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Kapelle Herrenhaide – 2

erschienen in: Heft 6/2018

Zur Geschichte der Kapelle „Zum Heiligen Kreuz“ auf der Herrenhaide

Ein Beitrag zur Ortsgeschichte

Nachdem wir uns im Teil 1 mit den geschichtlichen Grundlagen, der Entstehung und den Aufgaben der Kapelle „Zum Heiligen Kreuz“ befasst haben, wollen wir im Teil 2 unseres Beitrages noch verschiedene Details zur Kapelle näher betrachten und uns noch etwas mit den überlieferten Geschichten und Sagen zur Kapelle und den mit ihr im Zusammenhang stehenden „wüsten“, d.h. den untergegangenen Dorfstellen beschäftigen.

Befassen wir uns jedoch erst noch einmal mit den historisch belegten Überlieferungen und Tatsachen. Im Teil 1 unseres Beitrages erwähnten wir die handschriftlich verfasste Kirchenchronik No. 468 von 1885 bis 1909. In den von verschiedenen Pfarrern und Kantoren stammenden Eintragungen finden wir auch eine einzelne Seite zur Kapelle, verfasst von Pfarrer Lohmann. Hier nimmt er u.a. Bezug auf eine von ihm „unter den alten Papieren … gefundenen einzelnen von Pastor Schilling 1794 beschriebenen Bogen“.
Pastor Schilling berichtet hier, „dass ihm das Churfürstliche Steuercollegium aufgegeben habe, eine kurze Beschreibung von der Capelle in Kühnhaide einzureichen. Er habe das gethan und Folgendes einberichtet:

Die Capelle war 23 Ellen lang, 19 Ellen im Lichten innerhalb, 2 ½ Ellen war die Mauer stark, 17 ½ Ellen breit inclusive der Mauer. Nach Morgen (Osten, der Verf.) zu ist die Mauer spitzig gebrochen und eingegangen. Nach Norden steht die Hälfte der Mauer und ist 10 Ellen hoch. Nach Abend (Westen, der Verf.) zu befindet sich die ganze Mauer von gleicher Höhe, wodurch die Thüre geht. Nach Süden zu ist in der Ecke eine Hohlung nebst Poßament zu sehen, auf welchem das Bild irgendeines Heiligen gestanden haben mag“.

Aus diesen Angaben heraus fertigte nun Herr Wolfram Fritzsche in dankenswerter Weise Grund- und Seitenrisse sowie eine isometrische Darstellung des Gebäudes. In [1] sehen wir dazu die nachfolgenden Darstellungen und eine Tabelle mit Umrechnung der von Pastor Schilling ermittelten Maße auf das metrische System.

Grundriss – erstellt nach den umgerechneten Maßen
Ansicht der Ruine von Norden und Osten mit angenommenen Ergänzungen
Isometrische Darstellung der Kapelle mit angenommenen Maßen lt. o.a. Tabelle

Aber nicht nur „Amtspersonen“ legten Zeugnis ab über die Existenz und das Aussehen der alten Kapellenruine, sondern auch einfache Leute konnten dies bezeugen. In der Schrift „Aus dem Schatzkästlein der Erinnerungen“, herausgegeben zum Heimatfest Burgstädts von 1929 [3] lesen wir auf Seite 123 folgenden Text von P.G. in M.:

Die Kapelle zur Herenhaide:
„Dass in Herrenhaide einmal ein Gotteshaus, eine Kapelle, gestanden habe, hält man jetzt nur für eine Sage. Doch es ist noch gar nicht so lange her, dass deren letzte Reste noch sichtbar waren. Leider wurden auch sie noch beseitigt.
Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts (also um 1860, d.Verf.) war die Umgebung Herrenhaides noch mit Wald bedeckt. …. Die Waldung war besonders reich an Heidelbeeren, die bei ihrer Reife uns Göppersdorfer Kinder scharenweise herlockten. Kam die Vesperzeit heran, rückten wir in die Kapelle, um dort das mitgebrachte Brot zu den würzigen Beeren zu verzehren. Nur ½ bis 1 m hoch waren die Grundmauern noch sichtbar und umschlossen einen Raum, wie den einer kleinen Kirche. …… Wie mir eine ältere, glaubwürdige Person erzählte, war in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Mauer noch so hoch gewesen, dass Fenstergewände samt dem Bogen erhalten waren.“

Doch auch noch andere Zeugnisse und Fundstücke traten zu Tage. Ein der Kapelle zugerechnetes wertvolles Stück ist das sich in der Wittgensdorfer Kirche befindliche Kruzifix. Als Kunstwerk wird es dem ausgehenden 15. Jahrhundert zugerechnet. Wir berichteten in unserem Beitrag zu den Müller-Heften (RW 5 u. 6/2017, 2/2018), über den von E. Müller erwähnten Fund des Kruzifixes anlässlich der im Jahr 1928 erfolgten Arbeiten in der Kirche.
Zitat: „Ein Maler entdeckte bei Anstreicharbeiten in der Wittgensdorfer Kirche auf dem Boden versteckt eine bemalte Christusfigur.
Auf Seite 27 lesen wir weiter: "Die Christusfigur in der Wittgensdorfer Kirche stammt aus der Kühnhaider Kapelle und ist 300 Jahre alt. Sie ist in der Werkstatt für kirchliche Kunst in Dresden vorgerichtet worden“

Kirchenraum der Kirche zu Wittgensdorf – Altarseite mit Kruzifix - Quelle: Album Friebel, Obere Hauptstraße

Weiterhin wurde bei den Abbrucharbeiten um 1850 im Schutt der Kapellenruine ein alter, im Laufe von 400 Jahren arg vom Rost zerfressener, 17cm langer Schlüssel gefunden. Leider ist dieser Schlüssel verschollen und nicht mehr auffindbar.

Quelle: [2], Seite 14

Ein interessantes Foto übergab uns die Ortschronistin der Herrenhaide, Frau Isolde Korb. Es zeigt einen Nachguss der angeblich von einem Schwein aus dem Boden gewühlten kleinen Glocke der Kapelle, welche allerdings bei der Feuersbrunst von 1650, bei der ganz Burgstädt in Asche sank, verloren ging.

Quelle: Sammlung Isolde Korb, Herrenhaide
Quelle: Sammlung Isolde Korb, Herrenhaide

Wenden wir uns nun den sich reichlich um die Kapelle sowie um die Kühn- und Herrenhaide mit ihrer näheren Umgebung rankenden Sagen und Legenden zu.
Die im direkten Bezug zur Kapelle stehende Sage ist die „Sage vom Glockenborn“. Sie wird in verschiedenen Varianten mit den unterschiedlichsten Ausschmückungen erzählt, beinhaltet er im Kern folgende Aussage:

Einst wütete im Sachsen und Böhmen der Bruderkrieg (). Der Schrecken des Brandschatzens und Plünderns lief durch das Land und erreichte auch eines Tages unsere Gegend. Der Küster der „Kapelle zum Heiligen Kreuz“ beim Dorfe Gelfert („wüstes“ Dorf, siehe Teil 1 unseres Artikels, d.Verf.) legte das Gelübde ab, dass er eher sterben wolle, als dass die Kirchenschätze in die sündigen Hände der Kriegshorden fallen sollten. Er verbarg das Wertvollste von Kupfer und Silber, seilte auch im letzten Augenblick die beiden Glocken vom Turm herab. Die größere versenkte er im nahegelegenen Brunnen und vergrub die kleinere im Sande der Heide. Kaum war er, erschöpft vom schweren Mühen in der schlaflosen und angstvollen Nacht, vorm leeren Altar niedergekniet, da brachen im ersten Morgengrauen mit mörderischem Geschrei die fremden Kriegsleute in das Dorf ein. Auf Kirchenschätze erpicht, eilten sie zur Kapelle und bedrängten den Küster, er solle die Verstecke angeben. Als er standhaft schwieg, wurde er niedergestochen. Die Kapelle ging in Flammen auf, aber die kostbaren Altargeräte blieben unentdeckt. Später soll ein futtersuchendes Schwein die kleine Glocke aus dem Sand gewühlt haben. Sie wurde nach Burgstädt gebracht und ist bei der Feuersbrunst vom 3. September 1650, als ganz Burgstädt in Asche sank, verlorengegangen. Die große Glocke ist bis auf den heutigen Tag nicht wiedergefunden worden. Einst taten sich einige Leute zusammen und begannen zu graben.
Aber dem Anführer erschien zu dunkler Stunde der Geist des Küsters und sprach:
„Lasset ab! Umsonst ist eure Mühe. Baut erst die Kapelle neu, dann sollt ihr auch die Glocke finden!“*

Als Ort wird einmal ein tiefes rundes Loch auf einer kleinen Wiese angegeben, das andere Mal ein von hohen Bäumen umstandener Brunnen. Um 1820 hat man erneut Nachforschungen angestellt, musste sie aber auf obrigkeitlichen Befehl einstellen.
Quelle: Sächsische Volkssagen, Teil 1, S.27f, [5]

Natürlich gab es um die versunkenen Schätze der Kapelle auch noch manche lustige Geschichte zu berichten. So beschreibt der schon o.a. P.G. aus M. in [3] auf Seite 123f folgende Begebenheit:

In meiner Jugend gab es noch manchen, der da meinte, bei der Kapelle seien Schätze zu heben. Besonders ein alter Kauz, Adam K. war fest überzeugt, dass dort etwas zu holen sei, doch müsse das mitternachts in der Geisterstunde geschehen. In der Restauration „Harmonie“ in Göppersdorf, wo so mancher Unsinn ausgeheckt wurde, fanden sich auch lustige Brüder, die scheinbar ernsthaft auf K`s Gedanken eingingen und beim Schatzgraben mit von der Partie sein wollten. Zur bestimmten nächtlichen Stunde rückte die Kolonne mit Hacken und Schaufeln ab. K. hatte sich zur Aufnahme der zu erwartenden Schätze mit einem umfangreichen Sack ausgerüstet. Unbemerkt jedoch war einer (Hermann G.), der zum tollsten Streichen aufgelegt war, unter Mitnahme eines weißen Betttuches vorausgeeilt.

Schweigend kam der Trupp um die Mitternachtsstunde bei der Kapelle an und begann sofort seine eifrige Arbeit bei Laternenlicht. Da taucht plötzlich aus dem Wald eine weiße Gestalt mit ausgebreiteten Armen auf. Wie verabredet, verschwanden jetzt Teilnehmer bis auf Adam, den sie seinem Schicksal überließen. Der war so eifrig bei der Arbeit, dass er von allem, was um ihn vorging, nichts bemerkte. Erst als der Geist bei der Mauer stand und mit tiefer hohler Stimme sprach: „Erdenwurm, was suchst du hier in meinem Reiche! Hinweg aus meinen Mauern ! „ kam er eilfertig diesem Befehle nach. Als letzter erschien er im Gasthaus „Harmonie“ und zwar ohne Mütze. Böse Zungen behaupteten, sie sei heruntergefallen als ihm beim Erscheinen des Geistes die Haare zu Berge standen. Das kommt mir aber unglaublich vor, denn so viele Haare besaß Adam gar nicht mehr“.

Andere Sagen berichten von den „wüsten (untergegangenen) Dörfern Gelfert, Lipprich und Rätzen. Darin verirren sich Wanderer zu nächtlichen Zeiten im Bereich der Kühn- und Herrenhaide, treffen auf Dorfbewohner aus längst vergangenen Zeiten, zechen mit ihnen in einem Gasthof und wachen am Morgen auf freiem Felde auf.
Von zwei schönen Sagen lesen wir in [4] auf Seite 15.

„Ein Wanderer geht nachts von Burgstädt über die kaum bewohnte Herrenhaide nach Chemnitz. Er kennt den Weg und gibt nichts auf die Irrlichter, die ihn verführen wollen. Nach einsamen Marsch stößt er auf Häuser und glaubt, es seien die ersten Gehöfte von Wittgensdorf. Der Lärm eines Wirtshauses lockt den Ermüdeten an. Er setzt sich zu den Zechern; sie muten ihm so seltsam an, nur mühsam versteht er die Sprache, und ihre Kleidung erinnert ihn an alte Bilder. Der Wirt ist freundlich aber die Speis und Trank sind unfein und derb. Statt der gebräuchlichen, ruhig brennenden Öllampe blakt ein Kienspan an der Wand. Müde streckt sich der Wanderer auf eine Pritsche hin, langsam verebbt das Stimmgewirr und er schläft ein. Rauhe Morgenwinde wecken den Einsamen. Er erwacht und findet sich auf Gras und Stein liegend. Ringsum rauscht der Wald der Herrenhaide, im offenen Himmel über ihm kreisen schwarze Vögel. Er war Gast des Zaubergasthauses gewesen, hatte mit Verstorbenen zusammengesessen und längst vergangenen Dinge berührt“.

Eine andere Geschichte ist die „Spukgeschichte von der Wüstung des Dorfes Gelfert“. Gelfert zog sich von der Herrenhaide am Holzbach entlang bis nach Murschnitz und ist wahrscheinlich mit der Kapelle zusammen untergegangen. Die Gegend heißt in alten Urkunden „Wüste Mark“ und ist der rechte Ort für allerlei Blendwerk. Altes steht auf und bricht in die Wirklichkeit, der Ort der bösen Tat findet keinen Frieden – eine Gegend im Bann.

„Ende des vorigen Jahrhunderts (um 1700, d. Verf.) geht ein Murschnitzer Einwohner im Dunkel am oberen Teich vorüber und hört nahes Pferdegetrappel und Gewieher; Bauernhütten stehen plötzlich dort, wo sonst keine stehen. Schwarze bewaffnete Gestalten auf schwarzen Pferden sprengen zwischen den Häusern umher, Frauen und Kinder stürzen aus den Hütten, er hört die Entsetzensschreie und sieht ihre schreckhaften Bewegungen. Hund heulen und brüllendes Vieh rast davon. Durch Waffengeklirr klingen die dumpfen Rufe sterbender Männer. Dann wälzt sich Rauch aus den Strohdächern der Hütten und verwischt das unheimliche Bild. Nebel steigt aus den Murschnitzer Teichen, der Mond hebt sich über den Schützwald empor und gießt milchiges Licht über die jetzt wieder vertraute Landschaft. Der Mann weiß nicht, wie ihm geschehen. Etwas ähnliches erlebte ein anderer Mann, der einen Hund mit sich führte. Das Tier drückte sich während der Erscheinung schwer atmend und mit gesträubten Haaren gegen den Boden“.

Während das Dorf „Lipprich“ in Richtung Hartmannsdorf vermutet wird (Lipprichbach!!) gibt zum Dorf „Rätzen“ gesicherte Aussagen. Es handelt sich hier um den Ortsteil „Reitzenhain“ der Köthensdorf gehört. Selbst in aktuellen Landkarten sind noch Reitzenhainer Flurstücke verzeichnet. Eine interessante dazu gibt uns Herr Artur Beil in seinem Heft „Entwicklung der Wüstung Reitzenhain bei Taura“. Interessierten Lesern können wir dieses Heft als Pdf-Datei gern zur Verfügung stellen.

Mit diesen Ausführungen wollen wir unsere Ausführungen „Zur Geschichte der Kapelle „Zum Heiligen Kreuz“ auf der Herrenhaide“ beenden und hoffen, unseren Lesern wieder ein Stück der Geschichte unseres Ortes und seiner Umgebung nähergebracht zu haben.

Ullrich Nier
Ortschronist
kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.

(*)Als Sächsischer Bruderkrieg werden die kriegerischen Auseinandersetzungen bezeichnet, die von 1446 bis 1451 um die wettinischen Herrschaftsgebiete zwischen den Brüdern Herzog Wilhelm III. (der Tapfere) und Kurfürst Friedrich II. (der Sanftmütige) von Sachsen geführt worden sind. Auslöser des Konflikts war die Unzufriedenheit Wilhelm III. mit der Altenburger Teilung von 1445 und beendet wurden die Auseinandersetzungen mit dem Naumburger Frieden von 1451.
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A4chsischer_Bruderkrieg

Quellenverzeichnis:
[1] – Manuskript zum Vortrag vor dem Numismatischen Verein Chemnitz Rekonstruktionsversuch der Kapellenruine „zum Heiligen Kreuz“, Verfasser: Herr Wolfram Fritzsche, Chemnitz (unveröffentlichtes Exemplar)
[2] – Unser Wittgensdorf, Reihe: Impressionen&Informationen, Riedel Verlag Röhrsdorf, 1994
[3] – Aus dem Schatzkästlein der Erinnerungen, Zweiter Band, bearb. von Kurt Haller Tageblatt-Druckerei R. Schmidt, Burgstädt, 1929
[4] – Rat der Gemeinde Wittgensdorf, 700 Jahre Wittgensdorf, Aus der Geschichte unseres Heimatortes; Zusammenstellung: G. Rössler, 1958
[5] – Sächsische Volkssagen, Teil 1, Hrsg.: Kulturbund der DDR, Druckwerkstätten Stollberg 1. Auflage 1981

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