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Historische Gebäude – 3

erschienen in: Heft 3/2022

Historische Gebäude in Wittgensdorf

Ein Beitrag zur Ortsgeschichte

Nachdem wir uns in den vorherigen Artikeln mit dem Rathaus, dem Gebäude der FFW, dem Kantorat (Teil I) und dem Kirchgebäude (Teil II) befasst haben, wollen wir im Teil III unserer Artikelserie den ehem. Textilkonsum (Warencentrale), die Wohnhäuser im „Schweitzer Styl“ und das Fronhaus am Bräuteichweg behandeln.

Warenzentrale

1820

Das Gebäude Kirchweg 5 ließ in den 20ger Jahren des 19. Jahrhunderts ein Herr F.W. Schultheis errichten. Auf einer Tuschezeichnung vom Rathausplatz, gefertigt von Herrn Reichsbahn-Sekretär a.D. Harry Reichelt, versehen mit der Jahreszahl 1867, erhalten wir dazu einen ersten bildlichen „Nachweis“ von der Existenz des Hauses.

1876

Im Jahr 1876 erwarb C.H. Schulze die Immobilie von den Erben des F.W. Schultheis. Er richtete im Haus einen „Kolonialwarenladen“ (heute: Waren des täglichen Bedarfs) ein, den später sein Sohn Max Hermann Schulze unter den Namen „Waren-Centrale M. Hermann Schulze Nachf. Max Schulze“ weiterführte. Sehen wir hierzu ein Foto des Gebäudes.

Quelle: Sammlung Heimatstube

1928

In den Jahren 1928/29 ließ ebendieser Max Schulze das Haus vergrößern. Der Anbau fügt sich, wie wir im nachstehenden Foto sehen können, sehr schön in das Gesamtbild ein. Die alte Eingangstür gestaltete man als ein kleines Schaufenster um und ein neuer Eingang sowie zwei größere Schaufenster wurden angefügt. Damit konnte auch das Obergeschoß entsprechend erweitert werden. Der rathausseitige Giebel erhielt eine große Leuchtreklame: „Haus der Geschenke“

Quelle: Sammlung Heimatstube

Zwei weitere Aufnahmen zeigen Ausschnitte aus den Verkaufsräumen. Im nächsten Bild ist als zweiter von rechts Herr Hermann Max Schulze und auf seiner rechten Seite seine Gattin zu sehen. Die anderen Personen sind leider namentlich nicht bekannt.

Quelle: Sammlung Heimatstube
Quelle: Sammlung Heimatstube

Wie lange Hermann M. Schulze das Geschäft betrieben hat, ist nicht mehr bekannt.

1950

Nach 1950 wurde das Ladenlokal jedoch an die KONSUM-Genossenschaft vermietet. Diese betrieb hier bis zur Wende den im Ort bekannten „Textilkonsum“.

1964/65

Kaufte die Gemeindeschwester Dora Stegner die Immobilie von der Erben- gemeinschaft H.M. Schulze.

1990

Nachdem 1990 die KONSUM-Verkaufsstelle ihre Geschäfte einstellen musste, mietete sich zuerst ein Getränkehandel und später die Gärtnerei Vogel mit einer Verkaufsstelle für Blumen, Pflanzen und andere gärtnerische Produkte ein. Dieses Geschäft besteht bis heute und hoffentlich noch darüber hinaus.

Kommen wir nun zum nächsten Objekt unserer Betrachtungen zu historischen Gebäuden unseres Heimatortes.

Wohnhäuser Kirchweg 7 und 9

Betrachten wir die beiden Wohnhäuser Kirchweg 7 und 9. Auch sie haben eine erwähnenswerte Entstehungsgeschichte. Diese steht im direktem Zusammenhang mit unserer Schulgeschichte. Hierzu lesen wir in der schon oft zitierten Kirchen- chronik Nr. 486 in den Einträgen des Pfarrers Lohmann folgende Zeilen:

1885

Da zu Ostern 1886 ein Schuldirektor hier angestellt werden sollte und eine Schulstube herzurichten war, wozu die Wohnung des Lehrers Kempe seine Amtswohnung gekündigt; zu gleicher Zeit aber auch dem Lehrer Scheibe, der seine Wohnung in der Kirchschule hatte (gekündigt wurde), weil der anzustellende Direktor dessen Räumlichkeiten erhalten sollte.

Da nun die Wohnungen hier sehr rar sind und namentlich solche wie sie ein Lehrer beanspruchen kann, entschlossen sich die beiden Lehrer Scheibe und Kempe eigene Wohnungen zu bauen. Um den nötigen Bauplatz zu erlangen, wendeten sich dieselben an den Kirchenvorstand mit dem Gesuch, ihnen am Pfarrberg an dem Weg, der vor dem Kirchweg zur Pfarre führt, einen Platz abzutreten. Das Gesuch wurde vom Kirchenvorstand befürwortet und als Preis für die (Quadrat-) Rute 10 (Gold-) Mark bestimmt. Die Behörden genehmigten das Gesuch und gaben Zustimmung zum Verkauf von 70 (Quadrat-) Ruten (1295 m²) und 10 (Gold-) Mark (pro Quadratrute). Die Häuser wurden im Schweizerstyl 1886 gebaut.

Quelle: Sammlung Bernd Liebers

Der kundige Leser wird hier sicher den Unterschied im Baustil zu den in Wittgensdorf vorherrschenden Wohnbauten sehen. Hervorzuheben sind besonders die Fenster- und Türenlaibungen, welche in Rochlitzer Porphyr gefertigt wurden, ein Material, welches hauptsächlich nur Bauten im Eigentum des damaligen Königreiches Sachsen zugestanden wurde. Weiter lesen wir zum Bau der neuen Schule mit „12 Stuben“ folgende Zeilen:

In diesem Jahr, 1886, beschloss auch der Schulvorstand den Bau einer neuen Schule, weil die herzurichtende Schulstuben in der unteren Schule (das jetzige Rathaus) nur auf 5 Jahre Genehmigung erhielten. Um die Kosten der Herstellung (einer Rekonstruktion) zu ersparen und in der Voraussicht, dass die Kinderzahl bedeutend steigt, hielt es der Schulvorstand für geraten, die alte Schule zu verkaufen (voraussichtlich an die politische Gemeinde zum Gemeindeamt, zur Post u. zur Sparkasse) und ein Haus mit 12 Stuben zu bauen. Der Bauplatz sollte von der Pfarre erworben werden. Noch vor Jahresschluss 1887 wurde vom Pfarrlehn ¾ Acker = 225 R bzw. 4160 m² an die Schulgemeinde zum Schulbauplatz zum Preis von 20 (Gold-Mark) pro (Quadrat-) Rute verkauft. Das Kapital an 4500 (Gold-) Mark wurde vorläufig von der Schulgemeinde geliehen, d.h. verzinst.

Anzumerken ist noch , dass die Nachfahren des Lehrers Kempe das Haus Kirchweg 7 noch bis in die70iger Jahre bewohnten.

Fronhaus

Abschließend wollen wir uns dem dritten Gebäude unseres Artikels zuwenden, es ist das „Fronhaus“, Bräuteichweg 5.

vor 1789

Die Geschichte dieses Gebäudes reicht in sehr alte Zeiten hinein. Ein Rittergutsbesitzer ließ es weit vor dem Jahr 1789 als Unterkunft für die Mohsdorfer Handfröner als Unterkunfts- und Übernachtungsgebäude errichten. Damit hatte er die Mohsdorfer Fröner sofort in Wittgensdorf zur Hand, d.h., sie mussten nicht täglich den beschwerlichen und langen Weg, den „Hofeweg“ (ca. 8,5 km, Gehzeit ca. 2 Stunden) gehen. Im Jahr 1789 führte Christian Ehrenreich von Schönberg das „Frongeld“, eine Art von Steuern ein und löste damit die Fronarbeit ab. Das Haus wurde somit frei und konnte von anderen Bewohnern genutzt werden. Der wohl bekannteste war der „Kunstgärtner“ Quinger, der als Hofgärtner die Gartenanlagen des Rittergutes pflegte und für die Anlagen eines Parkes verantwortlich war. In seinen Tagebuchaufzeichnungen von 1928 schreibt der Köthensdorfer Heimatforscher Emil Müller (*1859 - + 1959), dass im „Fronhaus, einem kleinen Gebäude am Bräuteich“ früher ein Gefängnis gewesen sei. Noch lange seien Ringe, Ketten und die Gitterfenster zu sehen gewesen. Nachstehend ein Zeichnung von E. Müller aus dem Jahr 1921 vom Fronhaus.

Quelle: Sammlung Heimatverein Köthensdorf

Später wurde das Haus u.a. im Sommerhalbjahr von polnischen Landarbeitern genutzt und war daher im Dorf als „Polenhaus“ bekannt.

1945

Nach der Enteignung des Rittergutes und dem Abbruch verschiedener Gebäude des Gutes zur Gewinnung von Baumaterial für die „Neubauerngüter“ bekam das Fronhaus einen Scheunenanbau und wurde dem Neubauer Kutschera zugewiesen. Das nachstehende Foto zeigt das Neubauerngut um 1950.

Quelle: Sammlung Heimatstube

Mit diesen Ausführungen schließen wir den Teil III unserer Beiträge zu historischen Gebäuden und Plätzen unseres Heimatortes. Freuen wir uns auf den nächsten Beitrag, in dem wir die Gebäude „Fisch-Ernst“, „Allgemeine Ortskrankenkasse“ - die ehem. Sparkasse und die Kirchmühle näher beleuchten werden.

Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.

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