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Handwerk und Industrie – 2

erschienen in: Heft 4/2014

Die Entwicklung von Handwerk und Industrie in Wittgensdorf, Teil 2

Ein Beitrag zur Ortsgeschichte

Nachdem wir uns im ersten Teil unseres Beitrages mit der grundsätzlichen Entwicklung des Handwerkes in Wittgensdorf sowie mit den größten Betrieben der Textilindustrie Häberle und Steinbach befasst haben, wollen wir uns im zweiten Teil unseres Beitrages den zahlreichen kleineren Textilbetrieben zuwenden. Hinzu kommen noch die Betriebe der Textilveredlung und Zulieferer.

In einem Adressbuch von 1914 für Chemnitz und Umgebung finden wir für Wittgensdorf folgende Betriebe:

AnzahlArt des Betriebes
4Bleichen und Färbereien
5Handschuhfabriken
2Müffelstrickereine
1Nadelfabrik
7Ränderwebereien und -geschäfte
3Strickereien
11Strumpffabriken
2Trikotagenfabriken
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35in Summe

Auch 1946 existierten noch 24 Betriebe in der o.a. Aufzählung. Lediglich die Müffelstrickereien war nicht mehr existent. Dabei finden wir u.a. noch die auch heute noch bei vielen älteren Einwohnern bekannte Namen, wie z.B.: (in alphabetischer Reihenfolge)

FirmaArtAdresse
Gebr. AhnerStrumpffabrikChemnitzer Straße 20
C.F. BöhmeBleichereiObere Hauptstraße 53
Albin FichtnerStrickwarenUntere Hauptstraße 174
Walter FalkStrick- und WirkwarenChemnitzer Straße 16
Emil Fischbach K.-G.StrickwäschefabrikObere Hauptstraße 88/90
Albert HofmannStrumpffabrikUntere Hauptstraße 202
Paul HofmannStrumpffabrikUntere Hauptstraße 85
Otto HoppeNäherei-LohnfertigungObere Hauptstraße 156
Adolph IhleBleicherei u. FärbereiObere Hauptstraße 112
Felix Irmscher & SöhneStrickwarenBurgstädter Straße 8
Richard LeuschelGesundheitsunterwäscheObere Hauptstraße 87
Bernhard RöserWirkwarenObere Hauptstraße 20
Max SchöneStrickwarenBurgstädter Straße 10
Carl SchubertHandschuhfabrikObere Hauptstraße 128 B
Walter VogelWirk- u. StrickwarenObere Hauptstraße 66
Liddy WeinkopfStrickwarenObere Hauptstraße 56

Nachstehend wollen wir uns stellvertretend für diese sog. kleinen Betriebe mit den Firmen Richard Leuschel, Walter Vogel und Emil Fischbach befassen.

Richard Leuschel gründete seine „Mechanische Strickerei“ bereits 1921 und übernahm zunächst die Herstellung von Rund- und Flachstrickstoffen für Reinhold Häberle. Später erweiterte er seine Produktion auf Konfektionsarbeiten und fertigte vornehmlich Kinder- und Damentrikotagen, auch in Heimarbeit. Beispiele aus seinem Sortiment sind in der Heimatstube ausgestellt.
Bis 1972 blieb die Firma in Familienbesitz und wurde dann "VEB Damenwäsche“ und 1976 in den VEB Trikotex eingegliedert.

Quelle: Sammlung Leuschel
Blick in die Produktionsstätte der Fa. R.Leuschel - Quelle: Sammlung Leuschel

Die Firma „Herold & Co“ wurde bereits 1875 vom Strumpfwirker Hering gegründet. Nach einem Firmenwechsel war Theodor Vogel Inhaber dieses Objektes. Seine Witwe führte den Betrieb nach dem II. Weltkrieg weiter und spezialisierte sich auf Baby- und Kinderstrickwaren. 1973 wurde die Firma in einen volkseigenen Betrieb umgewandelt und führte den Namen „Kinderstrickwaren Wittgensdorf“. Am 1. Januar 1976 erfolgte die Eingliederung in den VEB Trikotex. Die Produktionsräume nutzte man nur noch als Lager. Nach 1991 erfolgte ein Umbau der Räume zu Wohnungen.

Quelle: Sammlung Nier Rekonstruiertes ehem. Wohn- und Fabrikgebäude Walter Vogel, Obere Hauptstr. 66

Die Gründung der Firma Emil Fischbach erfolgte bereits 1902 als kleiner Strickwarenbetrieb auf der Unteren Hauptstraße 38. Schon vier Jahre später ließ Herr Fischbach auf der Oberen Hauptsraße 90 ein großes Wohngebäude mit Fabrikanbau errichten.

Quelle:Sammlung Fritzsche Fa. Emil Fischbach, Obere Hauptstraße 88/90

Die Produktion war auf die Arbeitsgänge Spulen, Stricken auf Großrundstrickmaschinen und Konfektionieren aufgebaut und realisierte damit alle drei Hauptproduktionsstufen in der Textiltechnik. Das Sortiment der Firma Fischbach umfasste Herren-, Damen- und Kinderunterwäsche. Im Jahr 1955 übernahm der Sohn Fritz Fischbach die Firma, der sie 1957 gemeinsam mit der Firma Carl Schubert in der Rechtsform einer Kommanditgesellschaft weiterführte. Im Zuge von Konzentrationsmaßnahmen innerhalb der Trikotagenindustrie der DDR wurde am 28. April 1972 die KG Fischbach dem VEB Trikotex Wittgensdorf angegliedert.

Kommen wir nun zu den mit der Textilindustrie eng verknüpften Gewerben. Hier spielt sowohl die Bleicherei als auch die Färberei der Textilien eine wesentliche Rolle.

Einer der ältesten Betriebe dieser Branche in Wittgensdorf war die Firma Adoplh Ihle, Färberei, Bleicherei und Merzerisierungsanstalt. Im Jahr 1845 übernahm Adolph Ihle

Quelle: Sammlung Heimatstube

in Wittgensdorf die "Obere Bleiche". Er kaufte das Grundstück an der Oberen Hauptstraße 112, wo bereits seit 1795 eine Bleicherei namens „Obere Bleiche“ existierte. Allerdings wurde diese noch als Rasenbleiche im Freien, zum Teil unter Zusatz von saurer Milch betrieben.

In "Wikipedia" können wir zum Begriff "Rasebleiche" lesen:
"Für Textilien wurden bis ins 20. Jahrhundert in Mitteleuropa Leinen und Wolle genutzt. Diese Fasern enthalten als Rohware farbige Restsubstanzen aus der Faserfertigung, auch bilden sich durch den Gebrauch braune Abbauprodukte. Um den „reinen“ Eindruck zu erreichen, wurden Wäschestücke an den Flusswiesen in der Nähe von Waschstellen außerhalb der Städte ausgelegt. Das „Ausbleichen“ wurde von der Sonne erledigt. Die Gewebe wurden im Wechsel mit saurer Milch und dem Extrakt von Holzasche (Pottasche) benetzt. Die intermediär unter dem Einfluss von Licht und Luftsauerstoff gebildeten Peroxide sowie die bei der Photosynthese des entstehenden reaktiven Rasens Sauerstoffspezies verursachten den Bleicheffekt. Die Behandlung bis zum gewünschten Weißgrad konnte Wochen dauern".

Ihle hatte in Chemnitz eine kaufmännische Lehre absolviert. In deren Verlauf stieß er erstmals auf den Vorgang des chemischen Bleichens unter Verwendung von Chlor. Dieses Verfahren war in England entwickelt worden und setzte sich langsam auch in Sachsen durch. Er modernisierte den Betrieb durch Nutzung von Kochfässern und Chlorbehältern und ließ eine Trockenanlage errichten.

Gesamtansicht der Fa. Adolph Ihle - Quelle: Sammlung Heimatstube

Sein erster Auftrag bestand im „Weißbleichen“ von:

30 Dutzend Mannsstrümpfen
30 Dutzend Knabensocken
40 Dutzend Frauenstrümpfen

für die Firma Esche in Limbach. (1 Dutzend = 12 Stück)

Nach Adolph Ihles Tod 1887 führte sein Schwiegersohn, Hermann Böhme, den Betrieb weiter. Er brachte die Anlagen auf den neuesten technologischen Stand der damaligen Zeit und begann unter anderem mit dem Färben und Mercerisieren von Trikotstoffen.

Die Merzerisation (Mercerisation)
ist ein Veredlungsverfahren für Baumwolle, das vom Engländer John Mercer in der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde. Er bemerkte beim Filtrieren von Natronlauge durch ein Baumwolltuch, dass das Gewebe aufquoll und anschließend deutlich andere Eigenschaften aufwies. Beim Merzerisieren wird Baumwolle unter Einwirkung von Zugspannung konzentrierter Natronlauge ausgesetzt. Hierbei quellen die Fasern auf, der Querschnitt verändert sich von nierenförmig zu rund und die Länge der Fasern verringert sich um bis zu 25 %. Diese Strukturveränderungen führen zu seidenartigem, waschbeständigem Glanz, besserer Färbbarkeit, höherer Festigkeit und besserer Dimensionsstabilität. Das Verfahren erhöht die Qualität der Textilien, ist aber sehr kostspielig. Daher wird es nur bei Textilien sehr hoher Qualität angewandt.

Quelle: Wikipedia

So entwickelte sich die Firma Böhme – Ihle zu den Besten der Branche. Am 1. Januar 1919 übernahm Gerhard Böhme den Betrieb seines Vaters.

Ein weiteres Großunternehmen der Veredlung war die Diamantschwarzfärberei von Louis Hermsdorf

in der Nähe des Unteren Bahnhofs. Er hatte die Grundlagen des Färbens in der Chemnitzer Färberei bei Johann Friedrich Gehrenbeck erlernt und später einen eigenen Färbereibetrieb eröffnet. Weil seine Firma in Chemnitz schon bald 1200 Mitarbeiter zählte und aus allen Nähten zu platzen drohte, baute Louis Hermsdorf in Wittgensdorf ein neues Werk mit Gleisanschluss. Die von ihm entwickelte schwarze Farbe, genannt Diamantschwarz, wurde zum Modehit für Strümpfe. Mit besonderem Stolz dürfte Hermsdorf der Besuch des Sächsischen Königs Friedrich August in seinem Werk erfüllt haben, stellte dieser doch eine besondere Wertschätzung seiner Leistung dar.
Näheres zur Diamantschwarzfärberei findet sich auf Anschauungstafeln in der Heimatstube.

Gesamtansichtansicht der Diamant-Schwarzfärberei von Louis Hermsdorf - Quelle: Sammlung Heimatstube

Ende Teil 2, Fortsetzung folgt

Rena Fritzsche, Ullrich Nier
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf

Quellennachweis:
[1] – 700 Jahre Wittgensdorf; Aus der Geschichte unsere Heimatortes. Herausgeber: Rat der Gemeinde Wittgensdorf, 1956
[2] - Anna und Felix erzählen aus der Wittgensdorfer Textilgeschichte Geschichtsprojekt des Kultur- und Heimatvereins Wittgensdorf in Zusammenarbeit mit dem Regenbogenhaus Wittgensdorf

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