Historische Gebäude – 4
erschienen in: Heft 4/2022
Historische Gebäude in Wittgensdorf
Ein Beitrag zur Ortsgeschichte
Nachdem wir uns im Teil III unserer Serie zu „Historischen Gebäuden / Orten“ unseres Heimatortes befasst haben, wollen wir im Teil IV zu den Gebäuden
Fischernst (heute die neue Sparkasse), Obere Hauptstraße 25 Allgemeine Ortskrankenkasse (Sparkasse bis 1994), Obere Hauptstraße 62 und Kirchmühle, Obere Hauptstraße 11 befassen.
Fischernst
Beginnen wir mit dem früher allseits bekannten und beliebten Fischgeschäft „Fisch-Ernst“
1878


Ein genauer Termin hinsichtlich der Errichtung des Gebäudes lässt sich leider nicht ermitteln, da die Bauakte erst mit dem Bau eines Nebengebäudes am 23.01.1878 beginnt. Damals ließ ein Herr Robert Eichler ein Holzschuppengebäude mit einem Schweinestall und einem Waschhaus errichten. Schon am 17.04.1878 baute Herr Heinrich Kühnert eine Schlachtereianlage ein. Für 1887 wird Herr Louis Kühn, ein Strumpfwirker, als Hausbesitzer geführt und 1896 betreibt Herr Friedrich Otto Kühn eine Müffelstrickerei. 1901 erwirbt Herr Franz Rüdiger die Immobilie, verkauft sie 1920 an Herrn Paul Ernst.
1928
Dieser lässt 1928 das Gebäude durch einen Anbau im Erd-, Ober- und Dachgeschoss erweitern. Im vorstehenden Foto gut zu sehen das ursprüngliche Gebäude mit 5 Fenstern im OG, darüber drei Dachgauben. Der Erweiterungsbau ist links neben dem gut zu sehenden Regenfallrohr mit dem markanten Schaufenster angelegt. Auf der linken Seite des Schaufensters befand sich ein Wasserbecken, in welches man durch eine vorn eingebaute Glasscheibe die darin gehälterten Fische – meistens Karpfen – sehen konnte. Für das Geschäft erhielt Frau O. Ernst die Gewerbeerlaubnis vom 01.02.1929 bis zum 25.07.1952. Danach wurde es offensichtlich vom staatlichen Handel betrieben.
1964
Ab war hier eine Verkaufsstelle für Obst und Gemüse - 1981.
1982
Ab 1982 wurde das Ladenlokal als Uhrengeschäft genutzt. 1982 bis 1989 betrieb es Herr Steffen Kühnrich, 1989 bis November 1990 führte es Herr Gerd Tresper. Dieser übergab es im Dezember 1990 an Herrn Dirk Röder, welcher es bis April 1992 nutzte.
1992
Im April 1992 erwarb die Sparkasse Chemnitz die Immobilie, ließ das Gebäude abreißen und eine neue Geschäftsstelle errichten.

Ortskrankenkasse
Kommen wir damit gleich zum nächsten Objekt, dem Gebäude der ehemaligen „Allgemeinen Ortskrankenkasse“, Obere Hauptstraße 62. Dieses liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum „Fisch-Ernst“. Zum Verständnis müssen wir uns aber erst einmal kurz mit der Geschichte der AOK`n befassen. Hierzu lesen wir in WIKIPEDIA:
Die gesetzliche Krankenversicherung wurde in Deutschland durch das Gesetz betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter vom 15. Juni 1883 als erste Leistung aus dem Bereich der Sozialversicherungen von Otto von Bismarck als Teil des deutschen sozialversicherungsrechtlichen Solidarsystems eingeführt, um die Arbeiterschaft für den Staat zu gewinnen. Es trat zum 1. Dezember 1883 in Kraft. Dabei handelte es sich um die ersten Gesetze überhaupt, die die soziale Sicherung der unteren Einkommensschichten bei Krankheit regelten. Der Personenkreis war begrenzt auf abhängig Beschäftigte mit einem Jahreseinkommen von höchstens 2000 Reichsmark in den Gewerbszweigen Bergbau, Industrie, Eisenbahn, Binnendampfschifffahrt, Handwerk und Gewerbe und gewährte im Krankheitsfall für höchstens dreizehn Wochen Arzt- und Arzneikosten, ein Krankengeld in Höhe der Hälfte des damals üblichen Tagelöhnerlohns, Wochenhilfeunterstützung und Sterbegeld. Die Finanzierung erfolgte zu zwei Dritteln durch die Arbeiter und zu einem Drittel durch die Arbeitgeber. Zunächst bestand die Versicherungspflicht bei der Krankenkasse nur für diese Bevölkerungsgruppe mit meist geringem Einkommen. 1911 erging das Versicherungsgesetz für Angestellte. Damit wurde die Mitgliederbasis ausgeweitet.

1899
In Wittgensdorf existierten nun sogar 2 Ortskrankenkassen – die AOK I und die AOK II. Diese vereinigten sich in den Jahren 1899 – 1912 zu einer AOK. Deren Sitz befand sich in der damaligen Chemnitzer Straße 8 und war den an den Zahltagen herrschenden Personenandrang kaum noch gewachsen.
1927
Der Vorstand der AOK beschloss deshalb im Jahr 1927 den Neubau eines Wohnhauses mit einer im Erdgeschoß liegenden Geschäftsstelle. Das entsprechende Baugrundstück erwarb man von der Firma Walther Vogel (OH 66). Schon am 09.08.1928 konnte man in „Wittgensdorfer Wochenblatt“ folgende Anzeige lesen:



1945
Nach 1945 wurden alle Strukturen der AOK`n im Bereich der SBZ (Sowjetische Besatzungszone) aufgelöst. Daraus entstand auf der Grundlage des Befehls Nr. 28 der SMAD vom 28.01.1947 über die Einführung eines einheitlichen Systems der Sozialversicherung und die Verbesserung ihrer Leistungen in der SBZ sowie von dazugehörenden Verordnungen der Deutschen Zentralverwaltung für Arbeit und Sozialfürsorge die SVK. Mit der Gründung der DDR im Oktober 1949 wurde die Sozialversicherung in Artikel 16 der DDR-Verfassung verankert. Zwei Jahre später erfolgte mit einer Verordnung des Ministerrats der DDR vom 26. April 1951 die Übertragung der politischen und organisatorischen Zuständigkeit für die SV von den Sozialversicherungsanstalten der Länder an den FDGB, dessen Rolle später auch im Artikel 45 der DDR-Verfassung von 1968 festgelegt war. Einhergehend mit diesen Maßnahmen veränderten sich auch die Eigentumsverhältnisse an Grundstücken und Gebäuden, d.h., die Immobilien wurden in der Regel den staatlichen Grundstücks- und Gebäudeverwaltungen zugeschlagen.
1955
Jahr 1955 verlegte die Sparkasse, welche sich bis dato in der Unteren Hauptstraße 22 befand, ihre Filiale in die frei gewordenen Räume der ehemaligen AOK.

Dieses im vorstehenden Foto zu sehende Gebäude wurde nach dem Auszug der Sparkasse in den Gebäudebestand des Kartonagenwerkes eingegliedert und in den 90er Jahren für den Neubau eines Wohngebäudes (heute Untere Hauptstraße 20/22) abgerissen.
1994
Nach dem Auszug der Sparkasse aus der Oberen Hauptstraße 62 in ihr neues Geschäftshaus ging das Gebäude (OH 62) wieder in den Gebäudebestand der AOK Chemnitz über. Diese ließ das Gebäude 1994 kernsanieren, fand allerdings für die nun wieder verfügbaren Geschäftsräume keinen Mieter, so dass diese ungenutzt blieben. Am 01.10.1996 kaufte die Chemnitzer Firma Cortds die Immobilie und nutzt sie seitdem als Wohn- und Geschäftshaus.
Kirchmühle
Gehen wir nun die Obere Hauptstraße wieder in Richtung Ortsmitte, so kommen wir am Abzweig des Kirchweges zu unserm dritten Objekt, der ehem. Kirchmühle, Obere Hauptstraße 11. Leider sehen wir hier nur noch den geöffneten Dorfbach und einen neu angelegten Parkplatz.
Kirchmühle, Zustand um 1950

1591
Ein Datum zum Bau der ursprünglichen Kirchmühle lässt sich nicht ermitteln, Es ist allerdings anzunehmen, dass die Mühle im Zuge der Entstehung unseres Heimatortes erbaut wurde, um die Versorgung der Bevölkerung mit Backwaren zu sichern. Davon zeugt auch ein in den Akten der Rochsburg dokumentierter Streit mit der Chemnitzer Bäckerinnung von 1591 wegen dem Verkauf von „feinen Backwaren“ – Pfennigsemmeln – in Chemnitz. Der Bäcker musste eine Strafe bezahlen und durfte hinfort seine Waren nur in Wittgensdorf verkaufen. Interessant ist auch die Wasserversorgung der Mühle. Neben der Dorfbach befand sich bis um das Jahr 1900 der Kirchmühlteich.
1885
F.A. Funke ließ das Wohn- und Mühlengebäude umbauen.
1900
Der Kirchmühlenteich wurde verfüllt und der Baumeister Löwe erhielt 1903 die Baugenehmigung für die Wohn- und Geschäftshäuser Obere Hauptstraße 13, 15 und 17 welch bis 1905 bezugsfertig hergestellt wurden. Im nachstehenden Kartenausschnitt ist der Kirchmühlteich unterhalb des Rittergutes gut zu sehen. Zu beachten ist, dass der direkt vom Mühlteich abgehende Mühlgraben - vor der orange eingezeichneten „Dorfstraße“ – parallel neben dem Dorfbach – hinter der „Dorfstraße“ – verläuft und erst weit unterhalb, etwa in Höhe des jetzigen Fahrzeugservice Heidel, mit diesem zusammenfließt. Später wurden dann der Dorfbach verlegt und verläuft jetzt in „offener Vorflut“ neben der Hauptstraße.

Leider lassen sich die auf der Kirchmühle sitzenden Müller namentlich nur sehr aufwändig recherchieren. Wir stützen uns deshalb auf eine „Müllerdatenbank“, welche ein Ahnenforscher aus Limbach (www.ahnenforschung-liebert.de) erarbeitet und ins Netz gestellt hat. Hier finden wir unter 27 erwähnten Müllern nur zwei namentlich benannte Müller mit dem Querverweis auf die Kirchmühle. Es sind dies:
- Johann Gottlieb Pester, Müller bey der Kirche in Wittgensdorf von 1777 bis 1784
- Johann Gottfried Richter, gewesener Kirchmüller in Wittgensdorf 1789
Bedenkt man, dass es in Wittgensdorf mit Sicherheit drei Mühlen gab – die Kirchmühle, die Untere Mühle am Chemnitzfluss und eine Mühle an der Unteren Hauptstraße 164 – so ist eine genaue Zuordnung der einzelnen Namen auf die entsprechende Mühle auf Grund der unzulänglichen Datenlage schlichtweg nicht möglich.
1985
Abriß der Kirchmühle
Damit schließen wir den Teil IV unserer Serie zu den zu „Historischen Gebäuden / Orten“ ab und werden uns im Teil V mit der Gebäuden Postamt, Gasthaus „Krone“ und der Bäckerei Berger, bekannt als „Süße Ecke“ befassen.
Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.