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Herrenmühle Neukirchen

erschienen in: Heft 4/2019

Die „Herrnmühle“ zu Neukirchen – Eine Exkursion Wittgensdorfer Vereine am 15.06.2019

Für den 15.6.19 hatte der Kultur – und Heimatverein Wittgensdorf interessiert Wittgensdorfer Vereine und deren Mitglieder zu einer Exkursion nach Neukirchen, dem Tor zum Erzgebirge eingeladen.

Pünktlich 13:30 Uhr trafen sich die Teilnehmer am Parkplatz vor dem Mühlenanwesen. Nach einer Begrüßung durch den Vorsitzenden des Heimat – und Geschichtsvereins Neukirchen/Erzgebirge, Herrn Jürgen Beyer und der Übergabe eines liebevollen Geschenkes für jeden Besucher durch Mitglieder des Fördervereins Herrnmühle – eines selbstgebackenen Mühlentalers–

erwartete uns ein hochinteressanter Vortrag zur Geschichte der Mühlen im Allgemeinen und speziell zu denen Mühlen in Neukirchen von Herrn Günter Köhler. Ausgehend von diesem Vortrag und auch auf Grund des vorliegenden reichhaltigen Materials wollen wir diese Geschichte für die Leser der Rundschau Wittgensdorf etwas näher beleuchten. Eine große Hilfe sind uns dabei die vom Heimat- und Geschichtsverein Neukirchen / Erzgebirge e.V. herausgegebenen „Neukirchner Heimatblätter“ sowie „Die Chronik der Gemeinde Neukirchen/Erzgeb.“ 2. verbesserte und wesentlich erweiterte Auflage von 2018 und die noch unveröffentlichte Fortführung des Kapitels „Zur Geschichte der Mühlen in Neukirchen“ in der gleichen Publikation.

In den „Meilenblättern von Sachsen“ 1780 – 1806 finden wir im „Berliner Exemplar“ auf Blatt 177 die Ortschaft Neukirchen. Auf der für die damalige Zeit recht genauen Darstellung finden wir im Ort drei Mühlen: Obere Mühle, Mittel Mühle und Niedere Mühle (siehe Ausschnitt Karte)

Quelle: SLUB Dresden / Deutsche Fotothek

Hierzu lesen wir in [2] auf den Seiten 7 ff sinngemäß folgende Zeilen: „Zur Mühle der Neukirchner Ortsgründung (wahrscheinlich ähnlich wie Wittgensdorf Mitte des 12. Jahrhunderts [d.Verf.]) gibt es berechtigten Anlass anzunehmen, dass eine vor der Auflösung des Chemnitzer Klosters 1541 für dieses (das Kloster) arbeitende Brettmühle diese erste Getreidemühle war. Das Brettschneiden wurde sicherlich nur zusätzlich ausgeführt.

Die günstige Lage an der Würschnitz und dem ausmündenden Dorfbach spricht mit hoher Sicherheit für den Standort der heutigen Herrenmühle. Im Ur-Öder, angefertigt von Balthasar ZIMMERMANN um 1620 sind drei Mühlenstandorte eingetragen:

Zur Beachtung: Im obigen Ur-Öder wurde nicht, wie heute üblich die Himmelsrichtung NORD noch dem oberen Seitenrand eingerichtet, sondern nach unten eingezeichnet. Um die Ansicht jedoch mit dem oben gezeigten Kartenausschnitt in Übereinstimmung bringen zu können, müsste diese um 225°nach linksgedreht werden, da im hier die Himmelsrichtung NORDWEST nach OBEN zeigt.

Auch in weiteren Publikationen wie z.Bsp. von ALBERT SCHIFFNER das „Handbuch der Geographie, Statistik und Topographie des Königreiches Sachsen“ nennt 1839 zwei Dorfmühlen und die „Herrnmühle“; die KIRCHENGALERIE von 1840 gibt für Neukirchen 4 Mühlen an:

Doch wenden wir uns nun einmal etwas ausführlicher der Geschichte der Herrenmühle – auch Herrnmühle geschrieben – zu.

Diese Mühle ist die wahrscheinlich älteste der vorgenannten Mühlen. Dabei ist die erste mit einiger Sicherheit der „Niedermühle“ zuzuordnende Erwähnung ein Eintrag im Neukirchner Kaufbuch von 1545 zu finden. Hier wird der Verkauf einer Mühle durch den Grundherrn Wolf Hühnerkopf an Michel (Ulmann?) bezeugt. Der Verkaufstext sagt auch gleichzeitig aus, dass es 1545 nur E I N E Mühle in Neukirchen gab.

Glaubhaft ist auch ein Altershinweis im Buch „Geschichte der Fabrik- und Handelsstadt Chemnitz“ von C.W.Zöllnner 1888 in dem über die Verpachtung der Neukirchner Mühle berichtet wird. Wörtlich heißt es: „In denselben Jahre 1574 hatte man auch von Amts wegen die Neukirchner Mühle, welche drei Mahlgänge und einen Schneidegang (also auch Sägemühle) enthielt und zu der ein Gärtchen gehörte, auf 3 Jahre verpachtet. Der Pächter, ein Herr Hans Claus, hatte dafür 52 fl (Gulden) in zwei Terminen zu zahlen“.

Über Größe und Aussehen dieser Vorgängermühle der heutigen Herrenmühle sind keine Angaben oder Zeichnungen vorhanden. Es wird aber an dieser Stelle noch einmal auf den o.a. Zimmermann-Plan von 1620 verwiesen der eine „bret- und brotmül“ verzeichnet. Im Laufe der Jahre werden für die Mühle verschiedene Pächter angegeben. 1771 verkauft der Baron von Taube die Mühle mit drei Mahlgängen, einer Schneidemühle und einer ÖLMÜHLE an einen Carl Gottlieb Kreysig der aber offensichtlich die Kaufsumme nicht aufbringen konnte und das Anwesen somit an den Verkäufer zurückfiel. Dieser veräußerte die Mühle deshalb am 6.6.1772 an Christian Gottlob Helbig aus Gradenz (Gablenz?) für 1430 Taler. Dessen Glück währte jedoch nicht lange, den schon 1774 soll die nunmehr Helbig`sche Mühle mit offensichtlichen Totalschaden abgebrannt sein. Der Wiederaufbau der Mühle war 1776 abgeschlossen, was der Schlussstein über den Mühleneingang belegen soll. Dieser Brand ist aber nach neueren Nachforschungen etwas zweifelhaft. U.U. ließ Helbig die Mühle auch nur erneuern und mit einem neuen Schlußstein versehen.

Quelle: Sammlung Nier

Im Brandversicherungskataster von 1785 wird der Mahlmüller Carl Gottlob Helbig weiter als Eigentümer der Mühle ausgewiesen. Interessant ist dabei die Angabe, dass neben drei Mahlgängen für Getreide auch noch Branntwein gebrannt wurde. Ab dem 17.3.1828 wird sein Sohn Christian Friedrich Helbig als Eigentümer der Mühle genannt. In seine Zeit fällt auch die Erwähnung, dass in der Mühle zusätzlich eine Spinnerei und Krempelei betrieben wurde. Nach RUDOLF FORBERGER betrieben von 1837 bis 1840 Schulz & Schulz in der Herrenmühle eine Baumwollspinnerei. Hierzu schreibt die schon o.a. Kirchengalerie von 1840: „….. Fabriken waren (im Ort Neukirchen d.Verf.) sonst nicht vorhanden, doch befindet sich in der größten Mühle des Ortes, welche vom Wasser der Würschnitz getrieben wird, eine Baumwollspinnmaschine, D.h., dass schon 1840 hier nicht nur Getreide gemahlen sondern auch Baumwolle versponnen wurde. Die Herrenmühle war also Lebensmittelproduzent und zugleich Vorreiter der Industrialisierung in Neukirchen. Ab 1890 wird Herr Chr. Friedrich Gränitz als Eigentümer benannt, 1926 folgt ihm Ernst Otto Gränitz. Schon im Jahr 1917 wurde das bis dahin genutzte Wasserrad durch eine Turbine der Bauart „Francis“ mit liegender Welle ersetzt. Diese ist auch heute noch funktionsfähig und kann bei Vorführungen bei ausreichendem Wasserstand im Dorfbach den Antrieb der Mühlentechnik übernehmen.

Im Jahr 1921 wurde parallel zum Wasserantrieb noch eine Dampfkesselanlage eingebaut. Damit hätte der Mühlenbetrieb auch bei Wassermangel aufrechterhalten werden können. Bis auf eine vom Sächsischen Dampfkessel – Überwachungsverein geprüfte Bauzeichnung und den Rest des Schornsteinfundamentes sind allerdings keine Zeugnisse des Dampfbetriebes erhalten geblieben.

1936 erwarb Arno Franke die Mühle mit allem Inventar und das dazugehörige Grundstück mit Wohngebäude und Stallungen sowie das WASSERRECHT für den Mühlgraben. Im Jahr 1938 ließ er den Mühlenbetrieb möglicherweise im Zusammenhang mit dem wegen eines Brückenneubaus an der Würschnitz erfolgten Abrisses des Mühlenwehres auf Elektrobetrieb umgestellten. Der damals eingebaute Motor, ein Schleifringläufer für 220/380Volt, 25 PS bei 730 U/min, ist nach einer Überholung im Jahr 2014 wieder voll funktionstüchtig und liefert bei Betriebsvorführungen die notwendige Antriebsenergie.

Quelle: Sammlung Nier

1947 übergab er die Mühle seinem Sohn, Rudi Franke, der vielen Neukirchnern noch als der letzte Müllermeister der Herrenmühle in Erinnerung sein wird. Bis 1991 wurde in der Mühle noch Getreide gemahlen und geschrotet. Bis zum Hochwasser 2002 arbeitete man nur noch bedarfsweise.

Quelle: Sammlung Nier

Im Jahr 2002 wird nach 500 oder mehr Jahren Mühlenbetrieb am Standort Herrenmühle die Anlage stillgelegt.

Das nachstehende Foto zeigt ein im Vorraum der Mühle hängendes Gemälde mit der Gebäudeansicht bis ca. 1965.

Quelle: Sammlung Nier

Nach dieser doch recht ausführlichen Geschichte der Herrenmühle sollen noch einige Fotos zur Mühlentechnik und zur Ausstellung das Bild abrunden.

1.Bäckerstube aus Beständen der Neukirchner Bäcker Volker Barth und Köller vorm. Mey (Oberdorf)

Tortenteiler, Pfannkuchenspritze
Großer Teigteiler
  1. Mühlenrundgang
Vortrag von Herrn Günter Köhler
Vortrag von Herrn Günter Köhler
  1. Mühlentechnik
Walzenstühle
Absackvorrichtung
Druckstempel
Schriftschablone

beides zum Kennzeichnen der Säcke mit dem Eigentümer.

Quelle: Sammlung D. Sommerfeld

Bild aus der Herrenmühle: Klassischer Mahlstuhl mit Steinkran für die Mühlsteine. Rechts das Handrad für die Regulierung des Wasserzulaufes zu Turbine.

Quelle: Sammlung Nier
Quelle: Sammlung Nier

Zum Abschluß unseres virtuellen Mühlenrundgangs wollen wir noch auf eine kleine, sehr schöne individuelle Ausstellung in der Mühle hinweisen: Die Neukirchner Malerin Gabi Sonntag stellt eine Auswahl ihrer Werke in der Mühle aus.

Quelle: Sammlung Nier
Quelle: Sammlung Nier
Quelle: Sammlung Nier

Zusammenfassend ist eigentlich nur ein Resümee zu ziehen: Ein sehr schöner Ausflug zu einem mit viel Liebe und Engagement gepflegten technischen Denkmal, das es verdient, öffentlich gewürdigt zu werden.

Wir wünschen uns, mit unserem Beitrag das Interesse vieler Leser der Rundschau Wittgensdorf an einem Besuch der Herrenmühle Neukirchen geweckt zu haben und stehen jederzeit für die Organisation und Durchführung weiterer Exkursionen zur Verfügung.

PS.: Auch das anschließende Kaffeetrinken im Wasserschloß Klaffenbach (nur 10` Fußweg oder 3` Pkw) sind sehr zu empfehlen.

Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.

Quellenverzeichnis:
[1] - Die Chronik der Gemeinde Neukirchen / Erzgeb., 2. Auflage, 2018
[2] - „Neukirchner Heimatblätter“ Mitteilungen des Heimat- und Geschichtsvereins Neukirchen/ Erzgebirge, Nr. 05/2014
[3] - „Zur Geschichte der Mühlen in Neukirchen“, unveröffentlichte Fortführung der 2.Auflage 2018

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