Emil Müller – 3
erschienen in: Heft 2/2018
Emil Müller – ein Köthensdorfer Heimatforscher
Einlassungen zu Ereignissen in und um Wittgensdorf in den Tagebuchaufzeichnungen und Niederschriften des Emil Müller (1875 – 1959)
Nachdem wir den zweiten Teil unserer Betrachtungen mit dem Besuch Emil Müllers an der Autobahnbaustelle an der Bahrmühle abgeschlossen haben, wenden wir uns im dritten und somit letzten Teil dem Jahr 1936 zu.
1936 (13/5)
E.Müller schreibt hier in 13/5 Folgendes: Das Wittgensdorfer Rittergut ist von Escher (vorher Stahl) aus Chemnitz für 350.000 Mark an einen neuen Besitzer aus der Leipziger Pflege übergegangen. Hier verweisen wir auf unseren Beitrag in 2 Teilen zur Geschichte des Rittergutes in der RW 6/16 und 2/17. Im nachstehenden Foto ist das Rittergut rechts oben sehr schön zu erkennen.

1936 (13/8)
Wir lesen: Oktober Der Abbruch der großen Hermsdorfschen Fabrik geht nur langsam vonstatten, nur einige Anschieberbauten sind niedergelegt. Die Preise für das Abbruchmaterial soll übermäßig hoch sein. Verkauf erfolgt durch einen gewissen Georg Lindner. Nachfolgendes Foto zeigt das große Areal der Hermsdorf``schen Färberei mit seinen umfangreichen Gebäuden

1936 (13/6)
Der ganze jetzige Blankenauer Grund soll einst Stausee gewesen sein. Bekannt ist die Überlieferung von der einstigen Wasserburg Blankenburg zwischen Borna und Heinersdorf. Da man bei Bauten in Nieder-Wittgensdorf keinen Grund fand, kamen die Häuser auf Rosten zu stehen.
1937 (13/10)
wörtlich lesen wir: Am 30. Januar starb Fabrikbesitzer Häberle, Wittgensdorf. Einäscherung erfolgte in München, wo er ein Haus besaß, Beisetzung aber in Wittgensdorf.

Anmerkung: In einer Festschrift zum 50jährigen Jubiläum der Fa. Häberle lesen wir allerdings, dass Herr Kommerzienrat Reinhold Häberle (geb. am 25.07.1865 in Brandenburg /Havel) am 01.02.1937 verstorben ist. Interessant in diesem Zusammenhang ist allerdings noch eine Bemerkung in der Festschrift zum Beginn des Häberle`schen Unternehmens. Wir lesen: "Darnach waren die im ehemals Wagnerschen Grundstück im Unterdorf gemieteten Räume schon nach 2 Jahren zu klein, so dass das Geschäft in ein Gebäude auf dem jetzigen Grundstück ... verlegt werden musste". In "1893/94 Stolz` Adress-Buch der Chemnitzer Umgebung" finden wir für Wittgensdorf zweimal Wagner in der Unteren Hauptstraße:
- Wagner, Albert OLNr. 139 b, jetzt UH 10, Schreibwarengeschäft Gelfert und
- Wagner, Paul, OLNr. 49, jetzt UH 140, Eigentümer S. Serbe
Fernmündlich bestätigte mir Herr Serbe, dass, nach Aussage zweier "alter" Frauen (Nobis, Hilde +1986 und Brettschneider, Elisabeth + ? ) im "Maschinensaal" im Grundstück "Schlipse gestrickt worden seien". Herr Serbe erinnerte sich, dass bei Umbauarbeiten in und am Haus zu Gewinnung von Wohnraum Strukturen gewerblicher Bauweise erkennbar waren. Damit wurde uns auch die Örtlichkeit der ersten Betriebsstätte der Fa. Häberle bekannt.
1937 (13/10 )
Ein Eintrag lautet: - Ein noch junger Mann (30 Jahre) mit Namen Raschke besitzt jetzt das Wittgensdorfer Rittergut
März: Die Scheune des Rittergutes zu Wittgensdorf ist abgebrochen worden und soll durch Neubau ersetzt werden. Das Gebäude wirkte durch die Stützpfeiler an den Außenmauern sowie durch altertümliches Ziegeldach sehr malerisch.



1937 (13/14)
Wir lesen: Die alte Wittgensdorfer Mühle, einst Bestandteil des Auerswalder Rittergutes, ein ehrwürdiges Gebäude, ist im Zusammenhang mit der Hermsdorfschen Färberei abgetragen worden. Auch die Stauanlage der Mühle verschwand, Hermsdorf hatte in der Mühle eine Tischlerwerkstatt, in der u.a. auch hölzerne Raubtierfallen (Kastenfallen)hergestellt wurden.

Das "Bergschlößchen", ein Wirtshaus in Wittgensdorf besteht als solches seit 1808. Aus einem Situationsplan des jetzigen Besitzers Schubert geht hervor, dass dies früher eine Landwirtschaft war, um 1890 noch betrieben. Eine zweite Gartenwirtschaft ergab das Areal für die großen Fabrikanlagen von Steinbach. Beide kleine Bauerngüter lagen vor dem Pfarrfeld, angrenzend an die Liegenschaften des Wittgensdorfer Rittergutes. Der einstige Pfarrer von Wittgensdorf, Lohmann, hatte seinen Lebenslauf unter dem Titel "Vom Hirtenknaben zum Landpfarrer" geschrieben.
1939 (5/9)
Ein Eintrag zur zweiten Januarwoche schildert ein tragisches Ereignis: Anfangs der zweiten Januarwoche wurde dem Steinbrucharbeiter Kurt Steinbach aus Wittgensdorf im Steinbruch gegenüber der Reitzenhainer Fabrik (Doppelmoppel) von einer Maschine der Kopf zerquetscht.
1939 (14/5)
September: Auf Flur Wittgensdorf hat die Verwaltung ein 60 m tiefes Bohrloch ausarbeiten lassen, an der Grenze von Oberreitzenhain, wo der Weg vom Gasthof nach dem Holzbache abgeht, nahe einem kleinen Buschholz. Die Anlage dient der Wasserversorgung von Wittgensdorf.
1939 (5/10)
wir lesen: Am 2.November (1939) zog eine „Zigeunerbande“ mit drei Wagen von Taura über Köthensdorf nach Wittgensdorf, bewacht von eine Eskorte der Polizei bzw. Gendarmerie. (Originalzitat Emil Müller, „Zigeuner“ war zur damaligen Zeit ein gängiger Begriff).
1939 (14/9)
wir lesen: Am 19.Mai ist Erich Straube (40 Jahre) beerdigt worden, Sohn des früheren Wittgensdorfer Musikunternehmers Ernst Straube. Auch der alte Wittgensdorfer Schuldirektor Karl Hermann Wienold, ein starker 80er, ein Heimatforscher, ist zur letzten Ruhe gebettet worden. Wienold schrieb zahlreiche Beiträge zur Geschichte unseres Heimatortes im Burgstädter Anzeiger.


Auf dem Wittgensdorfer Kirchhof steht ein Gedenkbaum von 1817, anlässlich des Reformationsjubiläums gepflanzt.

1944 (4/24)
Die auch bei den Wittgensdorfer Einwohnern beliebten Vergnügungsstätten des Parks und Gasthauses zu Herrenhaide sind außer einem Restaurant 1943 eingegangen. Das Grundstück mit dem großen Saal erwarb die Stadt Burgstädt. Die Anlage stammt von einem gewissen Winkler aus den 1880er Jahren, der u.a. auch aus einem gewöhnlichen Dorfwirtshaus an der Burgstädter Straße in Wittgensdorf das schöne Etablissement "Jagdschänke" machte.

1944 (4/25)
Im Februar waren auf dem ehem. Hermsdorfschen Grundstück in Niederwittgensdorf durch die Wehrmacht erbeutete Kraftwagen abgestellt.
1945 (4/29)
Wir lesen: Chemnitz hat am 7.Mai endlich kapituliert. Der unsinnige Kampf, der dort noch geführt wurde, brachte uns später die Russen in unmittelbare Nähe. Auch sind noch allerhand Zerstörungen angerichtet, die vermieden werden konnten. Den Bismarckturm, sowie auch das Wirtshaus daneben, haben die Amerikaner durch Beschuss niedergelegt. In Borna, auch in Glösa, Heinersdorf soll es schlimm aussehen. In Wittgensdorf haben sich drei Volkssturmführer vermessen Widerstand zu leisten. Sie brachten das ganze Dorf in Gefahr. Nur dem Fürspruch des Ortsgeistlichen (Pfarrer Wüchner) und eines anderen vernünftigen, angesehenen und sprachkundigen Mannes (Herr Eberhard Böhme sen.) ist es zu verdanken, dass großes Unheil vermieden wurde. Doch das Hermsdorfsche Gut sowie die freistehende Rittergutsscheune, welche den phantasierenden Führern als Versteck dienten, setzten die Amerikaner in Brand. Zwei der Führer gingen in Gefangenschaft, während der dritte immer noch nicht dingfest gemacht werden konnte.
Zu dieser Einlassung verweisen wir auf unsere Artikel „Erinnerungen an die Ereignisse in Wittgensdorf vor nunmehr 70 Jahren“ und „Ein Nachtrag zu den Erinnerungen an die Ereignisse in Wittgensdorf vor nunmehr 70 Jahren“ wo wir diese Ereignisse ausführlich behandelt haben.
1945 (7/)
Ein weiteres Ereignis aus der Zeit nach Kriegsende führt uns E.Müller vor Augen. Er schreibt: „Am 28. August trieben die Russen eine große Herde requirierter Kühe durch Köthensdorf nach dem Bahnhof Wittgensdorf (Oberer, d. Verf.). In der Kühnhaide machten sie Rast und molken das Vieh“.
1947 (15/8)
Oktober: In dem herab genommenen Turmknopf der Wittgensdorfer Kirche waren die alten Schriftstücke aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert durch den Zahn der Zeit mitgenommen, so dass eine Abschrift erfolgen musste. Die letzte Einlage von 1836. Beim Rittergutsbrand 1901 fiel auch das Archiv den Flammen zum Opfer.
1948 (5/9)
Februar: Am Wittgensdorfer Wald entsteht ein neues Bauerngut auf enteignetem Rittergutsfeld.


1949 (15/10)
September: Ende des Monats verstarb infolge Herzschlag der Wittgensdorfer Kirchenbuchführer Hempel, der tätigen Anteil an der Erforschung der Heimatgeschichte nahm. Dazu können wir in einer handschriftlich verfassten Wittgensdorfer Kirchenchronik lesen:
„30.9. Bei einem Brand im Pfarrbüro erleidet unser lb. (lieber) Herr Hempel an der Tür seiner Arbeitsstätte den Herzschlag."
1952 (15/16)
März: Der Sohn des enteigneten Fabrikanten Steinbach in Wittgensdorf ist als Organist an der Burgstädter Kirche und der Friedhofshalle angestellt. Die Schullehrer haben für Musik gar kein Interesse.
1953 (15/17)
Am 5. Januar hat sich zwischen Burgstädt und Wittgensdorf in der Nähe des Hänflingsberges eine aus Burgstädt kommende Lehrerin von einem Zug überfahren lassen, aus Verzweiflung, weil eine verheiratete Mannsperson sie geschwängert und dann im Stich gelassen hat.
1953 (15/18,19)
Der Querweg auf Wittgensdorfer Flur ist von den angrenzenden Bauern zum Feld gemacht worden. Der einstige Viehweg ging von der Köthensdorf - Wittgensdorfer Straße in Richtung Oberer Bahnhof und endete auf dem Wienhold`schen Wirtschaftsweg. „Dieser alte Weg hat mir bei meinem Musikerberuf unzählige Male gedient. Man hat zum Gasthof „Zur Sonne“ immer weichen Rasenweg, dazu schöne Ausblicke aufs Dorf und auf die Höhen des hinter Chemnitz sich auftürmenden Erzgebirges. Raffgier der Bauern ließ den alten Pfad verschwinden und bald wird er vergessen sein“ Eine Wittgensdorfer Familie ließ sich mit dem Kraftwagen nach Thüringen fahren. Im Bestimmungsort starb der Kraftfahrer an Herzschlag. Die Heimfahrt mit dem hiesigen Autofahrer Erwin Richter kostete den Leuten 250 Mark. Das Innere der Kirch wird renoviert: die 3. Empore entfernt und der Chor vergrößert. Das Kruzifix stammt aus der Kühnhaidenkapelle.


1954 (15/23)
August: Am Niederen Bahnhof in Wittgensdorf kam ein junger Mann aus Auerswalde ums Leben. Der betrunkene Wittgensdorfer Kohlenhändler Nitsche übersah einen gerade abfahrenden Zug, der junge Fahrgast wollte sich durch Abspringen retten, kam aber unter die Räder der Lokomotive und wurde tödlich überfahren. Nitsche blieb unversehrt.
1955 (15/26)
Ende Oktober: In Wittgensdorf ist eine Frau mit ihren drei Kindern durch Gasvergiftung freiwillig aus dem Leben gegangen. Auch in Taura hat sich eine Frau mit ihrer Mutter auf gleiche Art wegen Zwistigkeiten in der Familie das Leben genommen.
Mit dieser Eintragung enden die Einlassungen zu Wittgensdorf in den Tagebuchaufzeichnungen und Niederschriften des Emil Müller.
Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.