Königsbesuch vor 100 Jahren
erschienen in: Heft 4/2013
Der Besuch von Friedrich August III, König von Sachsen vor 100 Jahren am 02. September 1913 in Wittgensdorf
Zweimal wurde Wittgensdorf im vorigen Jahrhundert von sogenannten Personen der Geschichte „heimgesucht“. Am 02.09.1913 war es der sächsische König Friedrich August III.

und 1986 der Staatsratvorsitzende der DDR, Erich Honecker.
Friedrich August III. fuhr von Limbach aus über die Leipziger Straße in unser Dorf herein. Dabei konnten die Spalier stehenden Dorfbewohner – Wittgensdorf hatte zu dieser Zeit ca. 6000 Einwohner – in der langsam fahrenden offenen Limousine Ihren Landesvater begrüßen. Dieser grüßte seine „Untertanen“ mit huldvollem Winken. Der Genosse H. erreichte Wittgensdorf aus derselben Richtung um die damalige Gießerei „Rudolf Harlaß“ zu besuchen. Sein Wagen jedoch kam in solch rasanter Fahrt, dass die zur Begrüßung vor Ort stehenden Schulkinder kaum Zeit zum Winken hatten.
Zwei Welten – aber beide gehören längst zur Geschichte. Auch brauchte man 1912 keine Straßengullis zu kontrollieren oder gar zu verschweißen, denn die einzige im Ort existierende Schleuse war der Dorfbach.
Über die Ereignisse in Wittgensdorf berichtete am 03.09.1913 die „Burgstädter Tageszeitung“ wie folgt:

Zur Illustration des Besuches noch zwei Fotos vom Besuch der Turnhalle auf der Chemnitzer Straße.
Bild 1 zeigt die Begrüßung des Königs am Eingang der Turnhalle durch Turnerinnen des Turnvereins. Im Vordergrund die königliche Limousine mit geöffnetem Verdeck – diese wurde von der damaligen Landesregierung für 40.000 Reichsmark samt Chauffeur vom Hersteller Mercedes gekauft. Die Spitzengeschwindigkeit betrug 70 km/h .
Bild 2 zeigt den König in Begleitung des Gemeindevorstandes, Herrn Heinzius sowie der Herren Häberle und Steinbach beim Verlassen der Turnhalle.

Begrüßung des Königs durch Turnerinnen des Turnvereins vor der Turnhalle Chemnitzer Straße

S.M. Friedrich August III beim Verlassen der Turnhalle in Begleitung des Gemeinde- vorstehers Herrn Heinzius (neben dem König) und der Herren Steinbach u. Häberle
Wie im Artikel der „Burgstädter Tageszeitung beschrieben, beendete der König seinen Besuch unseres Ortes gegen 14.30 Uhr. Sein Weg führte über das Unterdorf in Richtung Chemnitz. Hier wurde er um 15.00 Uhr in der Küchwaldschänke erwartet, denn man feierte mit einer großen Blumenausstellung den Kornblumentag. Die gesamte Chemnitzer Prominenz war anwesend und bereitete dem sächsischen König einen herzlichen Empfang. Jedoch drängte bald wieder die Zeit, denn 16.00 Uhr wartete auf dem Chemnitzer Hauptbahnhof der Sonderzug in die Residenzstadt Dresden. Offensichtlich hatte das herrschende gewittrige Wetter den Gast bewogen seinen gemütlichen Salonwagen zu nutzen. Seine Luxuslimousine trat somit den Rückweg ohne ihn an und traf mit Sicherheit später in Dresden ein – die Autobahn gab es 1913 noch nicht.
Abschließend noch einige biographische und anektodische Details zum „Volkskönig“ Friedrich August III von Sachsen
Friedrich August III. König von Sachsen wurde am 25. Mai 1865 als viertes Kind und ältester Sohn des Prinzen Georg von Sachsen und dessen Gemahlin Infantin Maria Anna von Portugal in Dresden geboren.
1883 legte Friedrich August vor einer Prüfungskommission unter Vorsitz des sächsischen Kultusministers das Abiturexamen mit Auszeichnung ab. Im Anschluss studierte er in Straßburg und als erstes Mitglied des sächsischen Königshauses in Leipzig an der Landes-Universität. Zahlreiche Bildungsreisen vervollständigten das Ausbildungsprogramm.
Mit seiner Volljährigkeitserklärung 1886 nahm er den aktiven Dienst in der königlich sächsischen Armee wieder auf und trat als Leutnant in die 7. Kompanie des Leibgrenadier-Regiments Nr. 100 ein. Aufgrund seiner Herkunft legte Friedrich August eine glänzende Offizierskarriere hin und wurde schon 1894 zum Generalmajor befördert und zum Inspekteur der Unteroffiziersschule in Marienberg sowie der Soldatenkinder-Erziehungs-Anstalt in Struppen ernannt.
Am 15. Oktober 1904 starb König Georg und Friedrich August wurde sein Nachfolger. Der Monarch gilt aus heutiger Sicht sowohl als Familienmensch sowie als typischer Landesvater, der stets das Wohl Sachsens im Blick hatte. Ein beredtes Zeugnis dafür sind seine Worte aus der Thronrede: „Es wird mein stetes Bestreben sein, das Land und meines Volkes Wohl und jeden, auch den letzten meiner Untertanen glücklich und zufrieden zu machen!“.
Er war ein Kunstmensch, liebte die Jagd, förderte die Wirtschaft und galt vor allem deshalb als volkstümlich, weil er nie einen Hehl daraus machte, nicht nur im Gespräch mit dem Volk sondern auch im Umgang mit anderen deutschen Königshäusern, Sächsisch zu sprechen.
Friedrich August gelang es in seiner Amtszeit, in Sachsen nach seinem unpopulären Vater König Georg, das Vertrauen der Bevölkerung zu ihrem König zurück zu gewinnen. Am 21. November 1891 heiratete Friedrich August in Wien eine Verwandte des Kaisers von Österreich, die Erzherzogin Luise von ÖsterreichToskana. Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor.
Im Oktober 1913 hielt Friedrich August III. die Festrede zur Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig. Ursprünglich sollte der Deutsche Kaiser diese Rede halten, aber die deutschen Fürsten schlugen den König von Sachsen vor – ausschlaggebend dafür war hierfür die spezielle Beziehung Sachsens zu Kaiser Napoleon. Friedrich August betonte in dieser Rede, dass sich solch eine Schlacht mit so vielen Menschenopfern niemals wiederholen dürfe. Ironie des Schicksals: Neun Monate später begann der Erste Weltkrieg. Die Rede wurde sehr gelobt, wenn auch im Nachhinein über seinen sächsischen Dialekt gespöttelt wurde. Im November 1918 griffen die revolutionären Unruhen auch auf die sächsischen Städte Dresden, Leipzig und Chemnitz über, Arbeiter-und Soldatenräte wurden gebildet. Der König untersagte die blutige Niederwerfung der Aufständischen. Als ihm gemeldet wurde, auf dem Haupthahn-Hof Dresden werde geschossen, soll er gesagt haben: „Sind die denn verrückt geworden, wollen doch froh sein dass Friede ist. Ich verbiete jegliche Schießerei“ Das war sein letzter Befehl. Am 13. November schließlich verzichtete Friedrich August, der vor den Ereignissen in Dresden auf Schloss Guteborn bei Ruhland Zuflucht gesucht hatte, auf den Thron und entband alle Offiziere, Beamte, Lehrer und Geistlichen von ihrem Treueid. Allerdings ist der ihm nachgesagte historische Satz „Nu da machd doch oiern Drägg alleene.“ (Na, dann macht doch Euren Dreck alleine!) bei der Abdankung 1918 historisch nicht belegt. Auch seine zweite Aussage „Ihr seid mer ja scheene Demogradn!“ (Ihr seid mir ja schöne Demokraten!) bei einer Ankunft im Neustädter Bahnhof in den 1920er Jahren, als eine jubelnde Menschenmenge ihn empfing, ist ebenso wenig historisch nachweisbar. 1919 wollte die damalige Regierung des Landes Sachsen Friedrich August zur Mitarbeit in der Regierung gewinnen. Diesen Vorschlag hat FA jedoch nicht angenommen. Auch zur politischen Entwicklung in den 30iger Jahren nahm FA eindeutig Stellung. Er bezeichnete die Nazipartei als „Teufelsbrut“
Am 18. Februar 1932 verstarb Friedrich August im Alter von 66 Jahren an einem Gehirnschlag auf Schloss Sibyllenort. Sein Leichnam wurde nach Dresden überführt und am 23. Februar in der Gruft der Katholischen Hofkirche mit einem riesigen, nicht geplanten Volksansturm beigesetzt. Über 500.000 Menschen, aus allen Teilen Sachsens angereist, gaben dem letzten sächsischen König das Trauergeleit. Beigesetzt wurde der Soldat am Volk, als den er sich stets sah, auch mit militärischen Ehren. Viele Anektoden über ihn verdeutlichen seinen volkstümlichen Charakter und belegen sein gutes Verhältnis zu seinen Landsleuten.
Hierzu eine kleines Beispiel:
Einmal ging der König ohne jede Begleitung auf der Landstraße nach Pillnitz spazieren. Er begegnete einem Fleischer, dem das Pferd gestürzt war. Dieser wollte das Pferd wieder hoch bringen, aber es misslang. Entschlossen ging Friedrich August zum Wagen und nahm Zügel und Peitsche in die Hände. Mit einem Kommando und einem Peitschenknall des Königs stand das Tier wieder auf. Der Fleischer, der seine Majestät nicht erkannt hatte, fragte erstaunt: „Sind Sie auch Fleischer?" Darauf sagte der König lachend: „Nee, ich sehe bloß so aus!"
Bei vielen Sachsen ist und wird er auch weiterhin so in Erinnerung bleiben
„Unser Geenich !!"
Quellennachweis:
Walter Fellmann: Unser letzter König
Wikipedia: Friedrich August III. (Sachsen)
Fotos: 1 S.Weise Kirchwinkel, 2+3 Privat (Besuch Wittgensdorf),