Historische Gebäude – 8
erschienen in: Heft 4/2023
Historische Gebäude in Wittgensdorf
Ein Beitrag zur Ortsgeschichte
Im Teil 8 unserer Betrachtungen zu historischen Gebäuden wollen wir uns auf Wunsch eines alteingesessenen Wittgensdorfers mit dem Restaurant „Felsenkeller“, Kirchweg 4 befassen. Diese gastronomische Einrichtung dürfte allen Einwohnern unseres Heimatortes noch gut bekannt sein, nicht zuletzt allerdings durch ihr trauriges Ende infolge eines verheerenden Großbrandes, verursacht durch Brandstiftung.
Doch beginnen wir von vorn:
1788
Die nachweisliche Geschichte des Gebäudes beginnt um das Jahr 1788. Zu dieser Zeit wohnte auf diesem Platz als einziger konzessionierter Krämer (Gemischtwarenhändler) des Ortes, ein Gottfried Hößler.
1863
Erwarb Frau Johanne Wilhelmine Neubert, geb. Richter den Gemischtwarenhandel und die Schankkonzession. Die Gaststätte entwickelte sich zur „Bierschwemme“ für Fabrikarbeiter.
1882
Um das Jahr 1882 saß Herr Friedrich August Eichler als Restaurateur und Materialwarenhändler auf dem Grundstück. Hierzu liegt uns das nachstehende Foto vor: Linke Tafel: Eichler`s Restaurant, rechte Tafel: Materialwarenhandlung

1912
Am 17.08.1912 erwarb Herr Johann E. Redo aus Lichtenstein die Immobilie von Herrn F. A. Eichler. Schon am 24.09.1912 erhielt er die vorläufige Erlaubnis zum Schankwirtschaftsbetrieb. Die Gaststätte erhielt den Namen: Bier & Speiselokal „Felsenkeller“. Ein noch im Jahr 1912 von J. E. Redo gestellter Bauantrag zum Einbau einer „Speise- und Frühstücksstube“ für Arbeiter wurde von der Gemeinde abgelehnt.
1916
Ein schönes Foto von 1916 zeigt uns Frau Redo, die Wirtin (2. von rechts), links daneben Frau Frida Schellenberger (Großmutter des Autors Dietmar Esche) mit ihrer Tochter Elly (Mutter von Dietmar Esche) als Mieter und ganz rechts eine Bedienung der Gaststätte, namentlich leider nicht bekannt. Die linke Tafel am Gebäude zeigt die Inschrift „Restaurant zum Felsenkeller“ Bes. Ernst Redo, die rechte Tafel stammt noch vom Vorbesitzer F. A. Eichler.

1919
Schon 7 Jahre später, am 26.03.1919, erwarb Herr Max Koch aus Altenburg das Restaurationsgrundstück und heiratete am 05.05.1919 seine Emma.
Am 25.05.1919 übernahm er mit der Schankerlaubnis für Gaststätte und Gesellschaftszimmer die Gaststätte und den Materialwarenladen.
Auch Max Koch musste mit der Zeit gehen und sich der Entwicklung der „neuen“ Medien stellen. Das bedeutete, dass schon am 27.12.1923 sein Antrag auf Einbau eines „Lichtspieltheaters“ genehmigt wurde. Nachstehend seine Anzeige im Wittgensdorfer Wochenblatt:

1932
Ein schönes Foto zeigt uns den „Felsenkeller“ mit einem Plakat für den Film „Ein Mann mit Herz“ mit Gustav Waldau von 1932.

Weiterhin wurde ihm ein Antrag auf die Erweiterung der Schankwirtschaft am 27.04.1925 genehmigt. Damit konnte das Ladengeschäft geschlossen und zu einer Gesellschaftsstube umgebaut werden.
Ansicht Gaststube

Am 30.04.1932 mietete sich der Fotograf Paul Möckel im Felsenkeller ein und schaltete im Wittgensdorfer Wochenblatt nachstehende Anzeige:

1933
Aus nicht bekannten Gründen vermietete Max Koch die „Central – Lichtspiele“ an Frau E. Handrack, welche am 21.01.1933 die Gewerbegenehmigung zur deren Betrieb erhielt.
1936
Auf Grund der sich ständig entwickelten Kinofilmsparte entschloss sich Herr Koch, sein Lichtspieltheater auf 237 Plätze zu erweitern. Dazu erhielt er am 04.07.1936 die Baugenehmigung. Gleichzeitig hatte Herr H. Handrack jedoch einen Antrag zur Errichtung eines neuen Kinos namens „Filmschau“ gestellt. Herr Koch erhob dagegen Einspruch, da „dadurch seine Existenz sehr gefährdet sein würde“. Der Einspruch wurde zwar zur Kenntnis genommen, der Neubau aber trotzdem genehmigt. Herr Koch erhielt noch am 05.11.1937 die Genehmigung zum Betreiben seines bisherigen Lichtspieltheaters, nahm aber Abstand von der geplanten Erweiterung und stellte am 17.11.1938 den Lichtspielbetrieb ein.
1941
Mit dem 17.11.1941 wurde der Gaststättenbetrieb infolge der Einberufung von Herrn Koch als Polizei-Reservist eingestellt. In der Gaststätte sollte eine Gemeinschaftsküche für ca. 150 Mitarbeiter verschiedener umliegender Betrieb eingerichtet werden. Dazu stellte die Tochter Maria Koch den Antrag zu deren Betrieb und erhielt am 04.02.1942 die Gewerbegenehmigung. Darüber hinaus wurden im Haus Kriegsgefangene untergebracht. Zur Absicherung des Küchenbetriebes wurden dazu 2 ukrainische Frauen eingestellt.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass bei der Ausreichung der Speisen geradezu auf die Abgabe der Zuteilungsmarken für Fleisch, Fett, Kartoffeln, Zucker usw. geachtet wurde. Bei Nichtbeachtung dieser Vorschriften drohten drastische Strafen bis zu einer Verurteilung zu hohen Haftstrafen.
Beispiel Lebensmittelkarte für Erwachsene ab 18 Jahre

1949
Nach Kriegsende stellte Herr Koch erst am 04.02.1949 bei der Gemeindeverwaltung den Antrag zur Wiederinbetriebnahme der Gaststätte. Der Antrag wurde aber wegen „Verneinung der Bedürfnisfrage“ gem. §19 des Gaststättengesetzes abgelehnt. Stattdessen wurde von 1949 bis 1953 im Haus eine „Sirup-Kocherei“ sowie die Herstellung von Speiseeis betrieben. Oftmals bildeten sich vor dem Lokal lange Schlangen, um das begehrte Speiseeis zu erstehen.
1951
Im Jahr 1951, am 11. Juni heirateten Maria und Erich Ahner. Von der Hochzeitsfeier im Saal der Gaststätte existiert ein sehr schönes Foto.

Daraus ein Ausschnitt vom Hochzeitspaar Maria geb. Koch und Erich Ahner und den Brauteltern Emma und Max Koch.

Am 15.03.1951 wurde jedoch die Wiedereröffnung der Gaststätte befürwortet. Da Herr Max Koch am 30. Mai 1958 verstarb, beantragte Frau Emma Koch die Gewerbegenehmigung zum Betrieb der Gaststätte. Diese wurde ihr am 30.06.1958 erteilt.
1971
Sehr zum Leidwesen Ihrer Stammgäste informierte Frau Emma Koch am 13.10.1971 die Gemeindeverwaltung, dass sie zum Jahresende 1971 die Gaststätte aus Altersgründen schließen werde. Diese Entscheidung teilte sie ihren Stammgästen in einer Anzeige in der FP zum Jahreswechsel 1971 mit.

2001
Damit endete eine gut 300 jährige Geschichte einer Wittgensdorfer Legende im Herzen unseres Ortes. Der Rest ist nun schnell erzählt. Nachdem Frau Emma Koch verstorben war, wohnten nur noch Maria und Erich Ahner im Haus. Erich Ahner verstarb am 30.05.2001, Maria Ahner wohnte noch bis 2013 im elterlichen Haus, musste aber aus gesundheitlichen Gründen in ein Pflegeheim in Glösa ziehen. Dort verstarb sie am 26.09.2015.
2018
Danach hat das Gebäude noch einige Jahre mit verschiedenen Besitzern leer gestanden. Es mehrten sich Einbrüche und Vandalismus. Schlussendlich kam es am 02.08.2018 zu einem verheerenden Brand, bei dem das Gebäude irreparabel ausbrannte.

Damit war das Schicksal der Immobilie endgültig besiegelt. Ein Einwohner von Wittgensdorf erwarb das vor dem Gebäude liegende Gartengrundstück und brachte es wieder in Ordnung. Die Brandruine obliegt der Sicherungspflicht der Stadt Chemnitz und wartet auf den endgültigen Abriss.
Dietmar Esche, Ortschronist i.R.
co. Ullrich Nier, Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.