Murschnitz
erschienen in: Heft 6/2023
Murschnitz – Ortsteil von Wittgensdorf
ein Beitrag zur Geschichte unseres Heimatortes

Der Wittgensdorfer Ortsteil Murschnitz – oder auch als „Holzdorf“ benannt - hat eine lange Geschichte und ist u.U. älter als Wittgensdorf selbst. Sein Name deutet auf eine Ortsgründung schon zu Zeiten der Sorben und Wenden, welche das Gebiet des Gaues „Chutizi orientalis“ (Chutizi östlicher Teil [Anm. Verf.]) als Teil der Grenzzone zwischen den Siedelgebieten der slawischen und germanischen Stämmen – territorial gelegen zwischen Elbe und Saale – bewohnten. Sowohl in [1] als auch in [2] finden wir fundierte Belege über die Besiedlung dieses Gebietes durch die sog. „Westslawen“, d.h. die Sorben und Wenden. In [2] wird das Gebiet des Gaues „Chutizi orientalis“ näher beleuchtet. Teile dieses Gaues wurden im Jahr 981 dem Bistum Meißen zugeschlagen. Bönhoff beschreibt hier anhand alter Urkunden u.a. dessen Grenzen. Wörtlich: „Bezeichnenderweise begegnen wir an dem gedachten Grenzzuge [der Südgrenze, Anm. d. Verf.] slavischen Ortsnamen wie: Murschnitz, Taura, Elzing (Wüstung bei Limbach) und Mylen (Mühlau). Eine Namenserklärung gibt uns [3]:
Dazu sei noch bemerkt, dass Murschnitz einst ein Teil eines größeren Ortes gewesen sein könnte. In [4] lesen wir dazu auf Seite 13 folgende Zeilen:

Auch in mündlich überlieferten Sagen wird das Gebiet am Holzbach erwähnt und es wird von unerklärlichen Geschehnissen berichtet. In [4] lesen wir dazu auf Seite 45 die nachstehenden Texte:

Mit der o.a. Kapelle ist die Kapelle in Herrenhaide gemeint. Ich verweise hier auf meinen Artikel „Zur Geschichte der Kapelle „Zum Heiligen Kreuz“ auf der Herrenhaide“ Teil 1 und 2 in der RW 3 und 6/2018.

Doch wenden wir uns nun den gesicherten geschichtlichen Fakten zu. Eine wertvolle Quelle hierzu ist eine Ausarbeitung des vormaligen Kirchenbuchführers Arno Hempel von 1947 unter der Überschrift „Heimatgeschichtliches über Murschnitz“. Hier geht er ebenfalls auf die frühe Geschichte und die Entwicklung der Namensgebung ein.
Dazu schreibt er:
„Die von 1620 – 1725 übliche Bezeichnung in den Kirchenbüchern war „in der Morschnitz“, vereinzelt findet man Abweichungen wie „Morssnitz“ und „Morchniz“, hieraus entwickelte sich in der folgenden Zeit die Schreibweise Murschnitz“.
Hinsichtlich der territorialen Entwicklung führt Hempel aus, dass die beiden Mühlengrundstücke mit hoher Wahrscheinlichkeit als die anfänglichen Siedlungsplätz anzusehen seien. Diese Annahme können wir gut akzeptieren, waren doch Plätze mit einer gesicherten Wasserversorgung und passenden geographischen Voraussetzungen (Höhendifferenzen bei Wasserzu- und ablauf) prädestiniert zur Anlage einer Wassermühle und damit wichtig zur Versorgung der Bevölkerung mit Mehl als Grundstoff für das Lebensmittel Brot. Die übrigen Grundstücke, so Hempel, mögen sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. Marodierende Räuberbanden, durchziehende Militärverbände, viele Kriege und nicht zuletzt grassierende Seuchen wie die Pest überzogen den Ort und sorgten für Elend und Tod. Doch nach langen Notjahren mag es dann auch langsam vorwärts gegangen sein, Familie wurden gegründet und unter Mühe und Not das tägliche Brot erworben.
Von dieser sich bessernden Zeit schreibt Hempel folgende Zeilen:

Wir sehen hier anhand der aufgeführten Namen, dass sich auch ein vielfältiges Handwerk entwickelt hatte. Aufgeführt werden Töpfer, Leineweber, Schneider, Zimmerleute, Schuster, Strumpfwirker und die beiden Mühlen. Die Bezeichnung Gärtner steht für das sog. „Gartengut“, heute würden wir Kleinbauern dazu sagen; ihr Landbesitz belief sich von wenigen Morgen ( 1 Morgen = 2767 m² oder 150 Quadratruten) bis auf wenige Hektar Ackerland. Eine grundlegende Voraussetzung bei der Erschließung einer Ansiedlung war das Vorhandensein einer ausreichenden Versorgung mit gutem Wasser für Mensch und Vieh. Es ist anzunehmen, dass zuerst viele Anwesen ihr Trinkwasser aus dem Oberflächenwasser der Holzbach bezogen und erst mit der weiteren Erschließung der Grundstücke Brunnen eingerichtet wurden. In späteren Jahren kam das sog. „Röhrenwasser“ hinzu, d.h, es wurden Brunnengalerien mit einem nachgeschalteten Sammelbrunnen eingerichtet. Von diesem gingen dann im natürlichem Gefälle hölzerne Wasserleitungen (Wasserröhren) zu den einzelnen Abnehmern. In einer „Übersichtüber sämtliche Wasserversorgungsanlagen (Brunnen usw.) in Wittgensdorf“ vom 18.Juni 1913 lesen wir für die Nummern 452 bis 465 folgende Eintragungen:
| Was | Anzahl | Baujahre |
|---|---|---|
| Brunnen | 6 | 1868-1906 |
| Röhrenwasser | 7 | unbekannt |
In späteren Jahren wurde dann das Wasserwerk Murschnitz errichtet. Es speiste sich aus einer Sickerstrecke. Hier ist anzunehmen, dass diese einfacherweise die das Röhrwasser versorgende Brunnengalerie verwendete. Wie mir Herr Ulbricht hierzu berichtete, lief das Wasser den beiden Sammelbehältern des Wasserwerkes im freien Gefälle zu. In einer Druckleitung wurde das Wasser einem am oberen Ortsrand von Taura liegenden Hochbehälter zugeführt und von diesem zum „Taurasteinturm“, dem Hochbehälter von Burgstädt gepumpt. Nachstehend ein Foto vom Wasserwerk Murschnitz.

Eine wichtige Rolle in Murschnitz spielten, wie schon o.a., die beiden Mühlen – die Obere und die Untere Mühle. Wir lesen dazu in [4] auf Seite 17 die nachstehenden Zeilen:
"Die Obere Mühle, heute (1956 [Anm. Verf.]) Weinrichs Gut, wird 1556 als Mehl- und Brettmühle bezeichnet. Sie war von 1671 bis 1830 im Besitz einer Familie Wündsch, die Herren Johann Michael und Johann Gottfried Wündsch werden von 1771 bis 1809 als „Erbmalmüller in Morschnitz“ geführt. Ein handgemaltes (Luft-)Bild vom Anwesen aus dem Jahr 1933 zeigt uns den Oberen Teich und Weinrichs Gut, Murschnitz No. 9.

Auf seiner Internetseite www.ahnenforschung-liebert.de hat Herr Thomas Liebert aus Lunzenau die sog. Müllerdatenbank veröffentlicht. Hier sind unter Murschnitz, D-09228, die Namen der Müller von 1621 (Taufbuch Wittgensdorf 1621/000) bis 1813 (ebenda, 1813/052) unterteilt nach Oberer und Unterer Mühle, zu finden.

Die Untere Mühle, Murschnitz No.1, (links) stand wegen Wassermangels oft still, brachte den Zins nicht auf und fand erst wieder Pächter, als die Rochsburger Herrschaft den Zins senkte. Das Anwesen brande im Jahr 1906 ab und wurde als Schlosserei neu errichtet. In den 20iger Jahren, das genaue Datum ist nicht bekannt, richtete man an Stelle der Schlosserei eine Tischlerei ein. Gut bekannt in Murschnitz war die Familie Esche, die mit Vater und zwei Söhnen das Handwerk betrieb. Ein Sohn arbeitete später als Tischlermeister in der PGH Holzwerkstätten in Wittgensdorf an der Chemnitzer Straße. Bei mit Murschnitzer Einwohnern zu Handel und Gewerbe geführten Gesprächen traten noch viele interessant Details zu Tage. So erzählte sowohl die Familie Samusch als auch Herr Ulbricht von einem Böttcher und Zimmermann namens Paul Ulbricht der in No. 11 ansässig war. Im Volksmund war er als „Böttcher-Paul“ bekannt. Ein kleiner Lebensmittelladen wurde in No. 9 von Frau Schaufuss betrieben. Außerdem stand hier noch eine sog. Kaltmangel mit Handbetrieb, d.h., dass sie mittels Handkurbel betrieben werden musste. Ein beliebter Schlager aus den 30iger Jahren hatte den Text:
„Du kannst mir mal die Mangel dreh`n, Du bist so groß und stark“.

Ebenfalls eine wichtige Rolle spielte in Murschnitz die Feuerwehr. Schon im Jahr 1884 wurde die „Freiwillige Feuerwehr II. Kompanie“ gegründet. Im „Wittgensdorfer Wochenblatt“ vom 04. Juli 1934 wird über das am 16. Juni in der Gaststätte „Jagdschänke“, Burgstädter Straße, stattgefundene 50jährige Stiftungsfest berichtet. Namentlich erwähnt werden die Gründer der Wehr, die Ehrenhauptleute Franz Winkler und Max Gerlach, der Branddirektor Otto Gleisberg sowie weitere Ehrengäste.
Im Bestand der Sammlung Heimatstube befinden sich einige schöne alte Fotos von der Murschnitzer Feuerwehr.



Interessant ist dabei die örtliche Einordnung des „Spritzenhauses“ – Unterstand der Feuerwehrgeräte und der Ausrüstung – und des sog. Steigerturms. Das Spritzenhaus befand sich auf dem Grundstück No. 11 und der Steigerturm war an einer Scheune des Gehöftes auf Grundstück No. 12 angebaut. Diese Situation ist auf der oben gezeigten Fotomontage zu erkennen. Glücklicherweise stehen uns hierzu noch Einzelfotos zur Verfügung.


Dabei weist uns das vorstehende Foto auf einen besonderen Umstand hin. Hierzu erzählte uns Herr Ulbricht, dass auf Grund der örtlich Nähe das „Gasthaus Murschnitz“ der Fam. Winkler die „Stammkneipe“ der Murschnitzer Feuerwehrkameraden war. Auch sei der Dienst oft nicht so verbissen gesehen worden, es wird von Kameraden berichtet welche in den sog. Holzpantoffeln zum Dienst erschienen seien.
Kommen wir damit zum nächsten und abschließenden Teil unseres Artikels. Denn nicht nur Mühen und Arbeit bestimmten das Leben der Murschnitzer Einwohner. Sobald sich die Gelegenheit ergab, bestimmte auch Spass und Freude das Leben der Menschen. Da das gesamte Murschnitzer Gebiet im Eigentum des Rittergutes war – die Ackerflächen und Grundstücke der Murschnitzer waren vom Rittergut in sog. „Lehn“, also zur Pacht gegeben – gehörten auch die Teiche natürlich dem Rittergut. Daher war das Abfischen des Oberen Teiches für die Rittergutsleute ein großes Ereignis und für die vielen Zuschauer ein reizvolles Schauspiel. Auch wurde früher im Winter die Eisfläche des großen Teiches viel besucht und darauf ein lebhafter Schlittschusport betrieben. Dazu bot die aus Bayern stammende Frau Edmunde Hahn selbstgebackene Pfannkuchen zum Kauf an. Nach dem Eislaufen konnten sich die Schlittschusportler dann in Winklers Gasthaus bei warmen Getränken erholen. In [5] lesen wir dazu folgende Zeilen:

Hierzu finden wir in einem alten Adressbuch von Burgstädt, November 1903 den Eintrag: Franz Clemens Teodor Winkler, Gastwirt, Murschnitz Nr. 12. Dazu noch ein Foto vom alten Gasthof.

Eine weitere Gaststätte, allerdings NICHT mehr zu Murschnitz sondern zu Köthensdorf gehörig, da auf der Köthensdorf-Reitzenhainer Flur gelegen, ist der Gasthof „Heiterer Blick“. Das Grundstück liegt jedoch in unmittelbarer Nähe am oberen Ortsausgang von Murschnitz, so dass wir diesen Gasthof gern mit in unsere Chronik aufnehmen, zumal nahezu alle Murschnitzer Festivitäten, Hochzeiten, Taufen, runde Geburtstage etc. dort stattfanden.
Eine alte Postkarte zeigt und das Anwesen.

Mit diesen Ausführungen wollen wir unseren Artikel abschließen. Sollte der eine oder andere Leser noch Informationen, Fotos oder alte Zeitzeugen dazu finden, so ist der Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V. jederzeit daran interessiert. Für Fehler oder aufgetretene Ungenauigkeiten bitten wir im Voraus um Entschuldigung, werden diese jedoch gern in einem Nachtrag in der Rundschau Wittgensdorf – wenn gewünscht – richtigstellen.
Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.
Quellen:
[1] – Aufsatz „Der slawische Adel, seine Sprache und seine Namen zwischen Saale und Elbe“ vom 10. bis 13. Jahrhundert, Prof. Dr. phil. habil. Karlheinz Hengst
[2] – Aufsatz „Chutizi orientalis“, von Dr. Leo Bönhoff, Neues Archiv für sächsische Geschichte und Altertumskunde, 31. Band, Dresden 1910
[3] – Hans Walther, Das obere Mulde-Chemnitz-Gebiet S. 20, in „Zur Besiedlung der Region Rochlitz-Chemnitz-Glauchau“, Miriquidi Jahresheft 2001
[4] – 700 Jahre Wittgensdorf, Rat der Gemeinde, Wittgensdorf 1956
[5] – Geschichtliches aus der Heimat – Wittgensdorf, H. Wienold, Chemnitz. 1936