Historische Gebäude – 10
erschienen in: Heft ?/2024
Historische Gebäude in Wittgensdorf
Ein Beitrag zur Ortsgeschichte
In diesem Artikel zu historischen Gebäuden unseres Heimatortes wollen wir uns im Vorgriff auf noch nicht gestaltete bzw. gefertigte Ortstafeln mit den Gebäuden des vormaligen Kartonagenwerkes Untere Hauptstraße 22 und der Strickwarenfabrik Felix Irmscher & Söhne Burgstädter Straße 8 befassen. In Bezug auf das Gebäude der Kirchner-Grundschule verweisen wir auf unseren ausführlichen Artikel zum Schulwesen von Wittgensdorf (Ein Beitrag zur Schulgeschichte von Wittgensdorf, Heft 5 der RW aus 2014).
Kartonagenwerk
Beginnen wir mit dem Kartonagenwerk, landläufig oft im Volksmund despektierlich „Schachtelbude“ genannt.
1891/92
Was keinem Wittgensdorfer mehr bekannt sein dürfte, wurde der Gebäudekomplex, schon in den Jahren 1891/92 beginnend durch den Strumpffabrikant Friedrich August Schumann mit einem Wohn- und Fabrikgebäude errichtet. Schumann beschäftigte damals schon 20 Stickerinnen und Stricker.
1898
Er erhielt 1898 die Genehmigung zur Errichtung eines Fabrikanbaus.
1908
Erwarb E. Otto Bierbaum die Immobilie und errichtete ein weiteres Neben- und Hintergebäude. Die nachstehende Lithographie zeigt eine Gesamtansicht seines Anwesens.

Das Bild sollte jedoch m.E. jedoch mit einiger Vorsicht hinsichtlich der „künstlerischen Freiheit“ betrachten werden. Aus Kenntnis der Örtlichkeiten erscheint mir persönlich die Ausdehnung des dargestellten Fabrikkomplexes etwas sehr großzügig zu sein, so kann ich z.B. die beiden dargestellten großen Fabrikgebäude – 1x hinter der alten Sparkasse, links an der Hauptstraße, und 1x rechts hinter dem Wohnhaus – nicht einordnen. Den zwischen den beiden größeren Gebäuden im Hintergrund liegende zweistöckige Bau kenne ich noch aus eigenem Erleben, dort hatten wir UTP (Unterrichtstag in der Produktion).
Doch nun weiter zur geschichtlichen Entwicklung:
1913
Erfolgte eine Vergrößerung des Nebengebäudes
1917
Wurden die Kontorräume vergrößert
1918
Ein Kistenschuppen errichtet
1921
Folgte ein Fabrikerweiterungsbau.
1929
Musste die Bierbaum Strickwaren-Fabrikation GmbH Konkurs anmelden und ging in Liquidation. Die Gemeinde Wittgensdorf erwarb die Immobilie aus der Konkursmasse.
1930-32
Wurde im an der Hauptstraße liegenden Gebäude die ortseigene Spar- und Girokasse sowie eine Dienstwohnung für den Bürgermeister eingerichtet.


1933
Wurden frei gewordene Produktionsräume an die Tischlerei Knorr und an den Kartonagenhersteller R. Gundelfinger vermietet.
1946
Wurde die Immobilie dem „Kommunalen Wirtschafts-Unternehmen“ (KWU) zugeordnet.
1947
Im Jahr 1947 erfolgte im Zuge der Verstaatlichung die Angliederung der bis dahin gemeindeeigenen Spar- und Girokasse an die Kreissparkasse Chemnitz.
1953
Am 07. April 1953 verleget die Fa. Gundelfinger ihre Kartonagen- und Textilwarenfabrikation nach Limbach-Oberfrohna und am 01. April 1954 ging die Immobilie in das Eigentum des VEB (K) „Wittgensdorfer Kartonagenwerk“ über.
1954
Mit dem Jahreswechsel 1954 zu 1955 übernahm Herr Tischlermeister Harzer am 04. Januar die Tischlerei von Herrn Knorr, meldete aber schon am 26. Oktober desselben Jahres sein Gewerbe wieder ab.
1955
Im Zuge der Vergrößerung ihrer Geschäftsstelle verlegte die Sparkasse ihre Geschäftsräume im Jahr 1955 in das ehem. AOK-Gebäude Obere Hauptstraße 62.
Damit stand das Gebäude Untere Hauptstraße 22 dem Kartonagenwerk Wittgensdorf als Büro- und Sozialgebäude zur Verfügung.
Die Produktion des Kartonagenwerkes lief dann unter verschiedenen übergeordneten Betrieben, zB. VEB KRUWIPA Pappen- und Kartonagenwerke, 9251 Krumbach bei Mittweida und Verpackungsmittelwerk Burgstädt bis Anfang der 1990er Jahre. Wir uns eine ehemalige Beschäftigte mitteilte, wurden zuletzt nur noch Restaufträge mit wenigen Beschäftigten abgearbeitet, danach erfolgte die vollständige Einstellung des Geschäftsbetriebes.
1995/96
Ein Bauträger / Investor erwarb die Immobilie, ließ die Gebäude in den Jahren 1995/96 abreißen und auf dem nun freien Baufeld, beginnend im Jahr 1997, eine Wohnanlage errichten. Diese blieb allerdings unvollendet und konnte 2003 von einem örtlichen Unternehmen erworben werden. Dadurch wurde das Bauvorhaben reaktiviert und fertiggestellt. Der Bezug des Neubaus erfolgt dann im Jahr 2005.
Mit Sicherheit werden sich nur noch alteingesessene Wittgensdorfer an das im Volksmund despektierlich, aber auch liebevoll als „Schachtelbude“ benannte Kartonagenwerk erinnern. Hier verdienten sich viele Einwohner unseres Ortes ihr tägliches Brot und konnten sich einen, wenn auch bescheidenen Wohlstand schaffen.
Strickwaren-Fabrik Felix Irmscher
Im zweiten Abschnitt unseres Artikels beschäftigen wir uns mit einem weiteren vergangenen Produktionsbetrieb unseres Heimatortes. Angesiedelt an der Burgstädter Straße 8 finden wir die „Strickwaren-Fabrik“ Felix Irmscher.

1867
Erbaut wurde das straßenseitige Wohnhaus im Jahr 1867 und schon 1876 mit einem Nebengebäude als Waschhaus und Pferdestall erweitert. Der Strumpfwirker Johann F. Weber erscheint 1893 als Hausbesitzer.
1901
Im Jahr 1901 übernimmt Felix Irmscher die Immobilie vom „Handelsmann“ Louis Liebers und gründet im Wohnhaus eine Strickerei.
1911
Wird ein Anbau als Fabrikgebäude für die Strickerei mit im Dachgeschoß liegenden Wohnungen errichtet (siehe o.a. Briefkopf).
1923
Am 03. März 1923 erhält Herr Friedrich Irmscher die Gewerbeerlaubnis für eine Strickerei.
1924
Wird ein weiteres Fabrikgebäude errichtet. Es beherbergt die Spulerei, die Strickerei, die Näherei und die Buchhaltung. In dieser Zeit beschäftigte die Firma Irmscher in dieser Zeit 15 bis 20 Arbeitskräfte.

1955
Wurde das Gewerbe auf die Witwe Frieda Irmscher umgeschrieben. Sie firmierte ab 01. Juli 1955 unter „Betrieb einer Strumpfwarenfabrik“ Friedrich Irmscher.
1957
Meldet Herr Friedrich Irmscher das Gewerbe ab, sein Sohn Otto Irmscher erhält die Gewerbeerlaubnis für die Strickerei und firmiert unter dem Namen: „Felix Irmscher & Söhne“


1958
Zum 18. Dezember 1958 schließt sich die Firma „Felix Irmscher und Söhne“ mit der Firma „Bruno Grünert Herrenmode“ zu PGH „Wittgensdorfer Strickwaren“ zusammen. Produziert wurden z.B. Damenstrickunterkleider, Herren- und Kinderbadehosen sowie Frauenlatzhosen.
1967
Eine Zergliederung des Wohn- und Fabrikgrundstücks erfolgte im Jahr 1967 als Herr Vieweg, ein Enkel von Felix Irmscher, das kleine Wohnhaus mit Nebengebäude erwarb.
1969
Die PGH „Wittgensdorfer Strickwaren“ und die PGH „Formatwäsche“ Limbach-Oberfrohna schlossen 1969 einen Kooperationsvertrag ab.
1973
Im Rahmen der Verstaatlichung privatbetriebener Betriebe erfolgte am 01. Januar 1973 die Umwandlung der PGH „Wittgensdorfer Strickwaren“ in Volkseigentum und gleichzeitige Zuordnung zum VEB Trikotex. Wie lange noch in den alten Betriebsräumen produziert wurde, konnte nicht ermittelt werden, es war aber nach Mitteilung der Herren Vieweg und Weise ein Prozess der sich über längere Zeit erstreckte.
1981
Im Jahr 1981 wurde in Erwägung gezogen, das Wohn- und Fabrikgebäude als „Landwarenhaus“ zu nutzen. Verschiedene baulicher Vorschriften standen dem allerdings entgegen, so dass das Projekt verworfen wurde.
1982
Wurde der Kreisbaubetrieb (KBB) K.-M.-Stadt-Land Rechtsträger des Objektes. Die gemeindeeigene Elektroabteilung wurde in den Kreisbaubetrieb eingegliedert und verlegte ihre Produktions- und Lagerräume von der Fabrikstraße 2 in die Burgstädter Straße 8. Auch der KBB verlegte sein Büro von der Unteren Hauptstraße 146 in das neue Objekt.
1990
Aber auch der KBB musste nach der Wende mit der Zeit gehen und firmierte ab 1990 unter der Bezeichnung

1991
Hervorgehend aus der Elektroabteilung der „Kreuzeiche - Bau Hartmannsdorf GmbH“ gründete sich am 01. Mai 1991 die Firma „Elektroinstallation Steffen Weise“ mit Sitz in Wittgensdorf, Burgstädter Straße 8.

Schon am 01. November 1991 richtete Herr Weise im 1. OG ein Ladengeschäft mit Elektroartikeln auf 60 qm ein. Auf Grund der guten Resonanz konnte des Geschäft umziehen und am 21. Oktober 1994 in neuen Räumen Rathausplatz 7 neu eröffnen. Mit seiner Belegschaft (1996: 15 Beschäftigte und 2 Lehrlinge) realisiert die Firma Baustellen im Raum Chemnitz, in Sachsen und in der gesamten Bundesrepublik Deutschland. Ein Luftbild zeigt uns das Anwesen Burgstädter Straße 8.

2022
Mit Ablauf des Jahres 2022 stellte Herr Weise den Geschäftsbetrieb nach erfolgloser Suche nach einem Nachfolger nach 31 Jahren ein, schloss das Ladengeschäft und ging mit seiner Gattin in den verdienten Ruhestand.
Damit schließen wir den Teil 10 der Artikel zu historischen Gebäuden unseres Heimatortes. Die nächste Beiträge beschäftigen sich mit der ehemaligen Nadelfabrik Ferdinand Irmscher, Untere Hauptstraße 21, der alten Apotheke, Untere Hauptstraße 12, der vormaligen Gaststätte „Bahrmühle“ Wittgensdorfer Straße 157, dem abgerissenen Produktionsgebäuden der Fa. Steinbach an der Fabrikstraße, dem Komplex der ehemaligen Lungenheilstätte mit dem Wittgensdorfer Wasserwerk an der Chemnitzer Straße sowie der ersten „Produkten-Verteilungsstelle“ des KONSUM-Vereins Chemnitz, Untere Hauptstraße 12, der Zimmerei Stein, Untere Hauptstraße 118 und letztendlich mit der Tischlerei Rothe, Obere Hauptstraße 93.
Freuen wir uns auf die kommenden Beiträge mit interessanten Einblicken in die Geschichte unseres Heimatortes und den damit verbundenen Erinnerungen an bekannte und weniger bekannte Einwohner von Wittgensdorf.
Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.