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Erinnerungen

erschienen in: Heft 2/2015

Erinnerungen an die Ereignisse in Wittgensdorf vor nunmehr 70 Jahren

Erlebnisbericht eines Wittgensdorfer Einwohners aus Anlass der 70. Wiederkehr der Bombardierung der Stadt Chemnitz sowie der Beendigung des II. Weltkrieges am 08.05.1945

Über zwei Generationen sind seit dem Ende des II. Weltkrieges vergangen. Trotzdem sind die Erinnerungen an diese schwere Zeit für mich als nunmehr 78jährigen noch immer in deutlicher Erinnerung. Nur noch wenige Einwohner von Wittgensdorf dürfte es geben, die diese Ereignisse noch aus eigenem Erleben kennen. Welche Ereignisse haben sich nun bei mir besonders eingeprägt? Der Schulunterricht wurde immer öfter abgebrochen. Die Sirene auf der Schule heulte und alle Schüler und Lehrer mussten im Keller der Schule Schutz suchen. So ging es Anfang 1945 tagelang weiter. Im Februar fielen gegen Mittag Bomben im Gebiet südwestlich des Ortes zwischen Hausteins Wäldchen und dem Bahrebach. Man nahm in Wittgensdorf an, dass sie der Firma Häberle an der Chemnitzer Straße gegolten haben. Häberle hatte ein Fabrikgebäude an einen Berliner Betrieb vermietet, der hier Funkgeräte für die Deutsche Wehrmacht herstellte. Die Entfernung von den Einschlagstellen der Bomben bis zum Fabrikgelände betrug nur ca. 1400 m. Für uns Schulkinder war das natürlich ein Ereignis. Von der Schule nach Hause, den Ranzen in die Ecke und hinaus an die Abwurfstelle. Zu sehen war eine zerklüftete "Mondlandschaft" wie man sie sich vorstellt.

Kartenausschnitt Flur Wittgensdorf

In der Nähe einer Eisenbahnunterführung zwischen dem Haltepunkt Wittgensdorf Mitte und der ehemaligen Röhrsdorfer Straße ( diese zweigt beim Manometerwerk von der Oberen Hauptstraße ab ) hatte es eine Lokomotive durch eine Bombenexplosion aus den Gleisen und auf das angrenzende Feld geworfen. Wittgensdorf war aber noch einmal mit den Schrecken davongekommen. Chemnitz jedoch wurde schon am 06. und 14. Februar gezielt bombardiert. An diesen beiden Tagen werfen 1485 britische und amerikanische Bomber 3741 Tonnen Spreng und Brandbomben auf Chemnitz. Dies setzt sich am 2. - 6. März fort. Es entstehen erhebliche Schäden in der Innenstadt, das Städtische Kinderheim wird getroffen. Viele Kinder sind unter den Opfern. Die Reineckerwerke im Stadtteil Gablenz werden dem Erdboden gleichgemacht. Den traurigen Höhepunkt erreicht der Bombenterror am 5. März. Am Vormittag werfen 233 Maschinen der US Air Force 563 Tonnen Sprengbomben ab. Ab 21.00 Uhr bombardiert die britische RAF mit 683 Maschinen in zwei Wellen mit 800 Tonnen Luftminen, 859 Tonnen Brandbomben und danach mit 1112 Tonnen Sprengbomben. 2100 Tote gab es allein an diesem Tag. Die Stadt ist glühend rot erleuchtet, "der Feuersturm war schlimm, aber nicht so wie in Dresden". Noch zwei Tage später sind nicht alle Brände gelöscht. Die Wittgensdorfer Einwohner sehen den glutroten Himmel über dem brennenden Chemnitz. Ein Bild das keiner, der es gesehen hat, je vergessen wird. Am 11. April wird Chemnitz letztmalig aus der Luft angegriffen. 75% der Stadtbebauung und 140 km Frontbebauung liegen in Schutt und Asche. Von 117.000 Wohnungen sind 42.000 zerstört. Es sind 3600 bis 4000 Todesopfer zu beklagen.

Doch die Zeit rückte weiter und auch das Kriegsgeschehen näherte sich unaufhaltsam. Die Versorgung der Bevölkerung brach zusammen. Gas und Strom gab es nicht mehr und auch das Wittgensdorfer Wasserwerk musste infolge eines Bombentreffers den Betrieb einstellen.

Wasserwerk Wittgensdorf nach Bombentreffer, Aufräumungsarbeiten abgeschlossen

Quelle: Sammlung Heimatstube, Leihgabe Frau Rena Fritzsche

Glücklicherweise gab es im Dorf noch viele Brunnen und das sog. Röhrenwasser in guter Qualität, so dass die Versorgung mit Trinkwasser gesichert war. Der Schulbetrieb wurde eingestellt, Lebensmittelgeschäfte, Bäcker und Fleischer mussten ihre Geschäfte schließen. Wittgensdorf war durch Flüchtlinge und "Ausgebombte" übervölkert. Der sog. "Schwarzmarkt" begann zu blühen. Die Front rückte immer näher. Am 14.04.1945, einem Sonnabend, war es dann soweit. Die US-Armee rückte mit Panzern und anderen Kraftfahrzeugen von der Leipziger Straße in Wittgensdorf ein. Ohne Kampfhandlungen besetzten sie das Rathaus. Der damalige Ortspolizist Pippig holte in seiner Angst einen der englischen Sprache mächtigen Einwohner, Herrn Eberhard Böhme herbei um mit den US-Soldaten zu verhandeln. Diese setzten Herrn E. Böhme sofort als neuen Bürgermeister ein. Der alte Bürgermeister, Willy Röser, wurde des Amtes enthoben. Die US-Truppen suchten nach versteckten NS-Führern und drohten der Bevölkerung mit Erschießungen und anderen Repressalien. Luftgewehre, Fotoapparate und dergleichen musste abgegeben werden und wurden öffentlich verbrannt.
Auf den Feldern im Oberdorf ( Seite zum Schwarzholz ) stand eine Geschützbatterie der US-Armee welches Chemnitz, das sich noch in den Händen von Wehrmachts- und SS-Einheiten befand, Tag und Nacht mit Artilleriefeuer belegte. Nachdem nun ein paar Tage vergangen waren, zogen sich die US-Truppen plötzlich aus dem Dorf zurück. An der Eisenbahnbrücke im Oberdorf richteten sie lediglich einen Kontrollpunkt ein. Wittgensdorf war somit von hier bis zum Unterdorf - hier lag die Sowjetarmee jenseits des Chemnitzflusses - Niemandsland. Diese Situation nutzte der SA-Führer (?) Hoffmann, Besitzer der Gärtnerei an der Gärtnergasse um aus Chemnitz nach Wittgensdorf zurückzukommen und die "Verteidigung" unseres Heimatortes zu organisieren. Er drohte jedem Einwohner, der es wagen würde eine weiße Fahne aus dem Fenster zu hängen, mit der standrechtlichen Erschießung. Eine Wahnsinnstat, bedenkt man die militärische Übermacht der vor Wittgensdorf stehenden US-Streitkräfte. Jede militärische Aktion hätte zwangsläufig zur Liquidierung des ganzen Dorfes geführt. In dieser schweren Stunde fasste der Bürgermeister, Herr Eberhard Böhme den Entschluss, einen Bittappell an den Kommandeur der amerikanischen Truppen zu stellen und um die Wiederherstellung der US- Besatzung in Wittgensdorf zu ersuchen. Noch am selben Tag, den 03.05.1945 gingen Bürgermeister Böhme, Pfarrer Wischner und der Rittergutsbesitzer Raschke mit einem weißen Bettlaken bis zum Kontrollposten an der Eisenbahnbrücke am Oberen Bahnhof. Von dort brachte man sie zum Sitz des Kommandos nach Hartmannsdorf, wo sie ihre Bitte vorbrachten. Dieser wurde nach mehrstündigen Verhandlungen entsprochen und die US-Truppen besetzten erneut den ganzen Ort. Die besten, aber oft schon hoffnungslos überfüllten Häuser wurden für die Besatzer requiriert und den Bewohnern blieb nichts anderes übrig als sich irgendwo im Ort eine neue Bleibe zu suchen. Am 08.05.1945 feierten die US-Soldaten bei herrlichem Frühlingswetter das Ende dieses furchtbaren Krieges. Anfang Juni ging auch diese kurze Episode der beginnenden Nachkriegszeit zu Ende. Die US-Truppen zogen sich gemäß den Vereinbarungen des Vertrages von Jalta nach Westen zurück. Mit ihnen verließen auch viele Flüchtlinge aus Ostpreußen und Schlesien aus Angst vor den nun einrückenden Truppen der Roten Armee unseren Ort. Mit dem Einmarsch der Roten Armee stabilisierten sich die Verhältnisse im Osten Deutschlands und führten letztendlich zu der uns allen wohlbekannten Entwicklung bis zum Jahr 1989. Doch das sind schon wieder neue Erinnerungen.

Dietmar Esche, Ullrich Nier
Kultur- und Heimatverein

Quelle: Dr. Andeas Eichler: Erinnerungen an den Frühling, Beitrag von Herrn Dietmar Esche, S. 141 f Miriquidiverlag, 2000

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