Historische Gebäude – 5
erschienen in: Heft 5/2022
Historische Gebäude in Wittgensdorf
Ein Beitrag zur Ortsgeschichte
Wie schon im Teil IV unserer Artikelreihe zu historischen Gebäuden unseres Heimatortes angekündigt, wollen wir uns in diesem Teil mit dem Gebäude der Post, dem Gasthof „Krone“ und der Bäckerei Berger, später „Süße Ecke“ befassen.
Post
Beginnen wir mit der Post.
1859
Das Postwesen hat in Wittgensdorf eine lange Tradition. Bis zum Jahr 1859 musste, wer eine Postsendung aufgeben wollte, diese nach Chemnitz oder nach Penig bringen. Am 01.10.1859 wurde beim „alten Bierbaum“ (wahrscheinlich in der Ortsmitte, im Vorgängergebäude des Rathauses, OLNr. 9, im Jahr 1920 Eigentum des Johann Gottfried Bierbaum) eine „Briefsammlung mit Kartenschluss zu Chemnitz“ eingerichtet [1]. Eine Botenfrau brachte mit einem Hundefuhrwerk die gesammelten Sendungen über den Bornaer Berg nach Chemnitz.
Botenfrau mit Hundefuhrwerk im Umzug zur 700 Jahrfeier

1864
Schon 1864 wurde auf Grund des stetig steigenden Umfangs der Sendungen (im Jahr 1864 betrug diese fast 11.000 Stück) im Haus OLNr. 8B (Rathausplatz 3) eine „Postexpedition“ eingerichtet. Diese versah ihren Dienst bis zum Jahr 1888.
1878
Bereits vor der Einweihung des neuen Postgebäudes hielt am 01.07.1878 die Telegraphie Einzug in Wittgensdorf
1888
Am 28.09.1888 wurde dann in diesem neu errichteten Gebäude (Reichspost im Erdgeschoss, Wohnungen im 1. und 2. Obergeschoss) das erste Postamt eingeweiht.

Interessant ist hierbei jedoch die Entstehungsgeschichte dieses Gebäudes. Hierzu müssen wir allerdings etwas abschweifen: 1787 wurde ein Herr Johann Georg Schmutzler in Krebes (Vogtl.) geboren. Er heiratete 1815 in Altendorf (heute Stadtteil von Chemnitz) und zog nach Wittgensdorf. Hier erwarb er die neben dem zukünftigen Postamt liegende Schmiede und war als Huf- und Waffenschmied tätig. Außerdem bekleidete er das Amt eines „Gerichtsschöppens“. Er verstarb 1873 und hinterließ 2 Söhne und eine Tochter. Sein 1816 in Altendorf geborener Sohn Karl August Schmutzler übernahm die Schmiede und führte sie weiter. In den Unterlagen des Pfarramtes Wittgensdorf wird er als Hausbesitzer und Hufschmied geführt. Nach dem Erwerb des neben seiner Schmiede liegenden Grundstücks ließ er 1888 ein repräsentatives 3-geschossiges Gebäude errichten (Einweihung am 27.09.1888), vermietete das Erdgeschoss an die Reichspost und bezog die Wohnung in der 1.Etage. Seine Enkelin Elsa Clara Kruse, geborene Steiner; 1884 – 7/1962, (Vater: August Otto Steiner 1848 – 1915; Mutter: Christiane Wilhelmine geb. Schmutzler 1847 – 1914) heiratete 1906 den aus Segeberg stammenden Friedrich Christian Kruse; 1874 – 6/1961 und wohnte im gleichen Haus. Friedrich Chr. Kruse wird im „Verzeichnis der Straßen, Haus- und Ortslisten-Nummern sowie der Grundstücksbesitzer in der Gemeinde Wittgensdorf“ von 1920 als Besitzer der Immobilie „Untere Hauptstraße 1“, frühere OLNr. 144B geführt. Quelle: Noch mal davongekommen, 2005 Heimatvereine Niederfrohna und Penig, U. Sacher privat [2]
Interessant ist in diesem Zusammenhang aber auch das neben der Post – damals Untere Hauptstraße 1 – stehenden Gebäude Obere Hauptstraße 2, das Anwesen, welches der o.a. Johann Georg Schmutzler als Huf- und Waffenschmied nutzte. Ein altes Foto zeigt uns das Haus, als sie der Schmied C. F. Meier, Nachfolger vom Sohn des ersten Schmutzlers, nämlich Karl August Schmutzler, betrieb. Rechts von der Schmiede ist noch ein Teil des Postgebäudes zu sehen. Die Aufnahme entstand demnach nach 1888.

1918
Eine Stadtfernsprecheinrichtung wird eingerichtet.
1931
Am 24.10.1931 wurde ein Selbstanschluss-Amt (System S29) in Betrieb genommen und bis zum 15.11.1996 betrieben.
1997
Das Postamt wurde danach am 22.04.1997 geschlossen und gleichzeitig in der Oberen Hauptstraße 42 (ehem. Fahrradgeschäft Hanschmann) eine Postfiliale neu eröffnet.
2012
Im Mai 2012 wurde das Postgebäude abgerissen. Auf der entstandenen Freifläche (das ehemals nebenstehende Gebäude des Gasthofes „Krone“ [auch als „Volkshaus“ bekannt] war schon 1992 dem Abrissbagger zum Opfer gefallen) errichtete die Ladenkette „NETTO“ einen neuen Markt, welcher mit dem DISKA-Markt und dem im alten „NETTO“ an der Chemnitzer Straße befindlichen „Käse-Maik“ die einzigen noch in Wittgensdorf existierenden Lebensmittelgeschäfte darstellen.

Gasthof "Krone"
Kommen wir nun zum nächsten historischen Gebäude, dem ehemals „Eichler`schen Gasthaus“, später Gasthaus „Krone“ benannt und zuletzt bis zum Abbruch als „Volkshaus“ bekannt.

1882
Wie wir schon bei einigen alten Gebäuden unseres Heimatortes konstatieren mussten, lässt sich auch für die „Krone“ kein genaues Erbauungsdatum ermitteln, da die Bauakte erst mit dem Saalanbau im Jahr 1882 eröffnet wird. Allerdings gibt es für das Jahr 1879 eine Eintragung in den Akten der Gemeinde über die „Einziehung“ des „Burgstädter Marktgässchens“ am „Eichler`schen Gasthof“. Diese Gasse hatte einen üblen Ruf und wurde wegen seiner zweckentfremdeten Nutzung bei Tanz- und anderen Veranstaltungen als „Scheißgasse“ bezeichnet und ist unter diesem Namen noch einigen alten Wittgensdorfern bekannt.
1884
Am 25.03.1884 wird die Erlaubnis für Singspiele, Gesangsvorträge und theatralische Vorstellungen in den hierzu bestimmten Schank- und Tanzräumen erteilt.
1886
Seit dem 16.11.1886 hält der Gemeinderat sein Sitzungen regelmäßig in Eichler´s Gasthaus ab.
Die nun folgenden Daten wollen wir nur noch kurz darstellen:
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1895 | Schankkonzession für den Garten und die Kegelbahn |
| 1896 | Kauf des Gasthofes durch Herrn Max Arno Türpe |
| 1898 | Neuerwerb am 29.12. durch Max Arno Sachse aus Mittelbach |
| 1900 | Neuer Besitzer wird am 07.04. Max Alfred Beymann aus Dresden, der Gastwirt Ernst Julius Martin aus Dresden pachtet die Gaststätte von Herrn Beymann |
1900
Frau Wilhelmine verw. Butter wird Gasthausbesitzerin
1901: Am 18.07. erhält der Gasthof den Namen „Krone“.

1905
Der Gemeinderat hält seine Sitzungen in der neuen Zentralschule ab.
1906
Lässt Friedrich Emil Schmidt die Kegelbahn umbauen
1908
Ebendieser Schmidt will den Tanzsaal vergrößern, zieht aber den Antrag 1909 zurück
1919
Die Gasthofbesitzerin Elsbeth verw. Hommel heiratet den Gastwirt Emil Weißflog, dieser erhält am 19.06.1920 die Schankerlaubnis
1922
Frau Elsbeth Weisflog erwarb das Gasthofgrundstück 1925: Herr und Frau Müller verw. Weißflog bewirtschaften lt. Statistik die „Krone“
1929
am 14.11. kaufte ein Herr Schmieder, Paul die Immobilie von seiner Schwiegermutter, bat am 30.11. um Schankkonzession und erhielt diese wegen baulicher Mängel nur bis zum März 1930. Schon am 14.03.1930 bot er das Grundstück wieder zum Kauf an.
1930
Der Gastwirt Willy Pohlers aus Chemnitz beantragte am 18.12. d.J. die Schankkonzession
1931
Am 15.01. erwarb Pohlers die Immobilie
1933
Entgegen der Ablehnung zum Dielentanz erlaubte Pohlers diesen im kleinen Saal, am 23.12. d.J. erteilte jedoch die „Königliche Amtshauptmannschaft“ die Tanzgenehmigung
1934
Pohlers erhielt wegen ungenehmigter Baumaßnahmen (Umbau Garderobe, Einrichtung eines Gesellschaftszimmers / einer „Saalstube“ im 1. OG) eine Strafverfügung

1945
Nach dem Ende des II. Weltkrieges im Mai 1945 verlor Willy Pohlers als Besitzer des Gasthauses „Krone“ infolge „Einziehung“ am 08.12.1945 die Schankkonzession. Die Immobilie ging in das „Volkseigentum“ über und wurde der Verwaltung der KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) unterstellt. Die Schankkonzession wurde dem damaligen Vorsitzenden der Ortsgruppe Wittgensdorf, Herrn Otto Steinbach, erteilt. Als Verwalter der nun als „Haus der Antifa“ bezeichneten Gaststätte fungierte Herr R. Stephan.
1949
Schon am 26.09.1949 kündigte die SED-Ortsgruppe Wittgensdorf die Bewirtschaftung, so dass Herr W. Claus aus Chemnitz die nun als „Volkshaus“ benannte Gaststätte pachtete. Diese bewirtschaftete er bis zum 25.07.1952, nachdem sich die Gesellschaft „Volkshaus“ am 27.04.1951 aufgelöst hatte.
Nachstehend ein Foto vom Auszug der Wittgensdorfer Karnevalsgesellschaft aus dem „Volkshaus“
Quelle: Sammlung Heimatstube
1951
Am 25.05. übernahm die Gemeinde Wittgensdorf die Immobilie und verpachtete die Gaststätte an Herrn H. Schubert. Dieser betrieb diese bis zum 14.11.1954. Schon am 15.05.1953 hatte jedoch die HO (staatliche Handelsorganisation der DDR) die Gaststätte gepachtet und betrieb diese von 1954 bis zum Jahr 1990 mit verschiedenen Gaststättenleitern. Der letzte Gastwirt im „Volkshaus“ war Herr H. Rößner, welcher die Gaststätte auf Kommissionshandelsbasis betrieb.
1991/92
Verkaufte die Gemeinde das Grundstück, der neue Besitzer ließ im Februar das Gebäude abreißen. Die so entstandene Freifläche wurde als Markt- und Parkplatz genutzt.
2012
In den Jahren 2012/13 errichtete NETTO auf der Fläche einen neuen Markt, dieser wurde am 14.05.2013 eingeweiht.
Süße Ecke
Im dritten Abschnitt unseres Artikels wollen wir nun die Geschichte der bei den Wittgensdorfern gut bekannten „Süßen Ecke“ etwas genauer beleuchten. In der Liste der Kulturdenkmale in Chemnitz-Wittgensdorf wird das Anwesen als „Wohnhaus mit Anbau (ehemals Wohnstallhaus), Seitengebäude und Toreinfahrt eines ehemaligen Bauernhofes“ von Bau- und wirtschaftsgeschichtlicher Bedeutung beschrieben.
1800
Die Erbauung wird für „um 1800“ datiert.
Als einer der ersten Besitzer wird für 1812 ein Johann Gottlieb Steinbach als Erbmahlmüller und Weißbäcker verzeichnet. Sein Sohn August Wilhelm - ebenfalls Weißbäcker – heiratete 1835, starb aber schon am 07.02.1850 an Tbc. Aus der Ehe ging eine Tochter, Ernestine Klara Steinbach, hervor. Sie heiratete am 06.05.1865 einen Herrn Böhme III (?). Im Jahr 1887 übernahm der Bäckermeister Friedrich Anton Berger (geb. 04.05.1846 „auf dem Gebirge“ [Gebirge – heute Ortsteil von Marienberg/Erz.]) die Bäckerei nebst den zugehörigen Ländereien. Er war verheiratet mit Frau Minna Böhme (geb. 14.09.1848, gest. 05.04.1921) und verstarb am 22.12.1922 in Wittgensdorf. Ab 1903 war Herr Oskar Berger (geb. 12.10.1870) als Bäckermeister und Landwirt tätig. Er heiratete am 28.09.1893 Frau Anna Maria Delling (geb. 12.09.1870, gest. ?) und verstarb am 24.07.1936.
Bäckermeister Oskar Berger vor seinem heute noch existierenden Backofen (!!)


1930
Im Alter von 60 Jahren verpachtete er im Juli 1930 die Bäckerei an den Bäcker Alfred Fischer
Quelle: Sammlung Striewski
Nach der Übernahme der Pacht von A. Fischer durch den Bäcker Johannes Delling am 02.01.1934 führte dieser das Geschäft weiter und gab es aus Altersgründen am 18.10.1951 ab.
Einfügung: Liste der in Wittgensdorf im Jahr 1949 ansässigen Bäcker Quelle: Sächs. Landesadressbuch für Behörden, Industrie, Handel, Handwerk und Freie Berufe, Dresden 1949
1951
Schon am 19.10.1951 übernahm die Familie Beygang aus Röhrsdorf die Bäckerei. Diese betrieb die Bäckerei bis zum 01.07.1970.
1970
Danach ließ die HO (Staatliche Handelsorganisation der DDR) das Geschäft zu einer Backwarenverkaufsstelle um- und ausbauen, es wurde seither „Süße Ecke“ genannt.
1991
Die Großbäckerei „Emil Reimann“ mietete sich für ein Jahr ein.
1993-96
Frau Hertling und später die Fam. Schubert aus Murschnitz betrieben einen Lebensmittelhandel bis April 1996.
Abschließend noch einige Bemerkungen zu den Eigentümern der Linie der Nachfahren des Friedrich Anton Berger: Aus der Erinnerung von Frau Barbara Steinbrückner erfahren wir, dass sich das Anwesen seit 1887 im Familienbesitz befindet. Die Eigentümer waren danach:
- Friedrich Anton Berger 1887 bis 1922 (?)
- Ernst Oskar Berger 1922 bis 1936 (?)
- Marie Gertrud Böhme, geb. Berger 1936 bis 1976
- Christa Oettel, geb. Böhme 1976 bis 2000
- Günter Oettel 2000 bis 2002
- Barbara Steinbrückner seit 2002
Wie uns Frau Steinbrückner mitteilte, sollte das Hauptgebäude auf Anraten der damaligen Ortsleitung wegen „Sichtbeeinträchtigung“ der unmittelbar nach dem Anwesen abzweigenden Burgstädter Straße in den 70er Jahren abgerissen werden. Durch einen Zufall erfuhr jedoch die Familie, dass in der damaligen BRD ein Verzeichnis aller denkmalgeschützten Gebäude für beide deutsche Staaten existierte. Für Wittgensdorf waren damals das Kirchgebäude und das Anwesen der Fam. Berger verzeichnet. Damit konnte der Abriss verhindert werden und die Familie ist seit dieser Zeit „ständig am Bauen und Instandsetzen“, wie Frau Steinbrückner uns schreibt. Diese Arbeiten konnten nach 1989/90 wesentlich besser verrichtet werden und wurden auch teilweise durch das Denkmalamt der Stadt Chemnitz gefördert. So wurde z.Bsp. bei einer Dachneudeckung des Haupthauses im Jahr 2007 festgestellt, dass nach Errichtung an diesem Gebäude noch vor 1800 eine Erweiterung/Anbau erfolgt sein muss. Bei Untersuchungen des Dachgebälks wurde ein Fälldatum der verwendeten Balken um ca. 1780 ermittelt. Wir haben es also mit einem wahrhaft geschichtsträchtigen Gebäude unseres Ortes zu tun. Zum Ende meines Beitrages möchte ich auf Bitten von Frau Steinbrückner noch auf ein sehr interessantes Thema eingehen. Das Anwesen wurde seit eh und je mit dem Röhrenwasser aus dem Quellgebiet hinter den Häusern Burgstädter Straße 13 bis 25 – kleines Wäldchen, kleiner Teich hinter Nr. 13 – versorgt. Es existierten 3 Laufbrunnen mit einer guten Ergiebigkeit. Leider ist diese Wasserversorgung aus unbekannten Gründen, sicherlich auch wegen des Alters der Anlage, versiegt. Zur Herstellung der Funktionsfähigkeit dieser gut durchdachten alten Wasserversorgung und ggf. der Bildung einer neuen „Wassergenossenschaft“ bittet Frau Steinbrückner um Hilfe, Ideen und wenn noch vorhanden, um Mitteilung von Kenntnissen aus alter Zeit zu dieser Anlage.
Damit beende ich den fünften Teil meiner Artikelserie zu den Historischen Gebäuden unseres Heimatortes. Der nächste Teil befasst sich mit den Gebäuden der ehem. Drogerie Stelzmann (abgerissen 1983), der „Löbner Schmiede“ und dem „Bergschlößchen“. Auch hier kommen wieder viele interessante Fakten und Details zur Sprache und werden helfen, das Wissen um die Geschichte unseres Heimatortes aufrecht zu erhalten.
Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.
Quellenverzeichnis:
[1] - 700 Jahre Wittgensdorf; Aus der Geschichte unseres Heimatortes, G. Rössler. Rat der Gemeinde Wittgensdorf, Juli 1956
[2] - NOCH MAL DAVONGEKOMMEN, Heimatverein Niederfrohna e.V., Geschichtsverein Penig e.V., 2005, ISBN 3-937654-04-6