Tom Wittgen
erschienen in: Heft 3/2025
Tom Wittgen – Die Agatha Christie der DDR
Ein Beitrag zur Ortsgeschichte
In unserer losen Folge zu bekannten Persönlichkeiten unseres Heimatortes, schreiben wir in dieser Ausgabe der Wittgensdorfer Rundschau über eine bekannte Schriftstellerin und Kriminalautorin, die auch als „Agatha Christie der DDR“ bekannt wurde.
Die aus Wittgensdorf stammende Schriftstellerin Ingeburg Siebenstädt, geborene Mühlstädt, die unter dem Pseudonym Tom Wittgen bekannt geworden ist, wurde mit ihren Romanen zu einer der erfolgreichsten Kriminalautorinnen Deutschlands [1].
In den folgenden Abschnitten wollen wir die Stationen ihrer Entwicklung näher behandeln.
Kindheit und Ausbildung
Ingeburg Siebenstädt wurde als Ingeburg Mühlstädt am 26. 04. 1932 in Wittgensdorf geboren. Sie wohnte mit ihren Eltern im Unterdorf in der Unteren Hauptstraße 84 [2-5, 9, 10, 13].

Nach dem Besuch der Schule in Wittgensdorf arbeitete sie zunächst in der Landwirtschaft [2-4, 10]. Ihr erstes Staatsexamen schloss sie am Seminar für Soziale Frauenberufe in Chemnitz ab [2-4, 10]. Anschließend holte sie das Abitur in Leipzig an der Arbeiter- und Bauern-Fakultät nach und studierte daraufhin in Leipzig und Berlin Germanistik mit dem Abschluss als Diplomgermanistin [2-5, 10].
Ihr Weg zur Schriftstellerin
Bereits in der Schulzeit erzählte sie ihrer Mitschülerin Gerda spannende Geschichten, um mit ihr den ungeliebten Weg zur Fütterung der „Karnikel“ im abseits gelegenen Garten gemeinsam zu gehen. Zunächst beschränkte sie sich dabei auf Märchen, die ihr aber schnell ausgingen. Anschließend erfand sie selbst spannende Geschichten. Um Gerda, wie sie sagt: „… bei der Stange zu halten…“, dachte sie sich immer neue Märchen aus. Sie hörte dabei immer an der spannendsten Stelle auf zu erzählen, um ihre Mitschülerin zu motivieren, am nächsten Tag wieder mit ihr zum Garten zu gehen [9].
Außerdem schrieb sie auch für mehrere ihrer Mitschüler Aufsätze für die Schule, wobei der Lehrer wohl nicht mitbekommen habe, dass alle Aufsätze von derselben Person stammten [9].
Nach dem Abschluss als Diplomgermanistin arbeitete Ingeburg Siebenstädt als Reporterin und Redakteurin beim Rundfunk der DDR [2-5,10].
Tätigkeit als Autorin im Bereich der Kriminalliteratur
Im Verlag „Das Neue Berlin“ arbeitete Ingeburg Siebenstädt zunächst für einige Jahre als Verlagslektorin auf dem Gebiet der Kriminalliteratur [2, 5, 10].
Ihre erste Kriminalerzählung in der „Reihe Blaulicht - Nr. 80“ erfolgte 1967 unter dem Titel „Der Überfall“. In der gleichen Reihe folgten bis 1983 mindestens zwölf weitere Beiträge, wie zum Beispiel:
- „Tapetenwechsel“ (1967)
- „Der Verdacht“ (1968)
- „Der Uhu schaut ins Wodkaglas“ (1970)
- „Lockvogel“ (1972)
- „Ein bisschen Alibi“ (1973)
- „Spring über deinen Schatten“ (1983)
Alle [2-5,10]
Die meisten ihrer Kriminalromane erschienen in der DIE-Reihe (Delikte-Indizien-Ermittlungen) des Verlages „Das neue Berlin“. Beispielhaft seien hier „Intimsphäre“ (1973) und „Tiefenprüfung“ (1978) genannt. [2-5,10]

Seit 1970 war sie als freischaffende Autorin tätig und lebte in Berlin [2, 5].
Bekannt wurde sie außerdem durch drei Drehbücher der bekannten Kriminalfilmreihe „Polizeiruf 110“:
- 1972 „Ein bisschen Alibi“
- 1978 „Doppeltes Spiel“
- 1993 „Blue Dream – Tod im Regen“
Außerdem war sie an verschiedenen Drehbüchern in der ARD-Reihe „Tatort“ mit beteiligt.
In ihren Romanen entwickelte sie, ähnlich wie Agatha Christie, eine Romanfigur. In insgesamt sechs Büchern, ergänzt durch eine lose Erzählung, bildete sie die Romanfigur des Oberleutnant und späteren Kommissar Simosch heraus. Das erste Erscheinen von Simosch erfolgte 1975 in „Das sanfte Mädchen“. 1998 erschien der letzte Band mit dem Titel „Rotlicht“ [6].
Weiterhin kreierte sie die Figur des Privatdetektivs Georg Eiserbeck, den sie in zwei Bänden (1973 und 1982) erscheinen lässt.
Interessanterweise veröffentlicht sie 1994 unter ihrem Namen Ingeburg Siebenstädt zusammen mit ihrem Pseudonym Tom Wittgen bei „Bastei Lübbe“ den Titel „Kathrin und Abel“ [2,6].
1994 wurde sie mit dem „Ehren-Glauser“, dem „Krimi-Oscar“ der Autorengruppe deutsche Kriminalliteratur „Das Syndikat“, für ihr Lebenswerk geehrt [2-5, 9, 10].
Sie erreichte eine Auflagenhöhe von über 100.000 und galt als erfolgreichste Krimiautorin der DDR, was ihr den Namen „Agatha Christie der DDR“ einbrachte. Ihre Kriminalromane wurden unter anderem in Ungarn, Polen, der UdSSR und der CSSR veröffentlicht. Die Werke von Tom Wittgen wurden als „Bückware“ gehandelt [2, 3, 9]. In [12] wird sie sogar als Auflagenmillionärin der DDR betitelt.
Nach der Wende wurde es schwer, aufgrund der deutlichen Zunahme an Werken, die erhältlich wurden, noch vom Schreiben der Romane zu leben. Sie erklärt in einem Interview, dass sie für ein Manuskript 2500 Mark angeboten bekam, während sie mehrere Monate an Recherche benötigte [3, 9]. Dies brachte ihr auch gewisse Existenzängste ein. Seit Mitte der 1990er Jahre hat sie dann das Schreiben aufgegeben.
Seit 2002 verbringt sie ihren Ruhestand bei Potsdam [3, 5]. Sie sagt über ihren Ruhestand [9]: „…ich will nicht mit dem Griffel in der Hand vom Stuhl fallen.“ Daher hat sie in ihrem Ruhestand angefangen, Noten zu lernen und ein Instrument zu spielen und freute sich über die Möglichkeit des Reisens.
Wittgensdorf als Kulisse
Für eine Erzählung sei Wittgensdorf wohl Kulisse gewesen. Allerdings hätte Tom Wittgen kein Bedürfnis gehabt, ihren Geburtsort zu „kriminalisieren“ [9].
Letzte Veröffentlichung
Ihre letzte Veröffentlichung wird auf 1999 datiert. Allerdings liegt dem Heimatverein ein weiteres sehr interessantes Buch vor, was eigenhändig von Tom Wittgen signiert und offenbar erst später in den 2000er Jahren erschienen ist.
Es trägt den Titel „Frühzeit – Roman einer Jugend 1945 – 1950“. Einzig ein Verweis in [10] deutet noch auf die Entstehung dieses Manuskripts hin. Ein Potsdamer Verlag ist darin für die Jahre 2008-2010 datiert, wobei jedoch keine ISBN ersichtlich ist.
Tom Wittgen schreibt darin über ein Mädchen namens Ingeburg, was in einem Dorf namens Talbach in der Nähe von Chemnitz wohnt und das Ende des Zweiten Weltkrieges und die unmittelbare Nachkriegszeit dort erlebt [8, 10].

Tätigkeit als Autorin in anderen Genres
Neben der Kriminalliteratur widmete sie sich auch anderen Genres. So schrieb sie zum Beispiel Kinderbücher, wie „Rumpelfahrt nach Hammelspring“ (1974) und „Der Bruder des Sheriffs“ (1979), die im Kinderbuchverlag Berlin erschienen sind. 1980 erschien „Borstel und die alte Kiefer“, im Verlag „Junge Welt“ [3, 9]. Auch Abenteuerromane sowie Jugendbücher gehörten zu ihrem Repertoire [9]. Weiterhin widmete sie sich 1979 historischen Themen. Der historische Roman „Eismeerdrift“ handelt von einer Arktis-Expedition des Schiffes „Jeannette“. Dieser historische Roman erschien im Verlag „Das Neue Berlin“ [3, 9].
Das Pseudonym Tom Wittgen
Ingeburg Siebenstädt verrät in einem Interview, dass sie sich bewusst für ein Pseudonym entschieden hat. Mit dem Hintergrund, dass sie zunächst als Lektorin arbeitete und somit auch Werke ihrer Schriftstellerkollegen ablehnen konnte, legte sie sich zur Vermeidung von Missgunst das Pseudonym Tom Wittgen zu. Tom soll dabei der Name ihres Sohnes sein und Wittgen legte sie bezugnehmend zu ihrem Heimatort Wittgensdorf an [9].
Abschließende Bemerkungen
Im Rahmen der Recherchen zu diesem Beitrag haben die Autoren versucht, Kontakt zu Tom Wittgen aufzubauen. Ihre Spur verliert sich jedoch in Potsdam, ihrer letzten uns bekannten Wohnadresse. Die Seniorenresidenz, wo sie bis 2021/22 noch lebte, wurde aufgelöst. Wohin sie verzogen ist, konnte leider nicht ermittelt werden.
Auch die freundliche Hilfe des Literatur-Kollegium Brandenburg e.V., wo sie bis vor wenigen Jahren noch aktiv war, blieb leider erfolglos [11]. Lediglich zwei Fotos, welche Tom Wittgen zur „Nacht der Poesie“ in der Bibliothek Pritzwalk im Oktober 2010 zeigen, konnte uns freundlicherweise vom Literatur-Kollegium Brandenburg e.V. zur Verfügung gestellt werden [11].


Sollten sich auf Grund unserer noch laufenden Recherchen weitere Erkenntnisse zur Autorin ergeben, werden wir diese in einem Nachtrag zum Artikel in der Rundschau 4/25 präsentieren.
Dr. Heike Jung
Stellvertreterin des Vorsitzenden
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.
Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.
Quellenverzeichnis:
[1] - https://www.deutsche-krimi-autoren.de/wittgen.htm (Stand: 31.10.2024)
[2] - https://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Wittgen (Stand: 31.10.2024)
[3] - www.krimilexikon.de/wittgen.htm (Stand: 31.10.2024)
[4] - https://www.stadtbibliothek-chemnitz.de/autorenlexikon/pmwiki.php?n=Autor.TomWittgen (Stand: 31.10.2024)
[5] - https://www.eulenspiegel.com/autoren/autor/431-tom-wittgen.html (Stand: 31.10.2024)
[6] - www.buechertreff.de (Stand: 05.11.2024)
[7] - Bestand Heimatstube Wittgensdorf
[8] - Wittgen, Tom: Frühzeit: Roman einer Jugend 1945 -1950, Druckerei Steffen Potsdam, 2008
[9] - Das Buch, Hrsg.: Regenbogenbus e.V., Interview mit Tom Wittgen, 2004
[10] - https://wikiwand.com/de/articles/Tom_Wittgen (Stand: 03.01.2025)
[11] - www.literaturkollegium.de (Stand: 02.01.2025)
[12] - Helmut Eikermann: Das Ende der Ost-Krimis?: Bemerkungen zur Kriminalliteratur in den neuen Bundesländern, Berliner LeseZeichen, Ausgabe 05/97 (c) Edition Luisenstadt, 1997, www.berliner-lesezeichen.de, Online unter: https://berlingeschichte.de/lesezei/blz97_05/text01.htm (Stand: 05.01.2025)
[13] - Adressregister von 1937, Bestand Heimatstube Wittgensdorf