommen worden ist, überreichten Receß bestätiget haben. Wir thun dieß hiermit und Kraft dieses, jedoch den hohen landesfürstlichen Regalien und Gerechtsamen, wie solche Namen haben mögen, auch sonst Jedermann an seinen Rechten ohne Schaden. Zu Urkund dessen mit dem zu Ende aufgedrückten Siegel der General-Commission besiegelt und gegeben zu Dresden am 9ten Januar 1857.

Königlichen General-Commission für Ablösung und Gemeinheitstheilungen

Natürlich ergaben sich mit der schon o.a. Staatsreform 1832/32 – Schaffung der konstitutionellen Monarchie in Sachsen - noch weitere grundlegende Veränderungen im ganzen Land Sachsen.
So verlor 1856 der damalige Wittgensdorfer Rittergutsherr Albanus den Gutsherrentitel und damit die Verfügungsgewalt über den Ort.
Interessante Einblicke in die Wittgensdorfer Landwirtschaft gibt uns eine Aufstellung unter dem Titel „Besitzer der Bauerngüter“, erarbeitet von unserem unvergessenen Kirchenbuchführer Arno Hempel. Er stützt sich dabei auf das „Dezem-Verzeichnis“ im Dokument „Protokollum“ von 1783 und auf ein Verzeichnis zur Ablösung (der „Fron“, Einfüg. Nier) von 1856. In dieser Aufstellung sind 47 Bauerngüter aufgeführt. Dank der akribischen Arbeit von Arno Hempel, der zu jeder der aufgeführten Hofstellen die damals übliche Ortslistennummer (OLN) beigefügt hatte, waren wir in der Lage nahezu alle (4 Hofstellen keine Angabe bzw. OLN nicht auffindbar) heutigen Adressen zuzuordnen. Nicht enthalten in dieser Aufstellung ist das Pfarrlehen, aus welchen Gründen auch immer.
Die Differenzen zu den o.a. Zahlen der Hofstellen im Teil 1 unseres Artikels wollen wir den Verfasser der Aufstellung „Besitzer der Bauerngüter“ gern verzeihen, denn er musste sich auf Unterlagen des Kirchenarchives beziehen, die nicht unbedingt die Zahlen der Steuerbehörde (vgl. Artikel Teil 1 – 58 Hofstellen Wittgensdorf, 12 Hofstellen Murschnitz nach den Katasterblättern (Flurkroki, hier „Croquis der Flur Wittgensdorf“) widerspiegeln. Ein Vergleich mit einer Aufstellung über Hofstellen unseres Heimatortes nach Adressbüchern von 1925, 1932 und 1949 ergab bei 57 ermittelten Stellen eine Übereinstimmung von 43 zu 57.
Interessantan dieser Aufstellung sind noch die Angabenzu den Größen der Hofstellen. 1 Gut nutzte 3 ha (1/8 Hufe Gut), 6 Güter verfügten über 6 ha (1/4 Hufe Gut), 18 Güter danach über 12 ha (1/2 Hufe Gut), 9 Güter verfügten über 18 ha (3/4 Hufe Gut), 1 Gut nutzte 24 ha (1 Hufe Gut) und ein Gut bearbeitete 30 ha (5/4 Hufe Gut). Zum Rittergut gibt es keine Angabe, wir wissen aber aus den Vorgängen (Enteignung) aus 1945 dass diese Hofstelle ein Göße von etwas über 4 Hufen (> 100 ha) zur Verfügung hatte.

Mit diesen Ausführungen schließen wir den Teil 3 unseres Artikels ab. Im Teil 4 wollen wir die Entwicklung der Landwirtschaft unseres Heimatortes vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur „Kollektivierung“ in den 1950er bis in die 1960er Jahre behandeln.

Abschließend möchte ich mich hiermit ganz herzlich bei Herrn Dr. phil. Sebastian Müller für seinen fachlichen Rat und seine Unterstützung bei der Erarbeitung des vorstehenden Textes bedanken. Seine Hilfestellung gab mir als Laien die Sicherheit, auch diesen dritten Teil meines Artikel zu einem interessanten Thema der Ortsgeschichte von Wittgensdorf zu verfassen.

Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.

Quellenverzeichnis:
[01] - 700 Jahre Wittgensdorf; Aus der Geschichte unsere Heimatortes. Herausgeber: Rat der Gemeinde Wittgensdorf, 1956
[02] - Anna und Felix erzählen aus der Wittgensdorfer Textilgeschichte, Geschichtsprojekt des Kultur- und Heimatvereins Wittgensdorf in Zusammenarbeit mit dem Regenbogenhaus Wittgensdorf
[03] - Demographische und gesellschaftliche Transition in Rußdorf und Bräunsdorf bei Limbach 1580 – 1935, Dissertation Sebastian Müller, TU Chemnitz, 2016
[04] - Die Geschichte der Strumpfwirkerei in Köthensdorf und im Limbacher Land, Abschnitt III, Heimatverein Köthensdorf e.V.
[05] - Johann Esche – Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Esche)
[06] - LIONS CLUB JOHANN ESCHE LIMBACH OBERFROHNA
[07] - Festschrift: Adolph Ihle, Chemische Bleicherei und Merzerisieranstalt, Wittgensdorf Bezirk Chemnitz, 1845*1. April*1920
[08] - https://de.wikipedia.org/wiki/Bauernbefreiung

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