Baugenossenschaft 1911
erschienen in: Heft 5/2018
Die Gemeinnützige Wohnungsbaugenossenschaft Wittgensdorf 1911
ein Beitrag zur Ortsgeschichte
Nachdem wir uns schon mit verschiedenen Ortsteilen von Wittgensdorf befasst haben, wollen wir uns in diesem Artikel der „Genossenschaft“ an der Burgstädter Straße zuwenden. Zwar wurde schon in der Rundschau August 2011 an deren 100jähriges Jubiläum erinnert; wir wollen aber noch einmal etwas tiefer in die Geschichte und Entwicklung der Genossenschaft eindringen.
Nach der in der Folge des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 im Januar 1871 erfolgten Reichsgründung kam es in Deutschland zu einem enormen Aufschwung der Wirtschaft. Städte und industriell geprägte Dörfer verzeichneten ein starkes Wachstum.
In Wittgensdorf wuchs die Einwohnerzahl von 1870 mit 3500 auf 5000 Einwohner im Jahr 1890 und 5800 in 1900. Eigentümlicher Weise sank die Zahl der Bewohner auf 5555 im Jahr 1903.
Auch die Bautätigkeit in und um Wittgensdorf ließ nichts zu wünschen übrig.
- Im Jahr 1866 entstand die neue Schule am Rathausplatz, das spätere Rathaus.
- 1872 eröffnete die Königlich Sächsische Staatseisenbahn die Strecke KieritzschChemnitz, es entstanden der Bahnhof Wittgensdorf Oberer und der Haltepunkt Bahrmühle, später Wittgensdorf Mitte.
- 1872 wurde die Brauerei an der Burgstädter Straße – später Gemeindebad, heute Nutzung durch die Volkssolidarität – erbaut.
- 1874 eröffnete die Eisenbahnstrecke Wittgensdorf Oberer – Limbach/Oberfrohna.
- 1875 wurde das Königliche Standesamt eingerichtet.
- 1888 entstand das Kaiserliche Postamt.
- 1889 die neue Zentralschule.
- Im Jahr 1902 erhielt Wittgensdorf seinen zweiten Bahnhof, Wittgensdorf Unterer an der Strecke Wechselburg – Chemnitz. Ebenfalls 1902 erfolgte die Elektrifizierung des Ortes.
- 1905 begann der Bau der Kolonie Häberle.
Wir können also eine rege Entwicklung unseres Heimatortes verzeichnen, die natürlich auch mit einem weiteren Zuwachs der Bevölkerungszahl einherging und in deren Folge es natürlich zu einem ständig wachsenden Bedarf an Wohnraum kam. Die vorhandenen Wohnungen waren oft überbelegt, „Schlafburschen“ hatten sich auf einzelne Schlafstellen in den Wohnungen eingemietet, die hygienischen Zustände waren nur als unzureichend zu bezeichnen. Diese und andere Gründe veranlassten nun auch eine Gruppe Wittgensdorfer Einwohner, Überlegungen hinsichtlich schönem, bezahlbarem und in freiem Umfeld liegenden Wohnraum anzustellen. Auch die Befreiung von der Willkür der Vermieter stellte einen wichtigen Beweggrund zum Eintritt in die Genossenschaft dar. Der heute übliche individuelle Wohnungsbau war jedoch aus finanziellen Gründen undenkbar. Was blieb, war eine Bündelung der Kräfte und Finanzen in einer Genossenschaft und damit die Gründung des Bau- und Sparverein(s) e.G.m.b.H. Wittgensdorf. Die Gründungsurkunde liegt im Archiv des Bauvereins 1911 e.V. Wittgensdorf als Abschrift vor. Deren Unterzeichnung erfolgte am 25.Juli 1911 durch die 9 Gründungsmitglieder:
- Otto Eduard Türpe, Strumpfwirker, wohnhaft Orts-Listen-Nummer (OLN) 30B - Untere Hauptstr. 38

- Linus R. Heil, Fleischermeister, wohnhaft OLN 29 B - Untere Haupstr. 32
- Karl Linus Löbner, Schmied, wohnhaft OLN 119 - Untere Haupstr. 19
- Robert Albert Wagner, Uhrmacher, wohnhaft OLN 139B - Untere Hauptstr. 10
- Gustav Adolf Frey, Handelsmann, wohnhaft OLN 157 - Obere Haupstr. 25
- Ernst Otto Böhme, Geschäftsführer, wohnhaft OLN 217 B Obere Haupstr. 116
- Karl Hermann Nitzsche, Lagerhalter, wohnhaft OLN 103C Untere Hauptstr 59 Konsumverein
- Albin Schneider, Nadelmacher
- Rudolf Heilmann, Holzmaler
Die Adressen der Herren Schneider und Heilmann konnten nicht ermittelt werden, da dem Verfasser nur die Adressbücher von Wittgensdorf bis 1903 vorlagen)
Obwohl die Unterzeichnung der Gründungsurkunde erst am 25.Juli 1911 erfolgte, gilt der 01.Juli 1911 als Gründungsdatum, da zu diesem Datum die Genossenschaft im Amtsgericht durch den Registerführer registriert wurde. Nachstehend die Seiten 1 und 14 des Gründungsdokuments mit den Unterschriften der Gründungsmitglieder (Seite 14)


Wie entwickelte sich nun die Genossenschaft? Dazu stützen wir uns bei den folgenden Ausführungen auf ein von Herrn Lothar Schiebold verfasstes, undatiertes Schriftstück, aus welchen wir sinngemäß zitieren:
Um die Ziele der Genossenschaft Wirklichkeit werden zu lassen, bedurfte es aber nicht nur guter Vorsätze sondern auch erhebliche finanzielle Mittel sowie den notwendigen Grund und Boden zur Errichtung der Wohngebäude. Dazu legten die Mitglieder der Genossenschaft und Interessenten in sehr bescheidenen Größen in der Genossenschaft Mittel an. Mit diesen Geldern, sowie den aufgenommenen Krediten und Hypotheken wurden vom Bauer Lenk, Karl Gustav, wohnhaft OLN 121, später Bauvereinsstraße 2 die ersten Grundstücke erworben. Weitere Zukäufe folgten in den darauffolgenden Jahren. Das erste fertiggestellte Gebäude (1913) war das Wohnhaus Burgstädter Straße 22 mit 5 Wohnungen.

Die nachstehende Liste zeigt die Baujahre der einzelnen Gebäude und die darin befindlichen Wohneinheiten.

Das letzte noch vor dem II. Weltkrieg fertiggestellte Wohngebäude war das Doppelhaus Genossenschaftsstraße 7/9. Damit verfügte die Genossenschaft insgesamt über 128 Wohnungseinheiten. Die Differenz zu den oben dargestellten 123 WE erklärt sich aus Zusammenlegungen bei Rekonstruktions- und Modernisierungsmaßnahmen. Wie ging es aber nun nach Kriegsende 1945 weiter? Viele Genossenschafter kehrten aus dem Krieg nicht zurück, glücklicherweise blieben wir aber von Kampfhandlungen und Bombenangriffen verschont, so dass ein wortwörtlicher „Wiederaufbau“ unseres Gebäudebestandes nicht erforderlich war. Durch den bei uns ausgeprägten Genossenschaftsgedanken, das echte und gute genossenschaftliche Zusammenleben sowie die Bereitschaft der Genossenschafter zur gegenseitigen uneigennützigen Hilfe gelang es auch in den Zeiten der DDR Wirtschaft unsere Genossenschaft weiter zu entwickeln.
Ein interessanter Artikel aus einer Ausgabe der Freien Presse von 1961 anlässlich des 50jährigen Bestehens der Genossenschaft gibt uns hierzu einige Anhaltspunkte.

Interessant sind dabei die nachfolgenden Ausschnitte:
- In dem noch offen der Mangel an Handwerkern und die damit verbundene schleppende Ausführung von „Großvorhaben“ und die durch Genossenschafter geleisteten Arbeitsstunden aufgezeigt und

- Die Initiative der Genossenschafter zur Errichtung von Garagen zu Unterbringung der fahrbaren Untersätze gewürdigt wurde.

Hierzu haben wir von Frau Schiebold einige interessante Fotos aus Ihrer Sammlung bekommen, die wir hier gern zeigen wollen.
Garagenbau 1960



Natürlich wurde in der Genossenschaft nicht nur gearbeitet, man verstand auch bei gegebenen Anlässen ordentlich zu feiern. Ein solcher Anlass war das 50 jährige Bestehen der Genossenschaft im Jahr 1961. Alle Häuser waren geschmückt und ein Fest-Zelt mit der Park-Schänke sorgte für die leibliche und „geistige“ Labung der Genossenschafter und deren Gäste. Für Kinderbelustigung war bestens gesorgt, ein rundum gelungenes Fest.
Nachstehende Fotos geben einen kleinen Eindruck.




Ein besonderes Schmuckstück der Genossenschaft stellt das sog. Turmhaus dar. Es wurde in verschiedenen Publikationen gewürdigt und war natürlich zum 50igsten ebenfalls schön geschmückt.


Dem abschließenden Apell im o.a. FP-Artikel folgend

wurden auch in den Folgejahren die Anlagen gepflegt, Instandhaltungs- und Reparaturarbeiten in und an den Wohngebäuden ausgeführt und somit das Genossenschaftsvermögen weiterhin auf dem möglichen besten Stand gehalten.
Ein neues Großvorhaben unter Mitwirkung örtlicher Handwerker begann im Jahr 1980.
In allen Häusern wurden nach und nach die vorhandenen Trockentoiletten durch WC´s ersetzt und die Direktabschwemmung der Hausabwässer installiert. Dazu war es erforderlich, Mehrkammergruben nach TGL 7762 zu errichten. Sie dienten nur der mechanischen Klärung des Abwassers und hielten die absetzbaren mineralischen und organischen Bestandteile des Abwassers zurück. Das anfallende vorgeklärte Abwasser musste vor der Einleitung in eine vorhandene Schleuse mit Anschluss an die sog. „offene Vorflut“, d.h. in den Dorfbach oder in einen Sickerbrunnen noch durch Sandfiltergräben biologisch gereinigt werden. Das Projekt – die „Örtliche Anpassung“ wurde durch den Baumeister Böhme erstellt. Diese Gruben waren in einstöckiger Ausführung für bis 50 Einwohnerwerte und in zweistöckiger Ausführung bis 200 Einwohnerwerte zugelassen. Diese Einwohnerwerte wurden nach der angeschlossenen Anzahl der Wohnungen und den damit rechnerisch anzusetzenden Bewohnern (2-Raumwohnung und mehr = 4 Einwohner) ermittelt. Der nachstehende Lageplanausschnitt zeigt die geplante Klärgrube zwischen den Gebäuden Genossenschaftsstraße 1 und 3.



Die erforderlichen Tiefbauarbeiten – Ausschachten der Gruben und der Leitungsgräben - wurden durch die Genossenschaftler selbst erbracht. Insgesamt entstanden im gesamten Genossenschaftsgelände in den Jahren 1980/81 vier Klärgruben welche turnusmäßig noch zu entleeren waren. In den Jahren 2005 und 2006 erfolgten dann der Anschluss an den Zentralsammler und der Rückbau der Gruben.
Natürlich modernisierten die Genossenschafter ihre Wohnungen im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten und realisierten deren laufende Instanthaltung. Die regelmäßige Pflege der Fenster, Erneuerung der Anstriche in und an den Häusern (soweit möglich) und andere Pflege- und Erhaltungsarbeiten zählten zu den gewohnten Tätigkeiten der Genossenschafter.
Einen Quantensprung hinsichtlich der Materialverfügbarkeit gab es mit der Wende und der Einführung der D-Mark. Die Baumärkte dünkten den Menschen wie das Paradies auf Erden und es wurde umgebaut und modernisiert das es nur so eine Freude war. Dabei wurden bei durch die von Genossenschaftern in der eigenen Wohnung vorgenommenen Modernisierungen die Miete auf dem alten Niveau konstant gehalten und nur bei den durch die Genossenschaft modernisierten Wohneinheiten die Miete entsprechend angepasst. So ließen viele Mieter moderne Gasetagenheizungen, neue Bäder oder auch neue Küchen auf ihre eigenen Kosten einbauen, die Genossenschaft als Vermieter ließ die Häuser teilsanieren, neue Fenster mit moderner Verglasung und Außenjalousien wurden eingebaut. Wo nötig wurden die Haustüren erneuert und nicht zuletzt erhielten die Außenwände eine DIN-gerechte Wärmedämmung und einen neuen Außenputz. Wo erforderlich, wurden die Grundmauern isoliert, Schornsteine saniert, Hausflure malermäßig instand gesetzt und die Dächer repariert oder gar neu gedeckt. Im Außenbereich wurden die Hof- und Fußwege durch Pflasterung erheblich verbessert und die Wege- und Hofbeleuchtung grundhaft erneuert. Diese genannten Maßnahmen wurden mit erheblichen finanziellen Aufwand in einer relativ kurzen Zeitspanne ausgeführt und trugen zu einer wesentlichen Steigerung der Wohnqualität bei. Der damit zu verzeichnende geringe Leerstand unserer Wohnungen ist ein deutliches Zeichen der Verbundenheit unser Mitglieder mit ihrer Genossenschaft. Dies wird auch nochmals unterstrichen durch viele dauerhafte und langjährige Mietverträge der Mitglieder. Einzelne Genossenschafter wohnen seit ihrer Geburt in einer Wohnung unserer Genossenschaft. Aber nicht nur ältere Personen bilden den Stamm unserer Mitglieder, auch deren Kinder und „Neugenossenschafter“ gehören dazu.
Wichtig wäre noch zu bemerken, dass zu jeder Wohnung ein Hausgarten in der Größenordnung von 50 bis 80 m² gehört. Einige durch die Anzahl der Bauflächen begrenzte Zahl der Mieter konnte auf eigene Rechnung eine Garage errichten im lassen oder, so vorhanden, einen personalisierten PKW-Stellplatz auf dem Genossenschaftsgelände nutzen. Außerdem verpachtet die Genossenschaft noch individuelles Gartenland zur privaten Nutzung an interessierte Mitglieder.
Unseren Beitrag wollen wir mit einer schönen Aufnahme der Burgstädter Straße von der gegenüberliegenden Hanglage beenden.

Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.