Obere Siedlung – 1
erschienen in: Heft 6/2015
Die Obere Siedlung in Wittgensdorf - Teil 1
ein Beitrag zur Ortsgeschichte
Beginnend mit diesem Beitrag wollen wir in loser Folge unter bestimmen Bedingungen entstandene Siedlungsgebiete unseres Ortes vorstellen und deren Geschichte und Entwicklung näher beleuchten.
Das im Volksmund als "Obere Siedlung" bekannte Siedlungsgebiet liegt, wie der Name schon besagt, am oberen Ortsrand von Wittgensdorf auf geschichtsträchtigem Boden, nämlich in der Nähe des sog. "Mordgrundes". Hier soll nach der Chronik des Thietmar von Merseburg zufolge am 13. Juli des Jahres 892 Bischoff Arno von Würzburg bei einem Kriegszug gegen die Slawen von diesen getötet worden sein. Dazu lesen wir im Heft "Aus der Geschichte unserer Heimat", Herausgeber: Rat des Kreises Karl-Marx-Stadt, Druck: F.G. Große, Limbach-Oberfrohna 1958(?) auf der Seite 12 folgenden Text:

Im nachstehend abgebildeten Kartenausschnitt ist die Lage des Mordgrundes und der Straßenwiesen angegeben. Der Mordgrund ist östlich von der ehem. Wasserschänke in Richtung der ehemaligen Fischteiche oberhalb der Siedlung zu suchen. Die Straßenwiesen befinden sich in etwa auf dem Areal der Gießerei Sachsenguß.

Die links neben dem Mordgrund eingezeichnete Straße ist die heutige Leipziger Straße, die ehem. B 95.
Doch nun zurück zum Ausgangspunkt, zur Oberen Siedlung. Wie kam es zur Gründung solcher Siedlungen in ganz Deutschland?
Bereits mitten im 1. Weltkrieg wurde der Ruf nach Kriegsheimstätten in ganz Deutschland laut. Man wollte den heimkehrenden Soldaten und ihren Familien sowie kinderreichen Bürgern eine Heimstätte bieten. Einen weiteren Gedanke beinhaltete die Heimstättenbewegung hinsichtlich der Eigenversorgung dieser Siedler mit Nahrungsmitteln durch Eigenanbau und Kleintierhaltung. Diese Bemühungen unterstützte der deutsche Staat durch verschiedene Gesetze. Bereits nach dem 1. Weltkrieg griff der Staat erstmals in die Wohnungsversorgung der Bevölkerung vom 28. März 1918, das durch das Preußische Wohnungsgesetz Reichssiedlungsgesetz vom 11.09.1919 und das Reichsheimstättengesetz vom 10.05.1920 ein.
1919 gründete sich die "Freie Arbeitsgemeinschaft für Kriegersiedlungen e.V. Sitz Dresden". Der Verein wurde dann 1923 umbenannt in "Allgemeiner Sächsischer Siedlerverband e.V. Sitz Dresden".
Diese Möglichkeiten wurden auch in Wittgensdorf mit Wohlwollen gesehen. Der Gemeinderat stimmte diesen Vorhaben zu, die Fabrikanten Häberle und Ihle wollten Bauland bereitstellen, die Realisierung ließ jedoch auf sich warten. Erst mit der 1923 erfolgten Gründung des Allgemeinen Sächsischen Siedlerverbandes verbesserte sich die Situation. Die Sächsische Staatsregierung forderte die Kommunen auf, geeignete Baugrundstücke auszuweisen und den Bauwilligen zu Verfügung zu stellen. Die beiden schon o.a. Fabrikanten haben dabei als erste einige Flächen angeboten. Damit konnten die vorbereitenden Arbeiten beginnen.
Die nachstehenden Kartenausschnitte zeigen die Lage des Siedlungsgeländes.
Messtischblatt von 1915, Siedlungsgelände noch unbebaut

Gleicher Kartenausschnitt von 1940 mit eingezeichneter Siedlung

Eine herausragende Rolle bei der Initiierung der Siedlungsgründung übernahmen dabei die Mitglieder der Musikvereinigung Wittgensdorf. Sie schlossen sich im Jahr 1924 zum Verein "Siedlung" zusammen und ließen sie als Heimstätten- und Kriegssiedlung beim Amtsgericht Chemnitz eintragen. Der Bürgermeister verkaufte die ersten Grundstücke an die Siedler.

Das angefügte Bild dokumentiert den Baubeginn der Siedlungshäuser.

Da das zur Verfügung gestellte Gelände zwischen einem in Betrieb befindlichen Steinbruch (Bruchsteine für die Fundamente) und einer ebensolchen Ziegelei lag, gestaltete sich die (Mauerziegel Materialbeschaffung recht einfach. Die ersten Bauherren waren die schon o.a. 10 Mitglieder der Musikvereinigung Wittgensdorf sowie Arbeiter aus der nebenliegenden Ziegelei.
Die ersten Gebäude als Doppelhäuser mit ihren markanten Tonnendächern entstanden an der Straße "An der Siedlung". Die nachfolgenden Fotos geben einen guten Eindruck von diesen Häusern mit ihrer markanten Dachgestaltung wieder.


Die Siedlung wurde ständig erweitert und weitere Doppelhäuser kamen hinzu. In den 30iger Jahren entstanden Doppelhäuser am "Grünen Weg" und auch einige einzeln stehende Gebäude an der "Damaschkestraße". Zum besseren Verständnis fügen wir einen Übersichtsplan der Siedlung - mit Neusiedlung welche nach der Wende entstand - bei.

Der Siedlerverein entwickelte sich zu einer ganz entscheidenden Kraft und kümmerte sich dabei um die im Bau befindlichen Siedlerhäuser. Die anfallenden Arbeiten wurden dabei ganz dem Siedlergedanken folgend gemeinsam und mit großem Einsatz ausgeführt. Damit bestimmte er weitgehend das gesellige und praktische Leben der Siedler. Auch während des 2. Weltkrieges wurde die Vereinsarbeit weitergeführt. So kaufte im Jahr 1942 der Siedlerverein eine mit einem Mangelhaus bebaute Wiesenfläche von der Gemeinde Wittgensdorf. Diese war zunächst als Wäscheplatz für die Siedler vorgesehen, wurde aber sofort von den Kindern als Sport- und Spielwiese angenommen und bekam daher bald den Namen "Turnwiese". Später wurde sie zur Futtergewinnung für die Kleintierhaltung der Vereinsmitglieder genutzt. Sie steht bis heute als Siedlerwiese dem Verein für Feste aller Art zur Verfügung.
Im zweiten Teil unserer kleinen Chronik wollen wir uns mit der weiteren Entwicklung der Siedlung nach 1945 bis hin zum Jahr 2015 befassen.
Sollten Ihnen bei der Lektüre unseres Beitrages noch bemerkenswerte Dinge zum ersten oder auch zum geplanten zweiten Teil ins Gedächtnis kommen, so lassen sie uns dies bitte unter Telefon 0371/3314393 oder per Email ullrich.nier@t-online beziehungsweise an Ihre Ansprechpartner im Siedlerverein Wittgensdorf e.V. zukommen.
Wir setzen uns dann umgehend mit Ihnen in Verbindung und werden Ihre Gedanken und Ihr Wissen gern in unseren Artikel mit einarbeiten.
Peter Chevalier
Chronist im Siedlerverein
co. Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.