Historische Gebäude – 6
erschienen in: Heft 6/2022
Historische Gebäude in Wittgensdorf
Ein Beitrag zur Ortsgeschichte
Wie schon im Teil IV unserer Artikelreihe zu historischen Gebäuden unseres Heimatortes angekündigt, wollen wir uns in diesem Teil mit der „Löbner-Schmiede“, Untere Hauptstraße 19, der Drogerie Stelzmann, Untere Hauptstraße 30 und dem ehemaligen „Valentinschen Gut“, heute Gaststätte „Bergschlößchen“, Chemnitzer Straße 1, befassen.
Löbner-Schmiede
Beginnen wir mit der „Löbner-Schmiede“. Zur Einstimmung erst einmal ein sehr schönes Foto mit Schmiedemeister Karl Linus Löbner und einen Gesellen. Das Foto ist mit Sicherheit vor 1921 entstanden, da über der Haustür mit einiger Fantasie noch das Schild mit der OLN 119 zu sehen ist.

1854
Die Geschichte des Hauses geht bis zu seiner Errichtung als Wohngebäude im Jahr 1854 zurück. Im Jahr 1900 ließ es K. L. Löbner mit einem Anbau erweitern, die Schmiede wurde eingerichtet. Danach führte sein Sohn Karl Willi Löbner das Geschäft bis zum Jahr 1942. Er wurde zum Kriegsdienst eingezogen, sein Vater führte die Schmiede deshalb bis zum Jahr 1945 weiter. Schon für das Jahr 1946 wird im Einwohnerverzeichnis von Wittgensdorf nur noch eine Elsbeth Löbner, OB (ohne Beruf) in der Unteren Hauptstraße 19 verzeichnet. Im angefügten Branchenverzeichnis wird die Löbner-Schmiede NICHT mehr aufgeführt. Die Werkstatt wurde jedoch weiterhin genutzt, bis zum Anfang der 50er Jahre wurde eine Dreherei betrieben, aus dieser entstand später die PGH Mechanik.
1932
Interessant ist jedoch noch eine andere Nutzung des Gebäudes. Bereits im Jahr 1932 betrieb der Bruder von Willi Löbner, Paul Löbner, einen Handel mit Öl und Schmierstoffen und eröffnete die erste Tankstelle in Wittgensdorf. Diese betrieb Herr Weißbach als Pächter und Partner des DDR-Tankstellenbetriebes MINOL von 1950 bis 1981. In diesem Jahr übernahm Herr Udo Petrik die Pacht und führt die Tankstelle dann unter der Firma „elf oil AG“ bis zum Jahr 1995 weiter.

1993
Grund der Schließung war die Auflage zur Installation eines „Gasrückführungssystems“ bei einer jährlichen Abgabemenge von mehr als 1000 m³ Ottokraftstoff. Diese „Bagatellgrenze“ überschritt die Tankstelle im Jahr 1993 um 76 m³ und wurde somit vom Staatlichen Umweltamt Chemnitz mit Schreiben vom 04.05.1994 mit der Nachrüstung des o.a. Systems bis zum 31.10.1996 beauflagt. Diese erforderliche Investition führte letztlich zur Einstellung der Geschäftstätigkeit der Tankstelle.

Im Jahr 1992 erwarb Herr Christian Löbner (Enkel von Karl Willi Löbner) die Immobilie, rekonstruierte diese und baute sie zum Wohnhaus aus. Der ehemalige Tankstellenanbau wird als Carport weiter genutzt.
Wenden wir uns nun dem nächsten historischen Gebäude unseres Heimatortes zu – der vielen Wittgensdorfern noch wohlbekannte Drogerie Stelzmann, Untere Hauptstraße 30.
Drogerie Stelzmann

1862
Auch hier ist das genaue Datum der Erbauung des Gebäudes nicht bekannt. Es wird aber nicht wesentlich vor der ersten Erwähnung als Materialwarenhandlung durch Herrn Leberecht Steiner am 01. April 1862 gelegen haben.
1901
Nach reichlich 40 Jahren, am 01. Oktober 1901 übernahm Herr Oskar Stelzmann das Geschäft und betrieb es fortan als „Kreuz-Drogerie“.

1922
Am 28. Februar 1922 erweiterte er sein Sortiment und erhielt dafür eine Gewerbeerlaubnis zum Handel mit Wein. Zwei Jahre später, am 01. Februar 1924 übergab er das Geschäft an seinen Sohn, Willi Stelzmann und ging in den wohlverdienten Ruhestand.
Nachstehend sehen wir ein Familienbild mit Willi Stelzmann (links), seiner Gattin, der Gattin von Oskar Stelzmann und Oskar Stelzmann (rechts).

1924
Am 13. Februar 1924 zeigte er die Geschäftsübernahme im Wittgensdorfer Wochenblatt mit einer kleinen Annonce an:

1930
Das Geschäft entwickelte sich weiter und am 09. Januar 1930 erhielt er die Gewerbeerlaubnis für den Handel mit Wein und Weinbrand. 4 Jahre später, am 01. Februar 1934 ist Willi Stelzmann im Grundbuch als Drogerie- und Hausbesitzer eingetragen. Werbung war auch damals im Handelsgeschäft wichtig, so verwendete die Drogerie Stelzmann die nachfolgend gezeigten Einkaufstüten:

1938
Am 13. Oktober 1938 verstirbt der Firmengründer Oskar Stelzmann. Ihr 80. jähriges Jubiläum feiert das Geschäft als Materialwarenhandlung Steiner / Drogerie Stelzmann am 01. April 1942 mit einer kleinen Anzeige im Wittgensdorfer Wochenblatt.

1962
2 Monate nach dem 100jährigen Geschäftsjubiläum gibt Herr Willi Stelzmann im Alter von 70 Jahren am 30. Juni 1962 das Geschäft auf. Da das Haus sehr abgewohnt war und zudem ein Verkehrshindernis darstellte, erwarb die Gemeinde die Immobilie und ließ im Jahr 1983 schlussendlich das Gebäude abreißen. Das nachstehende Foto zeigt uns zwei Arbeiter beim Abbruch des Gebäudes.

Auf der entstandenen Freifläche wurde später ein kleiner Park angelegt, der sich schön in das Erscheinungsbild der Unteren Hauptstraße einfügt und dem Heimatverein als Aufstellungsort seiner Historischen Ortstafel dient.
Kommen wir nun, wie schon oben angekündigt, zu unserem dritten historischen Gebäude dieses Beitrages, zum „Bergschlößchen“, Chemnitzer Straße 1.
Bergschlößchen

1680
Dieses Gebäude hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Eine erstmalige Erwähnung finden wir für die Jahre um 1680 als „Wiederaufbau nach Krieg und Zerstörung“. Gemeint waren hier der 30jährige Krieg (1618 - 1648) und die Pestepidemien in den Jahren 1630 - 1637.
Dazu lesen wir in [1] folgende Zeilen:
Die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges scheinen erst spät über unsere Gegend gekommen zu sein: 1639 marschierte „Hanns Bannier und die schwedische Armee“ durch Sachsen und besetzten Zwickau und Chemnitz. Die Wittgensdorfer und Murschnitzer fliehen rechtzeitig nach Helsdorf, um sich bei Gefahr rasch in der Rochsburg bergen zu können. Bei einem späteren plötzlichen Getümmel erreichen sie mit Not die schützenden Mauern von Chemnitz. Vorher hatte die Pest gewütet. 1630 – 37 gab es 326 Pesttote. Ganze Familien erlöschen, ganze Gehöfte sterben aus. „Die wengsten Güter sein noch bewohnt, der langwürdige Krieg hat fast alles verderbet.“ 1657: „Das Dorf ist ganz unvermögend und verwahrlost“. Für die Aufbauarbeiten müssen alle Handwerker aus weniger versehrten Orten geholt werden. Endlich 1660 „ist das Churfürstentumb in geruhigem Zustand“.
1820
Die schriftlich überlieferte Geschichte des Gebäudes und seiner Besitzer beginnt mit dem Jahr 1820. Am 29. November ersucht Hr. Christian Friedrich Valentin, Gartengutsbesitzer und Verwalter des Amtes des „Herrschaftlichen Revierjägers“ um die „allergnädigste Konzession zum Handel mit den auf dem Lande zu führen verbotenen Waren ingleichen zum Bier- und Branntweinausschank zu erhalten“. Sein „Gartengrundstück“ war das des jetzigen Bergschlößchens.
Am 22. April 1822 fällt die Landesregierung zur Erteilung der Konzession zum Dorfhandel und Branntweinausschank.
An dieser Stelle soll eine kleine Bemerkung zu einer NICHT nachweisbaren Begebenheit eingefügt werden: Der bekannte erzgebirgische Wildschütz Karl Stülpner (1762 – 1841) soll zum Schutz seiner Mutter gegen die ständigen Bedrängnissen des Thumer Gerichtsamtes diese bei einer Verwandtschaft (Die Schwester seiner zweiten Frau war mit einem gewissen Sämann verheiratet) in Köthensdorf untergebracht haben. Bei den unregelmäßigen Besuchen bei seiner Mutter soll er auch hin und wieder in der damals noch unbenannten Schänke eingekehrt sein. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass der jetzige Wirt der Gaststätte „Bergschlößchen“, Herr Mehner überzeugt ist, dass es sich bei einem in seinem Besitz befindlichen alten Gewehr um eine Waffe aus dem Besitz Karl Stülpners handelt. Dieses soll Stülpner bei einem seiner Besuche bei einem überstürzten Aufbruch im „Bergschlößchen“ stehen gelassen haben.
1864
Erfolgt die Ernennung des Gasthofes „Zum Bergschlößchen“. Seit dem 24. Oktober hat hier ein Herr Friedrich Emil Krause das Schankrecht. Er verkauft die Immobilie am 22. Februar 1912 an Herrn Peter Geißler. Am 28. Juni 1926 erwirbt der Bau- und Sparverein das Grundstück und benennt es als Genossenschaftsheim „Bergschlößchen“.

1932
Mit Datum 29. September wird ein Herr Paul Schubert als Verwalter des Genossenschaftsheimes bestätigt. Dieser pachtet die Gaststätte am 01. Oktober 1932. Im Dezember 1947 wird das Grundstück beschlagnahmt und der Gemeinderat mit der treuhänderischen Verwaltung der Vermögenswerte beauftragt. Die Immobilie wird dem „Kinderland“ Wittgensdorf zur Nutzung überlassen.
1951
Wird die Schulspeisung ins Bergschlößchen verlegt und 1952 erhält die BSG TRIKOTEX zwei Räume als Umkleideräume. Am 28. Juni 1965 wird das Bergschlößchen komplett an die BSG übergeben, die Schulspeisung wird in die Fabrikstraße 2 verlegt. Die BSG rekonstruiert die Räumlichkeiten und am 05. Dezember 1966 wird das Sportlerheim „Bergschlößchen“ mit Konzessionsgenehmigung eröffnet, muss allerdings am 31. Oktober 1971 ihren Betrieb einstellen. Eine kurze Betriebszeit schließt sich vom 01. September 1974 bis zum 22. Oktober 1975 an. Danach ist das Haus bis zum 22. Februar 1982 geschlossen.
1982
Herr Hans Kirchberger eröffnet das Bergschlößchen am 23.02.1982 und betreibt es bis 19.03.1987.
1987
Nach einer 2-monatigen Pause erhält Frau Petra Mehner am 05. Mai 1987 die Gewerbeerlaubnis zur Übernahme der Gaststätte „Bergschlößchen“.
Nach reichlich 1-jähriger Bauzeit findet am 14. September die Einweihungsfeier der neu eröffneten Gaststätte „Bergschlößchen“ unter Frau Petra Mehner statt, welche nach 1989 das Anwesen erwirbt.
Mit diesen Ausführungen beschließen wir den Teil VI unserer Betrachtungen zu historischen Gebäuden / Plätzen unseres Heimatortes und werden die Reihe im Jahr 2023 weiter fortsetzen.
Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.
Quellenverzeichnis:
[1] - 700 Jahre Wittgensdorf; Aus der Geschichte unseres Heimatortes, Rat der Gemeinde Wittgensdorf 1956