Herzogshöhe
erschienen in: Heft 4/2016
Die "Herzogshöhe" in Wittgensdorf
ein Beitrag zur Ortsgeschichte
Wie schon in der Einleitung des Beitrages zur "Oberen Siedlung" (Rundschau Wittgensdorf, Heft 6/2015) erwähnt, wollen wir in loser Folge die unter bestimmen Bedingungen entstandenen Siedlungsgebiete unseres Ortes vorstellen und deren Geschichte und Entwicklung näher beleuchten. Vorab jedoch einige Bemerkungen zur Grundlage der nachfolgenden Zeilen. Der Verfasser stützt sich bei seinem Beitrag der Einfachheit halber auf eine undatierte und namentlich nicht gezeichnete Niederschrift zur Geschichte der Herzogshöhe. Dieser Beitrag zeichnet sich durch eine sehr genaue Darstellung der Entwicklung dieses Siedlungsgebietes aus und musste nur in wenigen Details ergänzt werden. Recherchen ergaben jedoch nur, dass die Urschrift oder eine Kopie dieser Niederschrift von Herrn Richter an Herrn Gerhard Riemann, Herzogshöhe 81 gegeben wurde. Dieser hat das Schriftstück mit einer geeigneten Überschrift versehen, im Computer erfasst und in der jetzt vorliegenden Form ausgedruckt. Der eigentliche Verfasser ist jedoch trotz intensiver Nachforschungen nicht zu ermitteln. Sollte jedoch ein Leser unserer Rundschau Wittgensdorf in irgendeiner Form Kenntnis über die angesprochene Problematik besitzen, möge er sich unter der Adresse des Kultur- und Heimatvereins Wittgensdorf, Rathausplatz 1 in 09228 Wittgensdorf oder unter der Email-Adresse heimatverein@wittgensdorf.de beim Heimatverein melden.
Doch kommen wir nun zur Geschichte der Entstehung der Herzogshöhe.
Im März 1928 veröffentlichte die Siedlergenossenschaft Glösa im "Wittgensdorfer Wochenblatt" ein Inserat, wonach in Wittgensdorf Schrebergartenland in Parzellen zu 600 m² zum Kauf angeboten werden sollte. Ausgangspunkt war der beabsichtigter Kauf des Herzogschen Gutes in Wittgensdorf, Untere Hauptstraße 65 und der anschließende Weiterverkauf des Landes in den o.a. Teilstücken. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch trotz rühriger Werbetätigkeit durch ein gebildetes Verkaufskomitee (Guido Krenkel, Vorsitzender, Martin Hermann, Schriftführer, Fritz Heymer, Kassierer) infolge auftretender Widersprüche zur Straßenführung, hervorgerufen durch den Herzogschen Steinbruch, jetzt Spielplatz (zeitweise leider durch die Stadt Chemnitz wegen "Gefahren durch Bodenschadstoffe" gesperrt, was die Anwohner nur mit einem Kopfschütteln quittierten !! ) zwischen den Grundstücken Herzogshöhe 27, 22 und 24.

Auf Grund der gegebenen persönlichen Umstände (Alter, kein Nachfolger auf seiner Bauernstelle) wollte aber Franz Herzog sein Gut verkaufen.

Die sich abzeichnende wirtschaftliche Entwicklung in der zur damaligen Zeit noch herrschenden Weltwirtschaftskrise bewogen ihn, sein Land auf eigene Rechnung zu verkaufen und damit auch einen höheren Gewinn zu erzielen. Bald fanden sich kapitalkräftige Käufer und vornehmlich die Grundstücke bis zum Querweg fanden neue Besitzer. Der Verkaufspreis betrug 1 Reichsmark pro Quadratmeter, die Vermessungskosten trugen die Käufer. Oberhalb des schon o.a. Steinbruchs wurde der Quadratmeter zu 80 Pfennig verkauft. Um auch der nicht so bemittelten Bevölkerung eine Erwerbsmöglichkeit zu bieten, konnte das Land schon mit einer Anzahlung von 100 Reichsmark und einer mäßigen Verzinsung gekauft werden.
Der nachfolgende Kartenausschnitt (Ausgabe 1934) zeigt noch den Zustand im Bereich der Unteren Hauptstraße vor der Einmessung der Grundstücke Herzogshöhe. Gut zu erkennen sind die beiden Steinbrüche Herzog und Agsten sowie der von beiden Bauern genutzte Feldweg.

Diese günstigen Voraussetzungen ermöglichten es, dass bis zum Jahr 1930 fast das gesamte Land bis an die heutige "Randsiedlung" verkauft werden konnte. Allerdings war es noch sog. "Gartenland" und kein Bauland. Durch Bemühungen der Herren Jakob und Clemens Aßmann gelang es, auch infolge recht guter Beziehungen zum damaligen Amtshauptmann Jungnickel (SPD), das Siedlungsgelände bis zur Randsiedlung als Bauland zu widmen.
Das damals größte Bauhindernis war allerdings der fehlende feste Zufahrtsweg. Der Herzogsche Feldweg führte, wie im o.a. Kartenausschnitt gut zu sehen ist, nur bis zum Querweg, danach nutzten Herzog und Agsten den zwischen ihren Steinbrüchen liegenden Weg gemeinsam.
In dieser Situation ergriff nun Franz Herzog selbst die Initiative. Er beauftragte den Köthensdorfer Bauunternehmer Fritz Sonntag mit dem Bau eines Einfamilienhauses. Verwendet wurde als Baustoff Material, welches aus dem nicht mehr aktiven Herzogschen Steinbruch gewonnen wurde. Dieses Haus trägt heute die Hausnummer 20, der Postangestellte Willy Musch fand sich bald als Käufer.
Um nun das Problem des Straßenbaues incl. Schleusen und Wasserleitung zu lösen, wurde am 06.07.1931 in Richters Laube (Herzogshöhe 17) der Verein der Siedler der Herzogshöhe e.V. gegründet. Hier erwarben sich die schon einmal benannten Herren Jakob (ständiger Berater) und Clemens Aßmann (Buchhalter) sowie Herr Martin Hermann (Hauptkassierer) große Verdienste um das Zustandekommen dieses Großprojektes. Auf Grund der doch recht angespannten finanziellen Situation der Siedler war es für Martin Hermann mit Unterstützung von Fritz Heymer ein mühsames Unterfangen, die erforderlichen Beiträge in kleinen und kleinsten Summen einzusammeln.

Im Herbst 1932 begann dann auch das große Werk des Straßenbaues. Es wurde zu Beginn die erste Etappe bis zum Querweg in Angriff genommen. Eine gute Orientierung gibt uns hierzu die vorstehende Fotokopie eines Gemäldes des Herzogschen Gutes. Schön zu erkennen ist hinter dem Gehöft der Herzogsche Steinbruch, dazwischen der Querweg und davon abgehend der wie o.a. von beiden das mittig stehende Bauern genutzte Feldweg. Für den Straßenbau musste nun erst Wirtschaftsgebäude abgerissen werden. Die rechts stehende Scheune wurde noch lange genutzt und kam erst nach der Wende unter die Abrissbirne. Das links stehende Wohngebäude gehört heute zum Grundstück Herzogshöhe 3. Außerdem war es erforderlich, dass der Besitzer des Grundstückes Untere Hauptstraße 67, Herr Hösel, einen Streifen Land zur Verfügung stellte. Fanz Herzog übernahm die Entschädigung. Den heutigen Straßenverlauf kann man somit etwa im Bereich der dargestellten Hofeinfahrt verorten.
Die anfallenden Arbeiten wurden von den Siedlern in ihrer Freizeit, hauptsächlich an den Wochenenden, geleistet. Große Verdienste erwarben sich hier die Siedler Clemens Aßmann, Fritz Geibel, Kurt Mathies und Otto Steinbach.

Nun begann sich auch die Bautätigkeit bei den Gebäuden zu regen. Als Erste bauten Willy Großer (Nr. 16) und Adolf Richter (Nr. 17) ihre Häuser oberhalb des Querweges. Andere Siedler folgten in kurzen Abständen. Ein Problem war die noch fehlende Wasserleitung. Abhilfe schufen sich verschiedene Siedler durch den Bau eines Brunnens.

Einzufügen ist hierzu noch, dass der Brunnen im Grundstück Herzogshöhe 45 nach Kriegsende im Mai 1945 oft die einzige noch existierende Wasserstelle für den gesamten oberen Teil der Herzogshöhe bis zur Randsiedlung darstellte, da die Wasserversorgung durch das Wasserwerk Wittgensdorf nicht mehr gewährleistet werden konnte.
Im Jahr 1933 wurde der Straßenbau weiter zügig vorangetrieben. der noch vorhandene Herzogsche Steinbruch wurde vorläufig durch einen befestigten Weg umgangen. Hierzu wurde durch Vermittlung des Siedlers Artur Müller Schlacke von der Stahlgießerei Krautheim in Chemnitz-Borna angefahren und eingebaut. Der Straßenzug Herzogshöhe ist im nachfolgenden Kartenausschnitt rot angelegt. Gut zu erkennen ist die o.a. Umgehung des Steinbruches. Rechts daneben in Orange der ehemalige Feldweg Herzog / Agsten.


Zu bemerken ist außerdem, dass die ausgebaute Straße nur bis zum Ende der sog. Randsiedlung führte (dargestellt mit X), danach gab es bis zur Burgstädter Straße nur noch einen schmalen Feldweg. Der Ausbau dieses Abschnittes der Herzogshöhe erfolgte erst nach 1945 im Zusammenhang mit der Enteignung der Hofmannschen Gärtnerei und einem Landausgleich mit den Grundstücken bis an die Burgstädter Straße.
Bereits am 22.07.1933 feierten die Siedler im Garten und in den Kellerräumen des noch im Bau befindlichen Hauses Nr. 19 - Clemens Aßmann - mit Freibier das Richtfest zum Straßenbau. Das Baugeschehen oberhalb des Steinbruches belebte sich zusehends. In Eigenleistung wurden die Aushubarbeiten erbracht, die Siedler Fritz Geibel und Erich Rudolph zogen das Kellergeschoß selbst hoch und der Siedler Wolf (Nr.18) errichtete sein Haus nahezu selbständig. Eine bewunderungswürdige Leistung!

Auf Grund der nun einziehenden Siedlerfamilien wurde es auch erforderlich, das neu entstehende Wohngebiet, respektive die hinein- bzw. herausführende Straße mit einem Namen zu versehen. Auf Veranlassung der Gemeinde Wittgensdorf wurde hierzu eine Siedlerversammlung anberaumt um eine entsprechende Namensgebung durchzuführen. Der Vorschlag, der neuen Straße den Namen "Adolf-Hitler-Straße" zu geben, wurde nahezu einmütig abgelehnt, zumal sich im Volksmund schon lange die Benennung "Herzogshöhe" eingebürgert hatte. Damit wurde auch der Landgeber und Initiator, der Landwirt Franz Theodor Herzog, vormals Untere Hauptstraße 65, in entsprechender Form gewürdigt und sein Andenken erhalten.
Im Frühjahr 1934 war die Verfüllung des Herzogschen Steinbruchs soweit vorangeschritten, dass man nun daran gehen konnte, das Verbindungsstück von Straße und Abwasserschleuse herzustellen. Damit bekam die Straße ihren heutigen geraden Verlauf.
Im gleichen Jahr begann auch der Bau der sog. "Randsiedlung" im Anschluss an die privaten Grundstücke. Da sich hier bereits das Geländeprofil nach Norden neigt, mussten, um der Ableitung der Abwässer in Richtung Murschnitz aus dem Wege zu gehen, die Abwasserschleusen zur Herstellung eines gefällegleichen Anschlusses an das vorhandene Abwassernetz stellenweise bis zu 7 m tief gelegt werden (gegen die einfache Lösung der Abwasserführung in Richtung Murschnitz hatte die Stadt Burgstädt wegen ihres dort liegenden Trinkwasserwerkes Einspruch erhoben).
Ebenfalls 1934 wurde mit weitestgehender Eigenhilfe der Siedler die Trinkwasserleitung vollendet und an das Ortsnetz von Wittgensdorf angeschlossen.
Nahezu zum Schluss des Artikels schrieb der Verfasser des Artikels folgende Zeilen:

Hinzuzufügen wäre noch, dass die Auflösung des Siedlervereins mit einem Tanzvergnügen im Jahr 1938 in der Gaststätte "Jagdschänke" an der Burgstädter Straße begangen wurde. Die formale Auflösung erfolgte aber erst im Jahr 1939.
Der Zweite Weltkrieg brachte auch über Wittgensdorf unermessliches Leid. Einquartierungen ausgebombter Verwandten aus Chemnitz sowie von Flüchtlingen erreichten auch die Herzogshöhe. Not und Elend bestimmten das tägliche Leben. Aber der Lebensmut der Siedler war nicht zu brechen und das Leben normalisierte sich langsam. Der schon mehrfach erwähnte Herzogsche Steinbruch war im Jahr 1946 endlich aufgefüllt und wurde nach einer 8jährigen Liegezeit 1954 wieder durch das gemeinsame Werk der Siedler zu einer Grünanlage mit Ruhebänken sowie einem Sportplatz und einem Kinderspielplatz neu gestaltet.

Natürlich wurden auch in den nachfolgenden Jahren viele individuelle Baumaßnahmen in Form von An-, Um- und Erweiterungsbauten durch die Anwohner der Herzogshöhe an und in ihren Häusern und Grundstücken realisiert. Geschuldet der DDR-typischen Material- und Versorgungslage hielten sich diese jedoch in einer überschaubaren Größenordnung. Dieses änderte sich jedoch grundlegend mit dem Jahr 1989. Die Wende und die nachfolgende Einführung der D-Mark machte ab jetzt Baumaßnahmen in bisher ungeahnter Größe und Vielfalt möglich. Viele Häuser wurden jetzt grundlegend rekonstruiert und auch der Neubau auf bisher nur als Gartenland genutzten Grundstücken schloss viele noch existierende "Baulücken". Auch das Problem der Abwasserentsorgung konnte mit der nun zur Verfügung stehenden modernen Technik problemlos gelöst werden.
Mit diesen Zeilen möchten wir unseren Artikel zur Geschichte der Herzogshöhe abschließen. Möge er allen interessierten Wittgensdorfern ein wenig helfen, ihre Kenntnis unserer Ortsgeschichte zu erweitern oder aufzufrischen.
Gerhard Riemann
Herzogshöhe 81
co. Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e. V.