⇩ PDF herunterladen

Historische Gebäude – 11

erschienen in: Heft ?/2024

Historische Gebäude in Wittgensdorf

Ein Beitrag zur Ortsgeschichte

Nachdem wir uns im Teil 10 unserer Artikelserie zu historischen Gebäuden unseres Heimatortes mit den Objekten Burgstädter Straße 8 und Untere Hauptstraße 22 befasst haben, wollen wir in diesem Artikel die Nadelfabrik Ferdinand Irmscher, Untere Hauptstraße 21 und die Alte Apotheke, Untere Hauptstraße 14 behandeln.

Nadelfabrik Ferdinand Irmscher

1846

Beginnen wir mit der Nadelfabrik Ferdinand Irmscher. Die Entstehungsgeschichte der Nadelfabrik reicht bis weit über das Jahr 1846 zurück.

Ehem. Wohngebäude Untere Hauptstraße 21 am Standort des jetzigen Wohnhauses
Ehem. Wohngebäude Untere Hauptstraße 21 am Standort des jetzigen Wohnhauses - Quelle: Sammlung Reiner Wirth
Ehem. Wohngebäude Untere Hauptstraße 21 am Standort des jetzigen Wohnhauses
Ehem. Wohngebäude Untere Hauptstraße 21 am Standort des jetzigen Wohnhauses - Quelle: Sammlung Reiner Wirth

Mit der Entwicklung der Strumpf- und Wirkwarenindustrie musste die handwerkliche Fertigung der Nadeln der fabrikmäßigen Erzeugung weichen. 1846 ließ der Firmengründer Ferdinand Irmscher ein Fabrikgebäude auf dem jetzigen Grundstück errichten.

Firmenschild „Ferdinand Irmscher, Wittgensdorf, Nadelfabrik“
Firmenschild „Ferdinand Irmscher, Wittgensdorf, Nadelfabrik“ - Quelle: Recherchen Frau Striewski, Gemeindeamt

Die Entwicklung und Einführung der „Maschinenstrickerei“ führte zu einem ständig wachsenden Bedarf an „Zungennadeln“. Irmscher nahm die Herstellung dieser Spezialnadeln in sein Portfolio auf und sicherte mit der Güte der hergestellten Nadeln der Firma einen treuen Kundenkreis.

Zungennadeln in eine Postkarte gesteckt zur Ansicht für einen Kunden
Zungennadeln in eine Postkarte gesteckt zur Ansicht für einen Kunden - Quelle: Sammlung Reiner Wirth

1888

Im Jahr 1888 übernahm sein Schwiegersohn Friedrich Bruno Wirth die Fortführung des Betriebes.

Visitenkarte von Ferdinand Irmscher
Visitenkarte von Ferdinand Irmscher - Quelle: Sammlung Reiner Wirth

Er arbeitete im Sinne des Gründers weiter an der Herstellung der Nadeln in vorzüglicher Qualität. Die ständig steigende Nachfrage machte bald eine bauliche Erweiterung nötig. Dazu wurde eine Werkstatt für Maschinenbau eingerichtet, die die Herstellung der für den eigenen Bedarf notwendigen Hilfsmaschinen ermöglichte. Die Spezialisierung auf Zungennadeln machte eine nochmalige Ausweitung der Produktion erforderlich.

1919

Im Jahre 1919 übernahm Herr Arno Wirth die Firma. Die ständig steigende Nachfrage konnte wiederum nur durch eine Erweiterung der Fabrikationsflächen befriedigt werden. Dabei wurde auf die Herstellung der Produkte in bester Qualität geachtet. Der Einsatz der besten Rohmaterialien wurde durch damalige neueste metallographische Prüfungsmethoden garantiert. Die Ausstattung der Werkstätten mit den besten Maschinen und Hilfsmitteln ermöglichte den Bau von präzis arbeitender Hilfsmaschinen und Automaten. Dadurch konnte die Herstellung einer allen Ansprüchen genügenden Qualität in allen Formen und bis zu den feinsten Teilungen gewährleistet werden. Damit zählte die Firma zu einem Kreis der angesehensten Firmen ihrer Branche und einem treuen Kundenkreis der sich schon zu Zeiten des Firmengründers bildete.

1941

Ab dem 01. Oktober 1941 firmierte das Unternehmen unter dem Namen

Geschäftskarte „Dr. Thiedig & Wirth, Mechanische Werkstätten Wittgensdorf“
Geschäftskarte „Dr. Thiedig & Wirth, Mechanische Werkstätten Wittgensdorf“ - Quelle: Sammlung Reiner Wirth

Dabei wurde das Produktionsprofil der Firma vollständig auf die Herstellung von Hochdruckapparaten und andere maschinentechnische Fabrikate umgestellt.

1942

Interessant ist hier noch die Tatsache, dass am 21. Dezember 1942 der „Unterstützungsverein Dr. Thiedig & Wirth, Mechanische Werkstätten Wittgensdorf“ auf einer ersten Mitgliederversammlung gegründet wurde. Diese wurde vor dem Amtsgericht Limbach/Sa. am 14. Januar 1943 beurkundet. Zum Zweck des Vereins lesen wir unter § 5 der Satzung folgende Formulierung:

„Der Verein bezweckt: Den Zugehörigen und den als arbeitsunfähig ausscheidenden Zugehörigen der Firma Dr. Thiedig & Wirth nach Maßgabe der nachstehenden Satzungsbestimmungen Zuwendung und Unterstützung zu gewähren. Zu den Zugehörigen im Sinne vorstehender Bestimmung zählen auch deren Angehörige (§ 10 Steueranpassungsgesetz).“

1946

Im Jahr 1946 wurde dem Unternehmen allerdings das Gewerbe entzogen. Es folgte die Enteignung und die Umwandlung in Volkseigentum als:

Firmenschild „VEB Mechanische Werkstätten Wittgensdorf“
Firmenschild „VEB Mechanische Werkstätten Wittgensdorf“ - Quelle: Recherchen Frau Striewski, Gemeindeamt

Produziert wurden Gießereiausrüstungen, Einzelteile für Schienenfahrzeugbau, Handelsgeräte, Metallbedarfserzeugnisse u.a. welche sich schon aus dem Produktionsprofil der Vorgängerfirma ergeben hatten.

1957

Am 01. April 1957 wurde der Betrieb dann dem Drahtziehmaschinenwerk Grüna zugeordnet und in dessen Fertigungslinien eingeordnet. Zu bemerken ist noch, dass in einer separaten Werkstatt der UTP (Unterrichtstag in der Produktion) gehalten wurde. Hier konnten die Schüler der 10-klassigen Polytechnischen Oberschule „Hans Beimler“ Wittgensdorf Erfahrungen in der Metallbearbeitung sammeln und hatten, auch durch die sehr gute Betreuung der beschäftigten Mitarbeiter, sehr viel Freude an der handwerklichen Arbeit.

Nach der Zuordnung zum Drahtziehmaschinenwerk Grüna übernahm Herr Kurt Friebel aus dem Stammwerk Grüna als erster Betriebsleiter die Amtsgeschäfte. Der zweite Betriebsleiter war Herr Helmut Böttcher aus Wittgensdorf. Er bekleidete dieses Amt bis zum November 1977.

1977

Im Dezember 1977 übernahm Herr Hartwig diese Funktion und führte sie bis zur Wende 1989/90 aus. Danach wurde das Werk eliminiert und die Kollegen wurden alle entlassen. Herr Steuer, der Sohn des Erfinders des Weidezaundrahtes, Herr Himmler und Herr Hartwig kauften die Immobilie und gründeten 1991 die Firma „Steuer & Co GmbH“. Herr Steuer verließ 1994 und Herr Himmler 1996 die Firma. Danach führte Herr Hartwig den Betrieb mit Weidezaunproduktion und Schlossereiabteilung bis zu seinem Ruhestand weiter.

2016

Ab dem Jahr 2016 interessierte sich ein Unternehmer aus Wittgensdorf für die Betriebsstätte. Im Oktober 2016 verkaufte Herr Hartwig die Immobilie samt Betrieb an diesen Unternehmer.

Abschließend soll noch eine Frage beantwortet werden: Warum firmiert auch der jetzige Betrieb noch unter „Steuer & Co GmbH“? Die Frage lässt sich leicht beantworten: Im Drahtziehmaschinenwerk Grüna wurde zu DDR-Zeiten, wie in nahezu allen Betrieben, die Konsumgüterproduktion durchgeführt. Herr Steuer sen. entwickelte dafür einen elektrischen Weidezaun, bestehend aus einem Weidedraht (Kunststoffseele mit 2 gegenläufig darüber gewickelten Stahldrähten) sowie den zugehörigen Elektrobauteilen. Das Patent des Weidezaundrahtes übergab er an das Drahtziehmaschinenwerk Grüna. Ab 1957 wurde die Produktion komplett nach Wittgensdorf verlagert. Zum Andenken an Herrn Steuer sen. wurde der Firmenname „Steuer & Co. GmbH“ weitergeführt.

Nach der ehemaligen Nadelfabrik Irmscher wollen wir uns nun mit der alten Apotheke Wittgensdorf befassen.

Alte Apotheke

1863

Das Apothekengebäude entstand, wie aus einem Wertgutachten von 1991 zum Verkauf der Immobilie zu ersehen war, im Jahr 1863. Dabei wurde der damalige Bauherr leider nicht namentlich erwähnt.

Historische Ansichtskarte der Unteren Hauptstraße mit dem Apothekengebäude
Historische Ansichtskarte der Unteren Hauptstraße mit dem Apothekengebäude - Quelle: Sammlung Heimatstube

1928

In einem Artikel im Wittgensdorfer Wochenblatt vom 12. August 1928 zum 60jährigen Jubiläum des Bestehens der Apotheke lesen wir folgende Zeilen:

„Am 31. Januar 1868 schrieb der Wittgensdorfer Gemeindevorstand Hoffman, der erst kurz vorher sein Amt übernommen hatte, an den damals 28 Jahre alten Administrator der Apotheke Mühltroff i. Vogtl., Hermann Abigt nachfolgenden Brief:

Wenn mir und nun schon vor Antritt meiner Aemter hier von mehreren achtbaren hiesigen Einwohnern die dringende Bitte ans Herz gelegt worden ist, dahin bestrebt zu sein, dass Wittgensdorf recht bald mit einer Apotheke versehen werde, so hat es mich um zu mehr erfreut, als ich bei meinem Antritte erfuhr, dass sie geneigt wären eine Apotheke hier zu errichten und deshalb auch bereits Schritte gethan worden seien.

Unter anderen mir gestern zugestellten Papieren finde ich nun ihr unterm 5. Dezember vorigen Jahres anher eingereichtes Gesuch, welches ich nun sofort benutze, um in dieser Angelegenheit mir weitere Mittheilungen von Ihnen zu erbitten.

Da der hiesigen Gemeinde und deren Umgebung sehr daran liegt, eine Apotheke im hiesigen Orte zu haben, so können Sie der kräftigsten Unterstützung zu ihrem Vorhaben vom hiesigen Gemeinderate versichert sein, da ihre Fähigkeiten usw. dem unterzeichneten Vorstande hinreichend bekannt sind.

Falls sie nun ihr Gesuch noch aufrecht zu erhalten gesonnen sind, wollen sie dies gefälligst recht bald anhier mitteilen.“

Auf die Zusage des jungen Apothekers hin richtete dann am 14. Juni 1868 der Gemeinderat eine amtliche Eingabe an die Kreisdirektion zu Zwickau. Darin bat der Gemeinderat um Erteilung einer Genehmigung zur Einrichtung einer Apotheke in Wittgensdorf. Interessant war dabei die Aufzählung der im Umland von Wittgensdorf liegenden Orte mit Entfernungen und Angabe der Anzahl der Einwohner, zum Beispiel: Draisdorf ¼ Stunde, Heinersdorf ½ Stunde mit 300, Röhrsdorf ½ Stunde mit 2000 Seelen, Köthensdorf mit 1100 Seelen ½ Stunde, Auerswalde mit ca. 2000 Seelen, ½ Stunde von hier (Wittgensdorf) entfernt. Hinzu kam die durch den bevorstehenden Bahnbau der Strecke Kieritzsch–Chemnitz zu erwartende Versorgung von hunderten Arbeitern, welche für den Bahnbau beschäftigt waren. Die Kreisdirektion entsprach diesem Ansuchen der Gemeinde und im Juli 1868 wurde die erforderliche Konzession zur Errichtung der Apotheke zu Wittgensdorf erteilt. Schon am 1. August 1868 schloss der junge Konzessionär Hermann Abigt mit dem Hausbesitzer Karl Friedrich Singer auf zunächst 5 Jahre einen Pachtvertrag über die erforderlichen Räume im Hausgrundstück Nummer 137 (ehemalige Ortslisten-Nummer) zu Wittgensdorf, dem Gebäude, in dem sich die alte Apotheke befand. In arbeitsreichen Monaten wurden nun die notwendigen baulichen Veränderungen vorgenommen, die Einrichtung der Offizin, der Laboratorien, der Materialkammern, Tinkturen- und Giftkammern usw. geschaffen und all die vielseitigen und zahlreichen Chemikalien, Drogen, Medikamente usw. herangeholt. Die Apotheke wurde am 08. Dezember 1868 eröffnet und konnte die Einwohner unseres Heimatortes zuverlässig versorgen. Der beginnende Bahnbau und die damit verbundene zunehmende Industrialisierung der ansässigen Handwerksbetriebe führte zu einer raschen Zunahme der Einwohnerzahlen und sorgten somit für einen sicheren Bestand der neu gegründeten Apotheke.

Die bis dahin gepachteten Räume erwiesen sich recht bald als zu klein und es machte sich der Bau einer „Niederlage“ im „inzwischen käuflich erworbenen Grundstück“ erforderlich. Im Januar 1873 heiratete Clemens Ottokar Hermann Abigt die aus Zschopau stammende „Jungfrau“ Anna Caecilie Amalie Oehme, Tochter des Hrn. Robert Abraham Oehme, Bürger und Kaufmann in Zschopau, in der Johanniskirche zu Chemnitz. Mit ihr hatte er 7 Kinder, der älteste Sohn Johannes, ebenfalls Apotheker, übernahm nach dem Tod seines Vaters am 12. Juli 1913 die Apotheke, nachdem ihm die Staatsregierung die erforderliche Konzession verliehen hatte. Bemerkenswert ist auch das ehrenamtliche Engagement von Hermann Abigt. 17 Jahre begleitete er das Amt des 1. Gemeindeältesten und stellvertretenden Gemeindevorstandes, war jahrelang Vorsitzender und Mitglied des Schulvorstandes sowie stellvertretender Direktor der Ortssparkasse. Unvergessen war auch den Ortseinwohnern seine offene und ehrliche Art, in der er rein sachlich in Gemeindeangelegenheiten urteilte und handelte.

1945

Der schon oben erwähnte Sohn, Johannes Abigt führte die Apotheke bis zum Jahr 1945 weiter. Im Rahmen der Enteignung / Verstaatlichung wichtiger Einrichtungen des Gesundheitswesens wurde auch das Apothekenwesen umstrukturiert. Die Apotheke Wittgensdorf wurde einer „Zentralapotheke“ des Landkreises Chemnitz/Land (später K.-M.-St./Land) als „Filialapotheke“ unterstellt. Die Leitung der Apotheke Wittgensdorf oblag bis zum 13. März 1955 einem Apotheker Domschke. Frau Apothekerin Hildegard Levin, geb. 21. Mai 1911, bekleidete das Amt des Vertreters seit 1945 und wurde rückwirkend zum 01. April 1955 zum Leiter der „Polyklinikapotheke Wittgensdorf“ ernannt. Ein „Allgemeiner Arbeitsvertrag“ vom 09. April 1959 weist sie als „Apothekenleiter“ aus. In einer Niederschrift zu einem „Kadergespräch“ mit dem „Kreisapotheker“ wird bestätigt, dass sie „weiterhin“ als Apothekenleiter tätig ist. Nachfolgende Apothekenleiter waren leider namentlich nicht mehr zu ermitteln.

1959

In der Ratssitzung des Rates des Kreises K.-M.-St./Land am 01. Juli 1959 wurde der Beschluss gefasst, die Immobilie für 15 TDM aus dem „Volksvertreterfonds“ für die Gemeinde zu erwerben. Im gleichen Jahr beschloss dasselbe Gremium, aus dem o.a. Fonds den Einbau einer neuen Heizungsanlage mit 4,1 TDM bereitzustellen. Noch 1989 erfolgte die Sanierung des für den Apothekenbetrieb dringend erforderlichen Nebengebäudes der Apotheke.

1991

Schlussendlich ist aus den Unterlagen des Kreisarchivs Zwickau zu ersehen, dass im Jahr 1991 ein Wittgensdorfer Unternehmer die Immobilie von der Gemeinde Wittgensdorf erworben hat. Am 01.11.1990 erwarb Frau Apothekerin Cornelia Welker die Apotheke („NUR“ die Betriebserlaubnis, NICHT die Immobilie) von der Treuhandanstalt und führt diese seit dem 14.12.1992 in neuen modernen Räumen in der Chemnitzer Straße 20 weiter.

Mit diesen Zeilen beenden wir vorerst unsere Artikelserie zu historischen Gebäuden unseres Heimatortes. Die noch ausstehenden Objekte bedürfen noch weiterer intensiver Recherchen und werden zu gegebener Zeit noch besprochen. In diesem Zusammenhang bitten wir wiederholt alle Einwohner unseres Heimatortes, uns Informationen, Bilddokumente und sonstige die Ortsgeschichte betreffende Unterlagen zur Kenntnis zu geben. Wir kommen gern zu Ihnen, um im Gespräch wieder neue alte Informationen zu erhalten.

Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.

↑ Nach oben