Geschichte der Kirche – 1
erschienen in: Heft 3/2020
Die Geschichte der Kirche zu Wittgensdorf
Ein Beitrag zur Ortsgeschichte
In diesem Beitrag wollen wir versuchen, die Geschichte der Kirche unseres Heimatortes anhand uns vorliegender Aufzeichnungen und Dokumente darzustellen und damit allen interessierten Wittgensdorfern und ihren Gästen zu vermitteln.
Wir stützen uns dabei auf Aufzeichnungen und Publikationen aus dem Archiv der Kirchgemeinde, auf bei der Reparatur der Turmknöpfe zugänglich gewordenen Dokumente sowie der in reicher Vielfalt vorhandenen Literatur zur Kirchengeschichte Sachsens. Besonderer Dank gebührt den Herren Jörg Müller und Dr. Matthias Müller, den Söhnen unseres ersten Nachwendebürgermeisters Dr. Reinhard Müller, die den „heimatkundlichen“ Nachlass ihres Vaters dem Heimatverein zur Verfügung stellten. Ausdrücklich bedanken möchten wir uns auch bei Herrn Steffen Böhme der uns bei unseren Recherchen im Kirchenarchiv aktiv unterstützte. Wesentliche Hilfe bei unseren Recherchen stellten die Ausarbeitungen vom vormaligen Kirchenbuchführer Arno Hempel (gest. 30.09.1949) sowie die Transkriptionen des Kirchenbuches (Akten Nr. 468) von Herrn Dr. Reinhard Müller dar, die uns tiefere Einsichten in die Geschichte der Wittgensdorfer Kirche ermöglichten.


Die Geschichte eines Ortes im europäisch christlich geprägten Raum ist untrennbar verbunden mit der Geschichte seiner Ortskirche - man kann sagen: Ohne Kirchengeschichte keine Geschichte des Heimatortes. Wir werden also in den Ausführungen zur Frühgeschichte unserer Kirche viele Berührungspunkte zu unserer Heimat finden. Interessierten Lesern empfehlen wir deshalb als begleitende Literatur die am Ende unseres Beitrages aufgeführten Quellen, die bei Bedarf als PDF-Datei zur Verfügung gestellt werden können.
Auf Grund des Umfangs der von uns geplanten Betrachtungen werden wir diese in die folgenden Abschnitte gliedern:
- Besiedlung, „Kapelle zum Heiligen Kreuz“, Aufteilung der Ortsflur, Überlieferungen (Baugeschehen, Pastoren, Kantoren und Kirchschullehrer) bis ca. 1729
- Überlieferungen 1729 bis ca. 1900
- Überlieferungen 1900 bis ca. 1945
- Überlieferungen ab ca. 1945 bis 1989
- Überlieferungen ab ca. 1989 bis heute
Beginnen wir nun mit dem ersten Abschnitt unserer Betrachtungen.
Wie schon in [1] einleitend dargestellt, ist auch unser Wittgensdorf im Rahmen des hochmittelalterlichen Landesausbaus im Zusammenhang mit der deutschen Ostkolonisation etwa zwischen 1150 und 1250 entstanden. Mit Sicherheit war nun ein Kirchgebäude nicht das erste Bauwerk in einem neu entstehenden Dorf. Es darf allerdings angenommen werden, dass sich das in erreichbarer Nachbarschaft liegende Benedikterkloster Chemnitz (Gestiftet 1136 von König Lothar III., mit Pegauer Benediktermönchen besetzt und 1143 in einer Nachricht König Konrads III. an den Vogt des Klosters erstmals urkundlich erwähnt – Quelle: de.wikipedia.org/wiki/ChemnitzSchloßchemnitz#Kloster,Schloss) beizeiten um die in seiner Nachbarschaft liegenden neu entstehenden Dörfer kümmerte. Nachstehend eine Übersicht von den sich in der Nachbarschaft des Klosters befindlichen Ortschaften von Karlheinz Hengst in [4], Seite 32, Abb. 3 Besiedlung des Chemnitzer Raumes um 1250.

Die grün angelegten Ortschaften werden hier als Ortsgründungen und -erweiterungen durch das Kloster nach 1136 definiert. Wittgensdorf (rot angelegt) wird unter den unbekannten Gründern geführt. Hierzu ist noch zu bemerken, dass die durch das Kloster erfolgten Ortsgründungen und –erweiterungen im Süden des Klosters liegen. In nördlicher Richtung dominieren die Ortsgründungen durch die Herren von Blankenburg (blau angelegt), welche in der damaligen Zeit eine wichtige Rolle für Chemnitz und sein Umland spielten.
Soweit erst einmal zur Geschichte der Ortsgründungen im Umland des Klosters der Benediktiner von Chemnitz. Wie schlagen wir nun den Bogen zur Geschichte unserer Kirche?\Hier gibt uns Meiche in [7] einen relativ gesicherten Aspekt an die Hand, indem er auf die alte Kapelle in der Kühnhaide (entstanden in der Kolonialzeit, u.U. zeitgleich mit dem Kloster der Benediktiner zu Chemnitz [?]) eingeht. Wir lesen auf Seite 311 ff.:
„Dass außer den Trümmern der Kapelle bisher keinerlei Reste der sagenhaft großen Dorfsiedlung (Feuerstätten, Mühlgraben, Wehr udgl. wie man sie sonst von Wüstungen kennt [betrifft die Vermutung verschiedener Chronisten, dass es sich bei der „Kühnhaide“ um ein größeres Dorf gehandelt hat - Anm. Nier]) aufgefunden worden sind, beweist ebenfalls, dass es sich um keine Dorf-, sondern um eine Straßenkapelle, vielleicht gar um eine Sühnekirche aus sehr alter Zeit handelt. Und für sie haben wir ein sehr wertvolles Zeugnis. Bei der Kirchenvisitation vom Jahre 1575 *) wurde nämlich aufgezeichnet, daß nicht nur das herrschaftlich Schönburgsche Vorwerk und 45 Ansässige zu Wittgensdorf der dortigen Kirche den Korn- und Haferdezem geben mussten, sondern auch drei Ansässige zu Hartmannsdorf und 18 zu Göppersdorf. Ausdrücklich heißt es dabei: „Dieser Dezem von den zweyen dörffern Hartensdorff und Göppersdorf wird gegeben von wegen einer alten Capellen zu heiligen Creutz genandt“.
Von einem untergegangenen Dorf ist wiederum keine Rede. Vielmehr enthüllt sich jene schon 1575 aufgelassene Kapelle als der älteste kirchliche Mittelpunkt der drei Dörfer, der nach Erbauung des Gotteshauses in dem volkreichen Wittgensdorf dorthin (nach Wittgensdorf!) verlegt wurde und den Dezem nach sich zog.“
Interessant, wenn auch nicht belegt, wäre allerdings die Existenz des Dorfes Gelfert (wüst) von dem H. Wienold, indem er Bezug auf die sog. Hussitenkriege (um 1430) nimmt, in [8] auf Seite 26 schreibt:
„Sind doch manche Dörfer ganz zerstört worden, z.B. Elzing zwischen Limbach und Mühlau. Auch die Orte in den Tälern des Lipprich- und des Holzbaches, die sicher vor der Hussitenzeit bewohnt gewesen sind, worauf auch die Flurnamen Zuckmantel, Lipprich und Gelfert hinweisen, haben das gleiche Schicksal gehabt. …. Auf den einstigen Ort Lipprich weist noch der Name des Baches hin und der nach Holzdorf (alte Bezeichnung für Murschnitz) fließende Bach könnte ebensogut Gelfertbach heißen, weil er früher durch das Dorf Gelfert floss. Ist man doch öfter noch bei Bodenbearbeitungen auf alte Mauerreste gestoßen“.
Von solchen Zerstörungen erhalten wir auch Kenntnis von einer Mitteilung die bei Arbeiten am Kirchturm 1986 im Turmknopf gefunden wurde, in der es heißt:

„Merkwürdigkeiten so im Knopf des Kirchturms
zu Wittgensdorf enthalten sind, auch was sich
sonst merkwürdiges in dieser Kirchfahrt zugetragen hat.
Anno 1415 fielen die Hussiten in Sachsen ein
und verheerten alles um Chemnitz herum, dieses
Wittgensdorf ist auch fast zu Grund verwüstet worden“.
Hinsichtlich der Jahreszahl 1415 muss allerdings das vorliegende Dokument mit Vorsicht betrachtet werden. Die sog. Hussitenkriege begannen am 30. Juli 1419 mit dem Fenstersturz zu Prag und zogen sich bis zum Jahr 1436 hin. Es könnte jedoch durchaus sein, dass es im Jahr 1415 marodierende Haufen waren, die mordend und brandschatzend durch das Land zogen. Da mit Sicherheit niemand sofort diese Handlungen dokumentiert hat, ist es möglich, dass im Nachgang bei der schriftlichen Dokumentation diese Vorkommnisse der Einfachheit halber oder aus Unkenntnis den Hussiten zugeordnet wurden.
Doch wenden wir uns wieder der Geschichte unserer Kirche zu. Einen wichtigen Fingerzeig gibt uns das sog. „Burkhardtssiegel“. Hierzu lesen wir auf einer Schreibmaschinenseite, verfasst von Arno Hempel, Kirchenbuchführer, vom 12.8.1946 wörtlich:
Ergebnisse über F o r s c h u n g e n in der Ortsgeschichte für W i t t g e n s d o r f
Das Kirchweihfest in Wittgensdorf ( = Dorf des Witigo oder Wittig) wird nach den alten Aufzeichnungen (Matricula) gefeiert M o n t a g s in der Woche , da gewöhnlich Burgkhard fällt.
Burgkhard war anno. 746 zu Würzburg als Bischof geweiht, der 11. Tag des Monats Oktober ist nach ihm benannt. Den Bezug zum Hl. Burkhard könnte man u.U. über die Herkunft der Siedler herstellen, welche aus FRANKEN, vielleicht sogar aus der Umgegend von Würzburg in unsere Heimat kamen und sich hier ansässig machten.


Wir sehen in der Gestaltung des Siegels wieder den direkten Bezug der „Kapelle Zum Heiligen Kreuz“ zur Kirche unserer Gemeinde – Ruine der Kapelle bewachsen mit drei Nadelbäumen (Hinweis auf die Kühnhaide/Kienhaide (?) – Kienspan = Span aus dem Holz der Kiefer oder anderen harzreichen Hölzern, diente im Mittelalter zur Beleuchtung der Räume mit offener Flamme).
Ins Auge fällt hier auch die unterschiedliche Angabe zur diözesanen Zuordnung der Wittgensdorfer Kirche. Das linke Siegel beinhaltet die Inschrift: „Siegel der Kirche zu Wittgensdorf mit Morschnitz in der Dioces Penig“ während dem das rechte Siegel die Diocese Chemnitz angibt.
Dazu schreibt Pastor Magister Fr. Aug. Ludwig Ackermann in der Kirchen – Galerie Sachsens (Alte Ausgabe) folgende Zeilen:
„Das Kirchdorf Wittgensdorf früher zur Diöces Penig gehörig, seit dem Jahr 1835 der Ephorie Chemnitz zugewiesen liegt ½ St. von Chemnitz und ebenso weit von Burgstädt ……usw.“ Damit haben wir auch die Erklärung der unterschiedlichen Angaben auf dem Kirchensiegel.
Nachdem wir nun aus verschiedenen Quellen und Publikationen mit vorsichtiger Zurückhaltung die älteste Geschichte der Kirche unseres Ortes rekonstruieren konnten, befassen wir uns in den folgenden Ausführungen mit der Entwicklung der wirtschaftlichen Grundlagen unserer Kirche zur Zeit der Ortsgründung. Dazu ist uns ein Meilenblatt aus der von 1780 bis 1806 durchgeführten topographischen Landesaufnahme von Sachsen eine große Hilfe. Gut zu sehen ist das Rittergut, die danebenliegende Kirche mit Friedhof (nur bis an das hintere Rittergutsgebäude gehend), das Pfarrgut und der dem Pfarrgut gehörende, bis an die Grenze des Chemnitzer Kreises sowie die Mittelstraße und Viehweg (heute Chemnitzer Straße) angrenzende, gehende Grundbesitz – das Pfarr Guth.
Betrachtet man den nachstehenden Kartenausschnitt genau, fällt auf, dass auf der dem Kirchberg gegenüberliegenden Seite eine Gutsstelle neben der anderen liegt, während auf der Kirchbergseite die Güter erst an der heutigen Röhrsdorfer Straße (Werner Bauer) und nach dem Unterdorf mit dem Bergschlössel (Valentin`sches Gut) beginnen. Dazwischen liegen die ausgedehnten Ländereien des Rittergutes und des Pfarrgutes. Wir sehen also, dass bei der Landvergabe bei der Gründung unseres Heimatortes der Besitzer der Ländereien, Hugo von Wartha und die geistlichen Herrschaften mit reichlich Grund und Boden bedacht wurden. Hier muss allerdings auch bedacht werden, dass sowohl das Rittergut (vordem als Vorwerk bezeichnet) als auch das Pfarrgut als Selbstversorger galten und erst im Laufe der Zeit mit den entsprechenden Abgaben (Zehnten) der zugehörigen Bauerngüter rechnen konnten.


In der zweiten Grafik erkennen wir sehr gut das Rittergut (hier als Frohnfeste bezeichnet), die nebenliegende Kirche inmitten des Friedhofes, weiterhin das Pfarrgut, den unterhalb des Rittergutes liegenden Kirchmühlteich (heute Häuser Obere Hauptstraße 13 und 15), die Kirchmühle mit dem Mühlgraben und dem nebenliegenden Dorfbach sowie den damals schon so benannten Bräuteich. Zu erkennen ist auch die Dorfstraße mit der zum Kirchberg gehenden Verbindungsstraße sowie die davon abzweigende Straße vor dem „Felsenkeller“. Das vor dem Friedhof/der Kirche liegende Gebäude könnte die alte Kirchschule darstellen. Das nachstehende Bild zeigt uns von links beginnend:
- Das Pfarrgut
- die alte Kirchschule
- dahinder die Kirche
- daneben das Rittergut mit dem alten Herrschaftshaus (abgebrannt 1903)

All diese Gebäude, natürlich ohne das Rittergut, zählten mit dem Grundbesitz und den sonstigen Liegenschaften zum Eigentum der Kirche und sicherten somit den örtlichen geistlichen Herrschaften die wirtschaftliche Selbständigkeit und relative Unabhängigkeit von der weltlichen Herrschaft. Hinzu kamen dann später noch die von den Bauern und anderen Einwohnern zu entrichtende Abgaben in Form von Naturalien etc., so dass auch die geistlichen Herrschaften zu den wohlhabenderen Bevölkerungsschichten zählten.
Kommen wir nun im nächsten Abschnitt unserer Ausführungen zum Kirchgebäude selbst. In [9] lesen wir dazu auf Seite 144 ff folgende Zeilen:
„Die Entstehung des Ortes fällt ins 12. Jahrhundert. Zu Wittgensdorf gehörte damals das Filial Kühnhaide, das 1429 mit seiner Kirche durch die Hussiten zerstört wurde. Die Erbauung der Kirche (des Gebäudes – Anm. Nier) fällt in eine frühe Zeit. 1657 – 1660 wurde sie erneuert und 1728 bedeutend vergrößert. …“.
Ähnliches lesen wir in einem Aufsatz von Dr. R.Müller mit der Überschrift „Aus der Geschichte unserer Kirche“ in dem er schreibt:
Die Entstehung unserer Kirche ist in das Dunkel der Geschichte gehüllt. Es ist anzunehmen, dass es mit der Gründung unseres Ortes nicht gleich eine eigene Kirche gegeben hat. Mit Sicherheit gab es aber Ende des 14. Jahrhunderts, also über 100 Jahre nach Gründung von Wittgensdorf, eine Kirche, denn 1404 wird von einem Wittgensdorfer Pfarrer berichtet. Diese Kirche war jedoch viel kleiner als unsere heutige und hatte anstatt eines Turmes nur einen Dachreiter. Erst 1728 wurde der heutige Turm mit ca. 37 m Höhe angebaut und die Kirche auf die heutige Größe erweitert.
Dazu sehen wir uns erst einmal ein sehr schönes Bild unserer Kirche an:

Leider sind die Maße der damaligen Erweiterungen nicht überliefert, so dass wir nicht in der Lage sind, auf die Maße der Ursprungskirche zu schließen. Es bleibt uns somit nur die Aussage, dass es sich um eine kleine Kirche ohne Turm, aber mit einem Dachreiter gehandelt hat. Hier setzen aber nun zum Glück auch die ersten, schriftlich überlieferten Nachrichten zum alten Kirchgebäude ein.
In wörtlichen Abschriften der drei ältesten Turmknopf-Einlagen vom 10. August 1946 durch A. Hempel lesen wir:
Anno Christi 1638
Als Anno Christi 1638 den 13.Juli umb Mitternacht auf Gottes Verhängnus das Wetter in die Kirchenspitze geschlagen, hat man Sie folgende umb der Gefahr des ein-fallens willens noch im selbigen Jahr gantz müßen abtragen. Zu dieser Zeit stand es im Meißnerland sehr übel. Die Pestilenz, die 5 Jahre zuvor grauslich regieret, hatte das Volk häuffig weggeraft und war und so waren 1633 allein in dieser Kirchfahrt gestorben 274. De langwürige Krieg hatte die Übrige auch fast verderbet, also daß die wenigsten Bawersgüter hierumb bewohnet wurden. So war Hanß Bannier im Febr. ao 1639 mit d gantzen Schwedischen Armee durch Meißen in Böhmen gegangen, hat Zwickau und Chemnitz besätzt hinter sich gelaßen und allenthalben viel schadens verursacht. Im Martio 1640 gieng er mit seiner Armeewieder zurück aus Böhmen durch Meißen uff Erfurt und NiederSachsen abermals nicht ohne sonderbaren großen Schaden des gantzen Landes. Insolcher trübseligen Zeit haben die wenig übrige eingepfarrte Gott dem Allerhöchsten Zu dankbarkeit, Lob und Ehren diesen Thurm ufsetzen und beschiefern laßen. Damals regierte zu Rochsburg Her Christian, Her von Schönburgk etc. Zu Penigk war Superintendens Herr Georgius Heydel, S.H. Theologiae Licentatius. Allhier war Pfarrer Johann Mirus, ein Exulant aus Falckenau aus Böhmen. Schulmeister war Gregoriy Gerstenberger. Richter und Kirchenvater zugleich war Felix Richter und neben Ihm Gregor Dieterich. Und wurd dieser kupferne Knopf uff gesetzt am Tage Lamberti war der 17. Septembris des 1640 Jahres. Das Werk haben verfertigt Hans und Veit – Wentzel, Vater und Sohn. Schieferdecker von der Augustusburg.
Zur Anschauung fügen wir hier das erste Blatt dieser Einlage ein:

Auch Pfarrer Magister Friedrich August Ludwig Ackermann schreibt in der Kirchengalerie Sachsens (frühere Ausgabe) in seinem Beitrag zum Kirchdorf Wittgensdorf wörtlich:

Anno Christi 1660
Den 19. Marty ist der abgenommene Kirchen Knopf in Wittgensdorf Vom SchieferDecker Christoph Wentzel von der Augustusburg wieder aufgerichtet worden. Unser gnädigster Churfürst und Herr ist gewesen Johann Georg der Andere. Der Elteste Herr von Schönburgk, Herr Christian, Herr zu Rochsburgk. Die Erb-, Lehn- und Gerichtsherren orthe (?), Herren Hanns Neerhoffs von Holderbergk seel. hinterbliebene Erben, als Reinhardt Neerhoff von Holderbergk, der Stiffts Kirche Zu Zeitz Benier (?) und Cunonicus uff Bethenhausen, Hanns Neerhoff von Holderbergk uff Podelwitz, Christian Neerhoff von Holderbergk, damahls in Engelndt sich auffhaltende, Frau Rosina Heichbroddin; gebohrene Neerhöffin, als Schwester. Der hiesige Pfarrer Herr Johann Uhle, der GerichtsVerwalter Johannes Michael Wollff von Chemnitz. Die Schulmeisterstelle war vakant. Der Richter war Hanns Richter, die KirchVäter Felix Richter und Gregior Diettrich. Jensten ist dieses Churfürsten-tumb Gottlob in geruhigen Zustands und daß es lange darbey erhalten werden möchte, wüntzschen wir alles.

Anno Christi 1674
Dem 8. Septembris ist der Wittgensdorfische KirchKnopf Von Meister Michel Tüßner SchieferDecker in Chemnitz abgenommen, weil solcher Wundelbar(?) gewesen. Und den 17. Septembris wider aufgeflickt benebst einer neuen Spille naufgesetzt worden. Unser Gnädigster Cheurfürst Und herr ist gewesen Johan Georg der Andere. Der Erblehn- und Gerichtsherr diesen Orts, H. Abraham Von Schönberg, auß dem Hause Maxen (welcher auch diesen Knopf, Fahne und Sonne vor sein Eigenen Gott zu Ehren hat Vergülden laßen). Der hiesige Pfarrer, H. Johann Uhle. Der Schulmeister Zacharias Scheibner. Die Kirchenväter Adam Martin mit Nicol Müller. Der Richter Hanß Richter. Sonnten ist dieses Churfürstenthumb, Gottlob in geruhigen Zustande, Welches Gott lange Zeit Darin erhalten Wolle.
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Von der Urschrift abgeschrieben am 10. Aug. 1946 Hempel, Kirchenbuchführer

Wir sehen also, dass auch damals schon die bauliche Beschaffenheit des Kirchgebäudes die Wittgensdorfer Kirchgemeinde beschäftigte und größere Bauvorhaben – „Aufsetzen und Beschiefern lassen“ – nur mit Hilfe aller „wenig übrige eingepfarrte“ zu realisieren waren. Zusammenfassend lässt sich aus diesen unterschiedlichen Quellen seine Erbauung in „sehr frühe Zeit“, eine sich durch die Zeitläuften ziehende Bautätigkeit infolge Verschleiß, Wettereinflüsse etc. bis hin zur 1728/29 erfolgten wesentlichen Erweiterung nebst Anbau des Kirchturmes ersehen. Dieser Erweiterungsbau ist mit Sicherheit auch auf die nach schweren Zeiten – Pest 1630-37 (326 Pesttote), 30jähriger Krieg (1639 Bannier sucht Sachsen heim, Chemnitz und Zwickau sind besetzt), 1657 „ das Dorf ist ganz unvermögend und verwahrlost“ folgende Konsolidierung - 1660 „ist das Churfürstentumb in geruhigen Zustand“, 1700 „Wohlfeile Zeit, Pestilenz weit entfernt, Wittgensdorf und Murschnitz bey gar Volk reicher Zahl in stiller Ruh“ und dem damit verbundenen Anstieg der Einwohnerzahl von:
| Jahr | Einwohner |
|---|---|
| 1650 | 320 |
| 1700 | 365 |
| 1750 | 600 |
| 1780 | 710 |
zurückzuführen.
Dazu lesen wir in einem Artikel im Wittgensdorfer Wochenblatt vom 02.06.1928 folgende Zeilen:

sowie über die Erbauer des Kirchturmes uns seine Finanzierung

Diese Bauvorhaben beinhalten natürlich noch ein für die gesamte Gemeinde wichtiges Thema, nämlich das Geläut der Kirche.
Fest steht, dass im ersten Kirchengebäude schon ein Geläut vorhanden war. Es bestand aus zwei relativ kleinen Bronzeglocken aus dem 15. Jahrhundert (Die große Glocke trug die Jahreszahl 1450). Ihr Ton war offensichtlich nicht sehr erbauend, denn in verschiedenen Publikationen wird von einem kläglichen „Gebimmel“ berichtet. Trotzdem wurde dieses Geläut 1729 nach Fertigstellung des neuen Kirchturms in diesen umgehangen. Dazu wurde noch eine neuer „Seiger“ erworben und in den Kirchturm eingebaut. Nach Kirchbuchführer Arno Hempel wurden im Jahr 1763 für die Glocken und den Seiger neue Stränge und Riemen beschafft.
Zum Abschluss des ersten Teils unserer Ausarbeitung befassen wir uns mit den überlieferten und auch belegten Namen der Wittgensdorfer Pfarrer, Kantoren und Kirchschullehrer. Diese Reihe beginnt, wie schon mehrfach erwähnt, im Jahr 1404. Hier wird in einer Urkunde Wittgensdorf erstmals namentlich im Zusammenhang mit einem Pfarrer benannt. Es heißt darin: „Er Johannes, Pharrer zu Wittichendorf …usw“.

Weitere Angaben finden wir in den Ausführungen von Magister Fr. Aug. Ludwig Ackermann in der Kirchen–Galerie Sachsens (alte Ausführung) sowie desgleichen von Pfarrer Jul. Wilh. Frommhold in der Neuen Sächsischen Kirchengalerie „als Ergänzer des von Pfarrer Ackermann herrührenden Artikels in der früheren Kirchengalerie“. Sie benennen die nachfolgenden Prediger / Pfarrer wie folgt:
- Andreas Begker, auch Baier(?) 1555
- Georg Böhme, ab 1557, unterschrieb 1577 die Formula Concordiae (Die Konkordienformel war ein Werk mehrerer lutherischer Theologen, das die unterschiedlichen Auffassungen innerhalb des Luthertums einigen sollte). Böhme lebte noch 1598 in Auerswalde
- Balthasar Zeißler, des Vorigen Substitut, 1589 Pfarrer, gest. 1604
- Martin Arnold aus Penig, conf. 20.09.1604, ab 1608 Pfarrer in Hartmannsdorf, gest. 1641
- Andreas Freitag (Freytag) aus Penig, Pfarrer in W. 1608 bis 22.03.1633 (gest.), hat im Jahr 1620 die Kirchenbücher angelegt
- Johannes Mirus, 1633 bis 09.09.1658 (gest.), Exulant (Glaubensflüchtling) aus Falkenau/Böhmen
- Johannes Uhle, geb. 1630 in Chemnitz, 1659 bis zum 09.09.1705 (emeritiert) (altersbedingte Enthebung – Emeritius), gest. 1712, 82 Jahre alt
- Johann Christoph Barthel aus Penig, ab 1705 Substitut, Pfarrer von 1712 bis 04.05.1726 (gest.)
- Magister Joh. Gottfr. Meier, geb. 17.08.1659 in Bischofswerda, 1726 bis 1737, dann Pfarrer in Maxen, gest. 1760
Als Schullehrer waren beschäftigt:
- Abraham Schindler vor 1621 (siehe Trau-Register 1621, Seite 4)
- Christian Irmscher
- Ehaias Preisler, 1621, gest. 1633
- Gregor Gerstenberger, 1634 – 1644
- David Fleth, 1644 – 1659, gest. 1659
- Michael Morgenstern, bis 1668
- Zacharias Scheibner, von 1669, gest. 1702
- Christian Gottlebe, gest. 1747
Leider sind sowohl zu den Pfarrern als auch zu den Kirchschullehrern (in der Regel waren das die Kantoren) keine weiteren speziellen Überlieferungen vorhanden, so dass wir hier nur eine tabellarische Aufstellung zeigen können.
Mit diesen Ausführungen soll der erste Teil unseres Artikels zur Geschichte der Wittgensdorfer Kirche schließen.
Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.
*) Hpt.-St.-Arch. Dresden. Deposit Rochlitz, Inventarien; Matrikel und Visitationsprotokolle, Vol.I 1575 – 1600, Bl.99
Quellen- und Literaturnachweis:
[1] – „Wittgensdorf – ein Ortsteil von Chemnitz“, Vortrag zur Gründung, Lage und Entwicklung von W., Kultur- und Heimatverein W`dorf e.V., 2019
[2] – Zur Geschichte der Vorgängersiedlungen von Chemnitz, R. Tippmann in Sächsische Heimatblätter, Heft 6/1990, S. 302
[3] – Laudeley, G. Die Marktkirche St. Jakobi in Chemnitz, Diss., in: Mitteilungen des Vereins für Chemnitzer Geschichte, 1934, Bd. XXIX, S.9
[4] – Des Kaisers Kloster, Hrsg. für die Kunstsammlungen Chemnitz / Schlossbergmuseum von U. Fiedler u. Stefan Thiele, Sandstein Verlag, Dresden, 2019
[5] – Manuskript zum Vortrag vor dem Numismatischen Verein Chemnitz Rekonstruktionsversuch der Kapellenruine „zum Heiligen Kreuz“, Verfasser: Herr Wolfram Fritzsche, Chemnitz 2007 (Unveröffentlicht)
[6] – Rat der Gemeinde Wittgensdorf, 700 Jahre Wittgensdorf, Aus der Geschichte unseres Heimatortes; Zusammenstellung: G. Rössler, 1958
[7] – Alfred Meiche, Zuckmantel und die Todesstätte Bischof Arns von Würzburg, in: Neues Archiv für Sächsische Geschichte, Heft 31, Dresden 1910, Seiten 307 ff
[8] – Geschichtliches aus der Heimat, H. Wienold, Chemnitz, 1936
[9] – Gruß und Gegengruß, Denkschrift anl. der Generalvisitation der Ephorie Chemnitz- Land vom 15.-23. März 1925, C.W. Baum, Chemnitz, 1925 [10] – Akte Nr. 468, Kirchenarchiv Wittgensdorf (Transkription Dr. R. Müller)