Historische Gebäude – 7
erschienen in: Heft 3/2023
Historische Gebäude in Wittgensdorf
Ein Beitrag zur Ortsgeschichte
Wie schon im Teil 6 unserer Betrachtungen der Historischen Gebäude in Wittgensdorf angesprochen, wollen wir uns nun im Teil 7 den Objekten Schokoladenhandlung Max Storch, Rathausplatz 8, Filmlichtspiele und Bahnhof Unterwittgensdorf zuwenden.
Schokoladenhandlung Max Storch
Beginnen wir mit der Schokoladenhandlung Max Storch, Rathausplatz 8.
1887
Aus alten Dokumenten ist ersichtlich, dass um 1887 ein Kohlenhändler K. F. Wirth das Grundstück bewohnte. Die Immobilie wurde veräußert an einen R.B. Böhme, dieser ließ 1903 ein Nebengebäude mit einer Waschküche und einer Malerwerkstatt errichten.
1904
Im Jahr 1904 - zurückgerechnet aus einer Anzeige zum 25-jährigen Bestehens als „Alleinverkäufer“ einer Lommatzscher Keks- und Nudelfabrik – muss auch Max Storch als Händler aktiv geworden sein. Offensichtlich hatte er die o.a. Immobilie erworben und ließ am 24.07.1907 das alte Wohngebäude abreißen. Am gleichen Standort wurde ein Wohnhaus mit Ladengeschäft errichtet. Max Storch eröffnete hier sein Schokoladengeschäft und ließ am 13.09.1927 einen Anbau am Wohnhaus errichten.

1929
Wie schon oben erwähnt, schaltete am 19.04.1929 Max Storch zum 25jährigen Bestehens seines Geschäfts im Wittgensdorfer Wochenblatt die nachstehende Anzeige:

1934
Diesen Anbau nutzte Frau Ida Welker ab dem 01.09.1934 für ihr Milchgeschäft. Sie verkaufte hier Milch, Butter, Quark und andere Molkereiprodukte.
1946
Nach dem Krieg meldete M. Storch am 11.11.1946 sein Gewerbe ab. Jedoch schon am 26.11.1946 erhielt Herr R. Herz die Gewerbeerlaubnis zum Handel mit Musikalien, Spiel- und Tabakwaren, Büchern und zum Betrieb einer Bibliothek. Er betrieb sein Geschäft bis zur Abmeldung am 02.01.1954.
1954
Von 1954 bis zum 31.03.1970 beherbergte das Geschäft den allseits bekannten und beliebten Schuh-KONSUM. Nach dessen Schließung verlegte die BEWA-Annahmestelle ihr Geschäft vom Rathausplatz 4 in die Geschäftsräume.

1988
Im Jahr 1988 meldete Frau Welker aus gesundheitlichen Gründen ihr Gewerbe ab.
1990
Nach der Wende entließ die BEWA im Juni 1990 alle Mitarbeiter der Annahmestelle. Allerdings eröffnete schon im darauffolgenden Monat Frau Naumann in den Geschäftsräumen einen Servicedienst für allgemeine Dienstleistungen in Zusammenarbeit mit der noch existierenden BEWA Burgstädt.

Um das Jahr 1994 mietete sich dann im ehem. Welker`schen Milchladen eine Videothek ein, die sich mit der nachstehenden Anzeige bekannt machte.

Wie allerdings im Mai 1994 festgestellt wurde, war das Obergeschoss des Wohnhauses nicht mehr vermietbar, der Abriss des Gebäudes wurde notwendig. Frau Naumann verlegte deshalb ihr Geschäft nach dem Rathausplatz 5.
Im Februar 1996 erfolgte dann der Abbruch des Gebäudes. Vorgesehen war auf der frei gewordenen Fläche einen Parkplatz herzustellen. Auf dem nun frei gewordenen Baufeld entstand nach 2010 ein Neubau und am 04.09.2014 konnte Herr Ingo Müller sein Zahnarztpraxis eröffnen.

Kino
Wenden wir uns nun dem nächsten, leider nicht mehr existierenden, das Leben im Ort prägende Gebäude zu, unserem unvergessenen Kino, Treffpunkt von Jung und Alt in vielen Generationen. Legendär der Treff der Jugend, der „Kinokasten“ vor der oben behandelten Schokoladenhandlung Max Storch, Rathausplatz 8, jetzt Chemnitzer Straße 1a.

Auf den Fotos sind die Schaukästen der Gemeinde und diverser Einrichtungen zu sehen. Im unteren Foto rechts am Bildrand sieht man die Eingangstür zum Welker`schen Milchladen. Doch wenden wir uns nun der Geschichte der Filmlichtspiele zu.
1923
Bereits am 27.04.1923 erhielt der Inhaber der Gaststätte „Felsenkeller“, Herr Max Koch, die Genehmigung zum Einbau und Betrieb eines Lichtspieltheaters. Diese befand sich im Obergeschoss des Gebäudes und war vom Kirchweg aus zu begehen.

1933
Aus unbekannten Gründen verpachtete jedoch Herr Koch die Central-Lichtspiele an Frau Handrack, die die Gewerbegenehmigung zum Betrieb am 21.01.1933 erhielt. Allerdings machte sich ein steigender Mangel an Sitzplätzen im Zuschauerraum mehr und mehr bemerkbar. Dazu lesen wir in einem Beitrag zur Eröffnung der „Filmschau-Lichtspiele“ im Wittgensdorfer Wochenblatt folgende Zeilen:

1936
Auf Grund der großen Beliebtheit des Mediums Kinofilm und einer zu erwartenden großen Auslastung stellte Herr Koch im Jahr 1936 den Bauantrag zur Erweiterung des Platzangebotes auf 237 reguläre und 47 Notplätze der „Central-Lichtspiele“. Dieses Vorhaben wurde noch im gleichen Jahr genehmigt. Allerdings hatte Herr Herbert Handrack ebenfalls einen Bauantrag zum NEUBAU eines Kinos mit Namen „Filmschau“ gestellt. Dagegen erhob Herr Koch Einspruch bei der Gemeindeverwaltung, weil „damit seine Existenz sehr gefährdet werden würde“. Die Gemeindeverwaltung leitete den Einspruch an die „Reichsfilmkammer“ weiter, die jedoch den Neubau des Kinos genehmigte. Herr Koch zog daraufhin seinen Bauantrag zurück.
1937
Nach erteilter Baugenehmigung begann am 19. August 1937 das Baugeschäft Wirth & Steg aus Wittgensdorf mit dem ersten Spatenstich mit den Bauarbeiten. Bereits am 27. September konnte das „Bauheben“ gefeiert werden und am 04. November öffnete die „Filmschau“ ihre Pforten. Der Theaterraum in den Maße 18,5 m Länge x 10,9 m Breite x 5,5 m Höhe bot 300 Besuchern auf 16 Reihen (Klappstühle) und 2 Reihen „Loge“ ausreichend Platz. Die Bühne in den Maßen 6,5 m breit, 4,3 m hoch und 2,3 m tief konnte neben der Filmvorführung auch noch als offene Bühne verwendet werden. Für saubere Luft und angenehme Temperaturen sorgte eine Luftheizung mit Be- und Entlüftung. Der Vorführraum war mit der für die damalige Zeit modernsten Technik – „Klangfilm-Apparatur“, „Zeiß-Ikon-Projektionsapparat“ – ausgestattet. Bei einer auftretenden Stromabschaltung sorgte eine Batterieanlage für eine Notbeleuchtung. Mit berechtigtem Stolz verwies der Verfasser eines Artikels im „Wittgensdorfer Wochenblatt“ darauf, dass, bis auf spezielle Gewerke (Filmtechnik, Luftheizung) nahezu alle Bau- und Ausbauarbeiten von Wittgensdorfer Firmen erledigt wurden. Vielen Wittgensdorfern dürften die nachstehend aufgeführten Namen noch bekannt sein:





1945
Nach 1945 erhielt unser Kino den Namen „Fortschritt“ und diente den Wittgensdorfern wieder als ein kulturelles Zentrum. Verdient um den Betrieb der Filmlichtspiele hat sich in den 50iger bis in die 80iger Jahre unsere „Kino-Gretel“ Winkler verdient gemacht.

Ihrer Arbeit ist es zu verdanken, dass sich das Kino zu einem beliebten kulturellen Zentrum entwickelte. Unvergessene Filme, wie z.B. „Ein Mann geht durch die Wand“, „Dr. med. Hiob Prätorius“ mit Heinz Rühmann, der Western „Die glorreichen 7“ u.a. mit Horst Buchholz, der erste utopische Film der DEFA „Der schweigende Stern“ mit Günter Simon, viele wunderbare Märchen- und Kinderfilme sowie nicht zu vergessen auch DEFA-Filme wie „Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse“ mit Günter Simon wurden gezeigt. Unvergessen sind auch die gut besuchten Kindervorstellungen am Sonntagnachmittag. Auch hier lief ein buntes Programm von Märchen- und Abenteuerfilmen zur Freude der jungen Besucher. Frau Winkler leitete das Filmtheater bis zu ihrem Ausscheiden im Jahr 1986. Danach übernahm Frau Margot Scholdt das Kino. Am 29.11.1987 endete die Ära des Filmlichttheaters „Fortschritt“. Das Gebäude war abgewirtschaftet, verschlissen und konnte nur durch eine grundhafte Rekonstruktion und Sanierung wieder in einen bespielbaren Zustand versetzt werden. Trotz vieler widriger Umstände gelang das Werk und so konnten der Bürgermeister Ströher und der Direktor der Bezirksfilmdirektion Klier zum 14. Juli 1988 zur Eröffnung des rekonstruierten Filmtheaters „Fortschritt“ einladen.

1992
Fortan firmierte das Kino unter dem Namen „Clubkino“ und erlebt unter der Leitung von Frau Margot Scholdt noch eine gute Zeit bis zur Übergabe am 15.05.1992 an die Fam. Mihayli als künftige Pächter. Hierzu liegt uns eine Niederschrift zur Weiterführung des Clubkinos vor.

1994
Damit konnte das Gebäude noch für Diskoveranstaltungen und verschiedene Filmvorführungen bis 1994 genutzt werden. Danach war es ohne Nutzung, es wurde zwar mehrmals zum Verkauf angeboten,

leider fand sich aber kein Interessent. Im Jahr 2013 wurde es letztendlich abgerissen und der o.a. Zahnarzt I. Müller richtete auf der von ihm erworbenen Fläche einen Parkplatz für seine Praxis ein.

Bahnhof Unter-Wittgensdorf
Nach den Filmlichtspielen wenden wir uns nun unserem dritten Objekt zu, dem ehemaligen Bahnhof Unter-Wittgensdorf.
1872
Nachdem am 8. April 1872 die offizielle Inbetriebnahme der Strecke K-C (Kieritsch [Vorort von Leipzig] – Chemnitz) erfolgte, bildete sich im Jahr 1881 ein Komitee zur Errichtung einer Eisenbahn im Chemnitztal von Chemnitz nach Wechselburg zur „Verbesserung und Herrichtung“ geeigneter Transportwege, um die in den im Chemnitztal gelegenen Fabriken (Mohsdorf, Schweitzertal, Markersdorf, Köthensdorf, Wittgensdorf) erzeugten Waren in die größeren Städte zu bringen. Nach der Ablehnung einer im Jahr 1892/93 in die 2. Ständekammer eingebrachten Petition wurde diese doch noch im Jahr 1895/96 genehmigt. Baubeginn der Strecke Wb-C (Wechselburg – Chemnitz) war dann im März 1900. Mit einem Gesamtkostenaufwand von 2.695.500 Goldmark für den Bau der Strecke konnte die Eröffnungsfahrt schließlich am 30. Juni 1902 stattfinden. Das nachstehende Foto zeigt das Empfangsgebäude des Bahnhofs Unter-Wittgensdorf ca. 1905

Fortan diente die Strecke dem Güter- und Personenverkehr und trug damit wesentlich zur industriellen Entwicklung des Chemnitztales bei. Besonders sind hier die „großen“ Bahnhöfe Glösa, Wittgensdorf, Markersdorf und Wechselburg – hier erfolgte der Anschluss an die Strecke G-W (Glauchau–Wurzen) - zu erwähnen. In Wittgensdorf profitierten vor allem die im unteren Ortsteil liegenden Firmen von der Bahnstrecke. Die Diamantschwarzfärberei Louis Hermsdorf erhielt einen eigenen Bahnanschluss, die Abwicklung im Betriebsgelände erfolgte jedoch der Einfachheit halber mit Bespannung der Waggons mit einem Ochsenfuhrwerk.

Auch zur touristischen Nutzung wurde die „Chemnitztalbahn“, wie sie im Volksmund bezeichnet wurde, gern genutzt. An Sonn- und Feiertagen fuhren die Chemnitzer oft nach Markersdorf zur Einkehr in die dortigen Ausflugslokale und gern wurden die Bahnhöfe und Haltepunkte zum Start für schöne Wanderungen durch das Chemnitztal genutzt.
1998
Allerdings musste auch diese Eisenbahnstrecke der Entwicklung ihren Tribut zollen. Die Verlagerung des Individualverkehrs auf die Straße führte am 23.05.1998 zur Einstellung des Personenverkehrs und der Güterverkehr (in der letzten Betriebszeit fuhren fast nur noch „Sandzüge“ aus der Rochlitzer Pflege) wurde am 05. Januar 2000 eingestellt. Am 31.12.2002 erfolgte die offizielle Streckenstilllegung durch die DB Netz nach Genehmigung durch das Eisenbahnbundesamt (EBA). Damit ging nach 100 Jahren und 6 Monaten die Ära der Chemnitztalbahn zu Ende. Zu erwähnen ist noch, dass sich auf dem Gelände des ehem. Bf. Markersdorf der Verein „Eisenbahnfreunde Chemnitztal e.V.“ etabliert hat und in bemerkenswerter Weise einen „Eisenbahnbetrieb“ organisiert.

Der in seiner Grundsubstanz mit Empfangsgebäude, Wirtschaftsgebäude, Wasserstationsgebäude, Güterverwaltung, Getreidespeicher und Lokomotivschuppen, sieben Gleisen und 15 Weichen sehr gut erhaltene Museumsbahnhof wird liebevoll gepflegt und bietet einen guten Einblick in die Geschichte der Eisenbahn. Darüber hinaus ermöglicht er einen umfangreichen Verkehr auf den Bahnhofsgleisen sowie einen Fahrbetrieb mit einer Bahnmeisterdraisine (mit Muskelkraft) und des gleichen mit dem SKL VT2404 und einem offenen Personenwagen auf der romantischen Museumsbahnstrecke von Markersdorf-Taura nach Schweizerthal-Diethensdorf.
Mit diesen Ausführungen schließen wir den Teil 7 unser kleinen Serie zu den historischen Gebäuden unseres Heimatortes ab. Freuen Sie sich auf die noch folgenden Artikel, denn uns stehen noch einige Gebäude und Orte zur Verfügung.
Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.