F.H. Wiedemann
erschienen in: Heft 4/2024
Franz Hermann Wiedemann – Strumpfwirker, Pädagoge, Schriftsteller
Ein Beitrag zur Ortsgeschichte
Beginnend mit F.H. Wiedemann, einem in der Fachwelt gut bekannten Pädagogen und Schriftsteller, wollen wir in loser Folge bekannte und berühmte Persönlichkeiten unseres Heimatortes vorstellten. Franz Wiedemann, Zeitgenosse und Freund von Theodor Kirchner, erlangte mit seinen pädagogischen Schriften weltweite Berühmtheit. Das bekannte Kinderlied „Hänschen klein“ entstammt seiner Feder.
Kindheit und Ausbildung
Franz Hermann Wiedemann wurde am 23. Januar 1821 in Wittgensdorf geboren. Er war das zweite von drei Kindern eines Schuhmachers und Besitzers einer kleinen Gartenwirtschaft. Sein Elternhaus stand hinter dem ehemaligen Gasthof „Goldene Sonne“ in der Oberen Hauptstraße 80. Nachstehend ein altes Foto von Franz Wiedemanns Elternhaus.

Während seiner Kindheit besuchte Franz Wiedemann gemeinsam mit den Söhnen Otto und Theodor des Kirchschullehrers und Kantors Johann Gottfried Kirchner die Schule und genoss zudem zusätzlich noch Privatunterricht.
Aufgrund fehlender finanzieller Mittel musste er nach der Schulentlassung den Beruf des Strumpfwirkers erlernen. Fleißig und arbeitsam wie er war, sparte er jeden Groschen und erwarb für 150 (Gold)Mark seinen eigenen Wirkstuhl. Da er jedoch keine volle Befriedigung in seinem Handwerk fand, betätigte er sich literarisch und verfasste während seiner Tätigkeit als Strumpfwirker verschiedene Gedichte, die viel Anklang fanden.
Für seinen schon kränkelnden Lehrer Johann Gottfried Kirchner fertigte er neben seiner Arbeit umfangreiche Duplikate (Abschriften) an, so dass dieser ihn im Alter von 20 Jahren ermutigte, den Beruf des Lehrers zu ergreifen.

Er nahm diesen Vorschlag an, nahm Rücksprache mit Mag. F. A. Ludwig Ackermann, Pfarrer zu Wittgensdorf, und verkaufte innerhalb zweier Tage seinen Wirkstuhl. Danach lernte er noch 1 Jahr bei Pfarrer Ackermann Geschichte und Geographie, übte sich in Musik, Deutsch und Rechnen und hielt Anschauungsunterricht in der Schule.
Im Jahr 1842 begann er dann seine Ausbildung am Fletcherschen Seminar in Dresden.
Die Schulden, die sein Vater zur Bezahlung seines Studiums hatte aufnehmen müssen, zahlte er gewissenhaft zurück, wie er auch später seine Verwandten stets liebreich und reichlich durch Geschenke erfreute und unterstützte.
Tätigkeit als Lehrer
Das „Fletchersche Seminar“ verließ er schon nach 4 Jahren am 24. September 1846 mit der „Hauptzensur“ „GUT“. Noch im gleichen Jahr fand Wiedemann Anstellung am „Königlichen Institute“, Johannisstraße in Dresden. Am 27. November 1847 wurde er als „Hilfslehrer“ angestellt und war an der 5. Bezirksschule, Luisenstraße in Dresden tätig. Die dazu notwendige „Anstellungsprüfung“ wurde ihm dabei erlassen.
Danach erhielt er 1850 eine Anstellung an der 4. Bezirksschule und wechselte im Jahr 1853 an die 4. Bürgerschule Dresden um dort seine Lehrtätigkeit als ständiger Lehrer (Berufung 1852 [Quelle: Acta Personalia]) auszuüben.
Anlässlich seines 25jährigen Lehrerjubiläums wurde ihm vom „Königlichen Ministerium des Cultus und öffentlichen Unterricht zu Dresden“ der Titel des Oberlehrers verliehen. Er unterrichtete bis zu seiner Emeritierung am 16.04.1881 als Elementarlehrer. Anlässlich der Emeritierung erhielt Wiedemann die Auszeichnung mit dem Verdienstkreuz [2-4].
Aufgrund seiner Erfolge als Lehrer in den Elementarklassen, erhielt er zahlreiche pädagogische Besucher zur Hospitation. Die Zahl der jährlichen Besuche von Lehrern und Lehrerinnen, Seminarlehrern, Schulinspektoren, Magistraten sowie Regierungskommissaren schwankte zwischen 19 und 70. Bei Besuchern aus dem Ausland waren vor allem Hospitanten aus den Österreichischen Staaten, den Ostseeprovinzen, Dänemark, Schweden und Finnland vertreten [4].
Tätigkeit als Schriftsteller
Neben seiner Tätigkeit als Lehrer, war Franz Wiedemann ein erfolgreicher Schriftsteller. U.a. verfasste er methodische Schriften für Lehrer. Einige seiner Werke sind in mehrere Auflagen erschienen. Das Buch „Samenkörner für Kinderherzen“ erschien in 10 Auflagen. Manche Schriften wurden sogar in andere Sprachen übersetzt. Ins Französische und Polnische wurde das Buch „100 Geschichten für Mütter und ihre Kinder“ übersetzt. Das Werk „Wie ich meinen Kleinen die biblischen Geschichten erzähle“ wurde ins Schwedische und Neugriechische übersetzt. Letzteres Buch wurde auf der Pariser Weltausstellung prämiert. Auf der Wiener Weltausstellung wurde Wiedemann die goldene Verdienstmedaille verliehen und von der Schillerstiftung erhielt er eine Prämie von 300 Mark [1, 4].
Das Werk „Geschichten, wie sie die Kinder gerne haben“, mit Illustrationen von Gustav Süss, ist sogar vom Verlag Hansebooks als unveränderter Nachdruck (2017) der Originalausgabe von 1861 erhältlich (ISBN 978-3-74346-031-7; 17,90 Euro Taschenbuch).
Im Nachfolgenden werden die beiden bekanntesten Werke von Franz Wiedemann „Vaterhaus“ und „Hänschen klein“ näher betrachtet. Vor allem Letzteres ist weithin als Kinderlied bekannt geworden.
Hänschen Klein
Die ursprüngliche Fassung des bekannten Volks- und Kinderliedes „Hänschen klein“ wurde im Anhang „Alte Lieder, neue Worte“ des Buches „Samenkörner für Kinderherzen“ veröffentlicht. Darin ist es als Nummer 22 unter dem Titel „Hänschen und seine Mutter“ zu finden [5,6]:

Als Melodie wird in der Originalfassung von Franz Wiedemann auf „Fahret hin“ verwiesen [5, 6].
Heute ist dieses bekannte Lied oft gemeinsam mit anderen Kinderliedern zu finden. Eine alleinstehende Veröffentlichung aus heutigen Tagen bildet ein Pappbilderbuch, mit Illustrationen von Lisa S. Rackwitz, was 2016 im Eulenspiegel Kinderbuchverlag unter der ISBN 978-3-359-01704-2 erschienen ist.
Interessant anzumerken ist, dass „Hänschen klein“ das erste Lied gewesen sein soll, was von einem Computer (Zuse Z22) gespielt wurde [5].
Vaterhaus „Wo's Dörflein dort zu Ende geht“
Ein weiteres bekanntes Lied von Wiedemann ist „Wo's Dörflein dort zu Ende geht“. Dieses Lied bezieht sich auf sein Elternhaus, welches sich, wie schon o.a., in der Oberen Hauptstraße 80 (hinter dem ehemaligen Gasthof „Goldene Sonne“) befand. Das Lied war Bestandteil vieler Schullesebücher [1,7]. Nachfolgend ist die Fassung aus der Festschrift 700 Jahre Wittgensdorf [7] abgedruckt:
Wo's Dörflein dort zu Ende geht,
Wo's Mühlenrad am Bach sich dreht,
Da steht im duft'gen Blütenstrauß
Ein Hüttlein, s'ist mein Vaters Haus.
Refrain:
Dahin, dahin verlangt mein Sehnen,
Ich denke dein gar oft mit Tränen,
Mein Elternhaus, so lieb und traut
Das ich so lang nicht mehr geschaut.
Da schlagen mir zwei Herzen drin
Voll Liebe und voll treuem Sinn;
Mein Vater und die Mutter mein,
Das sind die Herzen fromm und rein.
Refrain
Darin noch eine Wiege steht;
Darin lernt' ich mein erstes Gebet;
Darin fand Spiel und Lust stets Raum;
Darin träumt ich den ersten Traum.
Refrain
Drum tauscht ich für das schönste Schloß,
Wär's felsenfest und riesengroß,
Mein liebes Hüttlein doch nicht aus;
Es gibt ja nur ein Vaterhaus.
Refrain
Emeritierung
Auf Grund seines angeschlagenen Gesundheitszustandes stellte Franz Wiedemann Ende 1875 an den Schulausschuss der Stadt Dresden den Antrag, das ihm zur „Erleichterung und Schonung in meinem Amte in der Weise zutheil werde, dass mir blos die Verwaltung meiner Elementarklasse übertragen bliebe und ich von allen anderen Unterrichtsstunden außerhalb dieses Kreises dispensirt werde, bestätigt durch ein ärztliches Zeugnis“.
Dieses Gesuch wurde mit den Worten:
Seiten der Schulleitung ist kein Bedenken gegen die Bewilligung vorstehenden Gesuches zu erheben. Gez. Wagner, 4.Bürgerschule 27.03.1876
Drei Jahre später hatte sich aber sein Gesundheitszustand so verschlechtert, dass er ein „Gesuch des Oberlehrer Wiedemann um Emeritierung aus Gesundheitsrücksichten“ an den „Rath der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Dresden“ mit einem beigefügten ärztlichen Zeugnis sandte.
Nach einer Beschreibung seines Gesundheitszustandes schreibt er folgende Zeilen:
Hochgeehrte Herren!
Ich entblöde mich nicht mir das Selbstzeugnis auszustellen, dass ich in diesen 33 Jahren nach besten Wissen und Kräften in diesem, meinem speziellen Berufe gearbeitet habe. Wenn ich aber nun jetzt fühle, dass gerade diejenigen physischen Apparate, die dabei am meisten in Anspruch genommen waren, ihren Dienst versagen und ein Weiterwirken in meinem Amte zu meinem baldigen gänzlichen Ruin führen würde, erhoffe ich, dass Sie meinem auf Grund des beiliegenden ärztlichen Zeugnisses Ihnen hiermit ganz ergebenst unterbreiteten Ersuchen;
mich mit Ostern 1881 von meinem Amte als städtischer Lehrer zu entbinden,
Gehör schenken u. mein Gesuch nicht als den Ausfluss einer bloßen Sehnsucht nach behaglicher Ruhe erachten werden. Zwar steht mir in dieser Angelegenheit kein schneegebleichtes Haupt führsprechend zur Seite, wohl aber ein Alter von ca. 60 Jahren (23. Jan. 1881) und ein Familienkreis mit sechs noch unerzogenen Kindern, der seinen Versorger schmerzlich vermissen würde, wenn derselbe, seine Gesundheitsverhältnisse nicht rechtzeitig berücksichtigend, zu früh ein Opfer seines Berufes würde. Zwar ein ehrenvolles, für Weib und Kinder aber trostloses Ende!
Vertrauensvoll der Entscheidung der hohen Behörde entgegensehend, zeichnet mit
aller Hochachtung und Ergebenheit
Franz Wiedemann
Elementar- u. Oberlehrer an der 4. Bürgerschule
Das Gesuch wurde bewilligt. Franz Wiedemann wurde am 16.4.1881 emeritiert.
Anlässlich seiner Emeritierung wurde er mit dem Verdienstkreuz ausgezeichnet.

Franz Wiedemann verstarb bereits ein reichliches Jahr nach seiner Emeritierung am 30. Oktober 1882 in Alter von 61 Jahren in Dresden. Er hinterließ eine Frau und sechs Kinder.
Mit diesen Zeilen beschließen wir unseren ersten Beitrag zur Vorstellung bekannter und berühmter Persönlichkeiten unseres Heimatortes. Wir werden diese Reihe zu gegebener Zeit mit weiteren Vorstellungen fortsetzen.
Dr. Heike Jung
Stellvertreterin des Vorsitzenden
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.
co. Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.
Quellenverzeichnis:
[1] - Wienold, H., Geschichtliches a. d. Heimat, Druck- u. Werbehaus Chemnitz, 1936
[2] - Wagner, F.: Antrag des Direktors der 4. Bürgerschule Dresden auf Auszeichnung von Franz Wiedemann mit dem Titel Oberlehrer anlässlich seines 25jährigen Lehrerjubiläums, 28. Dez. 1872
[3] - Wiedemann, F.: Gesuch des Oberlehrer Wiedmann um Emeritierung, 02.12.1880
[4] - Bezirksschulinspection zu Dresden: Antrag auf Auszeichnung des Lehrers F. Wiedemann anlässlich seiner Emeritierung, 1881
[5] - https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A4nschen_klein (Stand: 19.01.2023)
[6] - Wiedemann, F.: Samenkörner für Kinderherzen, 10. Auflage, Verlag Gustav Dietze, 1877
[7] - Festschrift 700 Jahre Wittgensdorf, 1956 (Bild als junger Mann)
[8] - https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Wiedemann (Stand: 19.01.2023) (Bild als älterer Mann)