Kapelle Herrenhaide – 1
erschienen in: Heft 3/2018
Zur Geschichte der Kapelle „Zum Heiligen Kreuz“ auf der Herrenhaide
Ein Beitrag zur Ortsgeschichte
Um die Kapelle „Zum Heiligen Kreuz“ auf der Herrenhaide ranken sich viele Sagen, Legenden und unbestätigte Berichte. Wir wollen mit unserem Beitrag sowohl den jüngeren Einwohnern unseres Heimatortes als auch den „Neuwittgensdorfern“ eine der ältesten verbürgten Geschichten aus unserer näheren Heimat nahebringen. Bei der Darstellung der Geschichte dieser Kapelle mit ihren Sagen und Erzählungen, den geschichtlichen Hintergründen und Dokumenten stützen wir uns auf zugängliche Schriften und Dokumente aus der Heimatforschung./ Aus Gründen der besseren Verständlichkeit unseres Artikels verzichten wir jedoch auf eine tiefgründige Erörterung hinsichtlich der Auslegung der zu Rate gezogenen lateinischen Texte in [4], eine umfassende Darstellung zu den damals existierenden Herrschaftsverhältnissen und ihren in späterer Zeiten erfolgten Veränderungen.
Ausgangspunkt unserer Betrachtungen ist ein Ereignis, welches nun schon 1126 Jahre zurückliegt und uns einen Hinweis auf die spätere Errichtung (um 1250) einer Gedenkstätte – nämlich der Kapelle „Zum Heiligen Kreuz“ und deren geografische Einordnung gibt. Der von 1009 - 1018 regierende Bischoff Thietmar von Merseburg (geb. 25.07.975 in Walbeck an der Aller, gest. 01.12.1018 in Merseburg ) berichtete in seiner Chronik, dass am 13.07.892 der Bischoff Arno von Würzburg, heimkehrend von einem Zuge gegen die Böhmen durch eine feindliche Schaar den Märtyrertod erlitt.

Dazu lesen wir in einer Übersetzung der „Chronik des Thietmar von Merseburg, von M. Laurent“ [4] folgende Zeilen:

Diese nun jedoch recht verschwommenen Angabe des Ereignisortes gab einen sehr großen Spielraum zu seiner Interpretation und reichte vom Bereich Wurzen / Leisnig über Frankenberg, Klaffenbach bis hin zu einer Stelle zwischen der Leipziger Straße ( B 95 ) und Herrenhaide sowie zwischen dem ehemaligen Standort der Wasserschänke und dem Recenia – Gebäude (jetzt Senioreneinrichtung) am jetzigen Abzweig von der ehem. B 95 und der Straße nach Burgstädt.
Für diesen Bereich liefert Alfred Meische in seinem Beitrag “Zuckmantel und die Todesstätte Bischof Arns von Würzburg” in: Neues Archiv für Sächsische Geschichte, XXXI, 1910, Seiten 307 – 314 eine plausible und allgemein anerkannte Erklärung zur geographischen Lage des Ereignisses, auf die wir jedoch an dieser Stelle nicht näher eingehen wollen. Es sei nur kurz gesagt, dass Alfred Meische in seinem Artikel recht genau diese Örtlichkeit analysiert und anhand verschiedener in der Chronik des Thietmar von Merseburg angeführter Merkmale, wie z.B. „brennende Lichter“ die, wie die 1820 geborene Frau Pester (Witwe eines der beiden ersten Ansiedler der Herrenhaide) bekundet, dass ihr Vater noch in der Umgebung der Kapelle Irrlichter gesehen habe. Diese Mitteilung machte gegenüber Meische der Wittgensdorfer Pfarrer Schulz am 23.11.1909!! Auch die Bemerkung, dass es sich bei der in der Chronik erwähnten Straße um eine „platea“, das ist eine „befestigte Straße“ gehandelt habe, weißt auf eine sumpfige Gegend hin. Zur Illustration der Örtlichkeit soll auch der nachstehende Kartenausschnitt beitragen.

Interessierten Lesern können wir diesen Artikel als PDF-Datei oder als Ausdruck jederzeit zur Verfügung stellen (d.Verf.).
Wie kam es aber nun zur Erbauung der Kapelle „Zum heiligen Kreuz“?
Mit Beginn der deutschen Ostkolonisation im Rahmen des hochmittelalterlichen Landesausbaus um das Jahr 1000 war auch im „Meißner Land“ das Klosterwesen erstarkt. Um 1136 gründete Kaiser Lothar III das Kloster Kempnitz und ließ es mit Mönchen aus dem Benediktinerkloster Pegau bei Altenburg besetzen. Ausgestattet mit einer großzügigen Stiftung erhielt es schon 1143 durch Kaiser Konrad III das Marktrecht verliehen [1][5][6].
Da ja nun die von uns eingangs beschriebenen Vorgänge um den Bischoff Arno von Würzburg noch nicht so lange zurücklagen und sich die Mönche auch zu damaliger Zeit mit solchen Begebenheiten befassten, ist es gut möglich, dass auch die Benediktinermönche des Klosters zu Chemnitz solche Überlegungen zur Errichtung einer Gedächtniskapelle angestellt haben. Ihr Standort war die nordwestlichste Stelle ihres von Lothar III und Konrad III zugestandenen Besitzes. Dass er zufällig mit dem von Thietmar von Merseburg beschriebenen Kampfplatz des Bischoffs Arno von Würzburg in etwa zusammenfiel, kam ihnen gerade recht [1].
Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die in der Nähe der Herrenhaide liegenden Ortschaften Wittgensdorf, Hartmannsdorf, Göppersdorf und das „wüste“ Dorf Gelfert (mit Murschnitz?) ohne Kirche gegründet wurden und damit ursprünglich zur dortigen Kapelle „Zum Heiligen Kreuz“ gehörten.
Eine ähnliche Ausführung macht auch Fritzsche in [1]. Er schreibt: „Es wird vermutet, dass das Gelände in eine Besiedlung einbezogen war und sich verschiedene Dorfstellen gebildet haben.
Es wären zu nennen:
- auf dem Territorium der westlich gelegenen Herrschaft Drachenfels in der Altenburger Burggrafschaft des Pleißenlandes die Dörfer Hartmannsdorf und Göppersdorf. Auch wird von einer legendenhaften Wüstung Lipprich berichtet.
- auf dem nordwestlichen Territorium der ehemaligen Klosterherrschaft welche ab 1165 zur Altenburger Burgherrschaft gehörte, die Dorfstellen Reitzenhain, Köthensdorf, Murschnitz, Gelfert (wüst!) und Wittgensdorf. Gelfert lag in unmittelbarer Nähe am Holzbach, einem Zufluss zum Köthensdorfer Dorfbach.
Anmerkung des Verfassers:
Zu den o.a. „wüsten“ Dörfern lesen wir in Verbindung mit dem sog. Bruderkrieg von 1446 bis 1451 in [3] auf Seite 12 Folgendes:
Um Chemnitz wurden 30 – 40 Dörfer geplündert und gebrandschatzt. Manche Dörfer, z.B. Lipprich, Gelfert, Rätzen (Reitzenhain) sind völlig untergegangen. Auch die Herrenhaider Kapelle war wohl seitdem eine Ruine gewesen.
Gelfert soll in der flachen Mulde des Holzbaches gelegen haben, begann in der Nähe des Herrenhaider Eisenbahntunnels (Brücke über die Bahnlinie Leipzig – Chemnitz, heute auch Standort einer Stele, die an die „Kapelle zum Heiligen Kreuz“ erinnert (d.Verf.)


und zog sich bis nach Murschnitz hin. 1622 werden „Knoblauchs wüste Güter“ am Schwarzholz genannt, wahrscheinlich ein Rest jenes Dorfes. Dort pflügende Bauern fanden noch vor Jahren (also 1956 minus 15 bis 20 Jahre, d.h. um 1936 bis 1941) Grundmauersteine. Das Dorf Rätzen zog sich von Murschnitz bachabwärts bis nach Garnsdorf. Auch in dieser Gegend wurden Reste einstigen dörflichen Lebens gefunden.
Welches waren nun die Aufgaben der Kapelle?
Hierzu kann mit hinreichender Sicherheit gesagt werden, dass es sich sowohl um ein geistiges Unterzentrum zur Betreuung der umliegenden Dörfer als auch um eine Gedächtniskapelle an den Todesort Bischoff Arno von Würzburg handelte. Der Ort wurde als „Heilig“ verehrt, Bewohner der umliegenden Dörfer suchten ihn in Prozessionen auf. Diese Verehrung hielt auch nach der Zerstörung der Kapelle im „sächsischen Bruderkrieg“ (1446 bis 1451) noch an, da selbst die noch vorhandene Ruine Ziel von Prozessionen war [1]. Die Ruine blieb auch noch bis nach der Besiedlung der Herrenhaide erhalten und wurde erst mit dem Jahr 1844 beginnend vollständig geschleift. In diesem Jahr errichtete der Bauer Anton Thalheim aus Göppersdorf auf der Herrenhaider Flur eine Feldscheune zur Unterbringung von Erntegut und Ackergeräten. Der vollständige Abbruch wird für den Zeitraum 1856 / 1857 datiert.
Wie aber ist nun die Verbindung zwischen der Kapelle „Zu Heiligen Kreuz“ mit der Kirche in Wittgensdorf zu erklären?
Hierzu müssen wir noch einmal kurz auf die Ausführungen zur Erbauung der Kapelle eingehen, nämlich, dass die in der Nähe der Herrenhaide liegenden Ortschaften Wittgensdorf, Hartmannsdorf, Göppersdorf und das „wüste“ Dorf Gelfert (mit Murschnitz ?) ohne Kirche gegründet wurden und damit ursprünglich zur dortigen Kapelle „Zum Heiligen Kreuz“ als sog. „Mutterkirche“, gehörten.
Durch mehrfachen Wechsel der Besitzer der Ländereien kam Wittgensdorf im Jahr 1436 gemeinsam mit dem Gebiet der Kühnhaide zur Herrschaft Rochsburg.
In [1] lesen wir dazu:
Ca.1580 wurde das „wüste Gebiet“ (vermutlich der schon o.a. Ort Gelfert) an die Gemeinden Göppersdorf, Hartmannsdorf und Wittgensdorf aufgeteilt. Es wurde an:
- 13 Bauern in Göppersdorf,
- 3 Bauern in Hartmannsdorf und
- 45 Bauern in Wittgensdorf gegeben.
Da die Kapelle zu Wittgensdorf gehörte und auch blieb, hatten die vorgenannten Bauern den auf den Flurstücken liegenden Kirchenzins der Kapelle an den Pfarrer in Wittgensdorf zu geben. Diese Zinsleistung war noch im 19. Jahrhundert aktuell.
In einer handschriftlich verfassten Kirchenchronik No. 468 von 1885 bis 1909 lesen wir dazu folgende Zeilen über einen zu dieser Abgabe geführten Rechtsstreit:

Einen weiteren Beleg zur Zusammengehörigkeit zeigt uns das Wittgensdorfer Kirchensiegel. Die Wittgensdorfer Kirche war zu katholischer Zeit dem Heiligen Burkhardt geweiht, noch heute feiert unser Ort die Kirmes (Kirchweih) am alten Burkhardtsmontag. Das alte Kirchensiegel (eine Siegellackpetschaft) lässt schließen, dass Wittgensdorf die Erbschaft der uralten Herrenhaider Kapelle übernahm. Es zeigt nämlich drei Fichten (= Kein, Kienhaide!) über einem Ruinenstück (zerstörte Kapelle) [3].

In der o.a. Chronik No. 468 lesen wir auf einer Seite zur Kapelle in der Herrenhaide folgende Zeilen:
Das hiesige Kirchensieg führt die Capelle in Kühnhaide, die bis 1856 oder 1857 gestanden hat.

August Heinrich Lohmann, Pfarrer in Wittgensdorf von 1858 bis
1887 Magister Christian Gottlob Schilling, Pfarrer in Wittgensdorf 1789 bis 1845
Wir ersehen aus diesen Zeilen, dass die Kapelle als Ruine noch bis 1856/57 gestanden hat. In verschiedenen Vermessungsunterlagen, z.B. von Oberst-Leutnant Oberreit „Atlas des Königreich Sachsen“ 1821 bis 1825 oder in „Meilenblätter von Sachsen, Freiberger Exemplar von 1826 mit Nachträgen bis ca. 1876“ (Kartenausschnitt siehe oben!!) ist sowohl die „alte Capelle“ als auch der „Glockenborn“ eingetragen. In späteren Unterlagen werden diese Orte nicht mehr erwähnt.
An dieser Stelle kommen wir zu einem weiteren Abschnitt aus dem o.a. Schreiben des Pfarrers Lohmann. Er beschreibt hier den Verkauf des Flurstückes mit den Worten:
„Es verkaufte sie (die Kapellenruine mit dem zugehörigen Grund und Boden – d. Verf.) der Bauer in Göppersdorf, auf dessen Grund und Boden sie stand, an einen industriellen Bauer …..“.
Diese Beschreibung ist aber nur bedingt richtig. In [2] lesen wir im Abschnitt „Die Kapelle in der Wüstung Herrenhaide“ auf den Seiten 94ff den korrekten Hergang.
Demnach errichtete der Göppersdorfer Bauer Anton Thalheim im Jahr 1844 die erste Scheune (des späteren „Kapellenhofes“) mit den Steinen des Ruinenrestes der Kapelle. Diese Scheune diente der Unterbringung von Erntegut und Arbeitsgeräten da sich das Hauptgut der Familie Thalheim in Göppersdorf befand. 1908 kaufte Reinhard Thalheim (1878 – 1966) das Land samt Scheune in Herrenhaide von seinem Vater Anton Thalheim ab. Mit dem Bau eines Wohnhauses und eines Stallgebäudes gründete er den „Kapellenhof“ den er am 7.Oktober 1908, einen Tag nach seiner Hochzeit mit seiner Gattin bezog. Im Laufe der Zeit hatte er noch einiges Land dazugekauft.
Das nachstehende Foto zeigt das Wohngebäude des Kapellenhofes mit einem Teil der Familie Thalheim, rechts in der Kutsche sitzend Reinhard Thalheim, auf seinem Schoß Tochter Martl, Reinhards Gattin Olga schaut unten rechts aus dem Fenster.


Zur Lage des Kapellenhofes in Herrenhaide sowie der vermutete Standort der Kapelle gibt uns eine von Fritzsche erarbeitete und in [1] veröffentlichte Lageskizze 1:5000 (unmaßstäblich) Auskunft. Die möglichen Standorte sind:
- Nach Meilenblätter Sachsen 1791
- Nach Oberreit 1821
- Auch möglicher Standort (Annahme W. Fritzsche)

Mit diesen Ausführungen beenden wir den Teil 1 zur Geschichte der Kapelle „Zum Heiligen Kreuz“ in der Herrenhaide.
Abschließend möchten wir uns noch bei den Herren Wolfram Fritzsche, Chemnitz und Gerhard Riemann, Wittgensdorf bedanken, welche schon umfangreiche Arbeiten hinsichtlich der Forschungen zum Thema Kapelle Herrenhaide geleistet haben und auf deren Arbeiten wir uns bei diesem Artikel stützen.
Das uns von Herrn Wolfram Fritzsche übergebene Exemplar eines Vortrages für den Numismatischen Verein Chemnitz mit dem Titel „Rekonstruktionsversuch der Kapellenruine „Zum Heiligen Kreuz““ war eine wertvolle Quelle für unsere Arbeit und wird bei Bezug immer mit [1] gekennzeichnet.
Besonderen Dank schulden wir auch Frau Isolde Korb, Herrenhaide welche uns gestattete, das von ihr verfasste Buch “Herrenhaide Einst und Jetzt – Eine Ortschronik“ zur Erarbeitung unseres Beitrages zu nutzen. Bei Bezug auf diese Unterlage werden deshalb mit [2] kenntlich machen.
Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.
Quellenverzeichnis:
[1] – Manuskript zum Vortrag vor dem Numismatischen Verein Chemnitz Rekonstruktionsversuch der Kapellenruine „zum Heiligen Kreuz“, Verfasser: Herr Wolfram Fritzsche, Chemnitz (unveröffentlichtes Exemplar)
[2] – Isolde Korb, Orts-Chronik Herrenhaide Einst und Jetzt, 1997, Schnelldruck Berger, Dr.-Robert-Koch-Str. 45a, 09217 Burgstädt
[3] – Rat der Gemeinde Wittgensdorf, 700 Jahre Wittgensdorf, Aus der Geschichte unseres Heimatortes; Zusammenstellung: G. Rössler, 1958
[4] - Die Chronik des Thietmar von Merseburg, Übersetzt von M. Laurent, Zweite Auflage, Verlag von Franz Dunker, Leipzig, 1879
[5] - http://www.historisches-chemnitz.de/altchemnitz/kirchen/schlosskirche/schlosskirche.html
[6] - https://www.tu-chemnitz.de/monsax/kloester/frs_kloester.html