AWG Trikotex
erschienen in: Heft 4/2017
Das Wohngebiet AWG Trikotex an der Chemnitzer Straße in Wittgensdorf
ein Beitrag zur Ortsgeschichte
Mit diesem Beitrag wollen wir einen weiteren Baustein zu den unter bestimmen Bedingungen entstandenen Siedlungsgebieten unseres Ortes hinzufügen und dessen Geschichte und Entwicklung näher beleuchten.
Im Jahr 1956 fand sich unter Federführung des damaligen Trikotagenwerkes Trikotex Wittgensdorf eine Gruppe interessierter Werktätiger mit dem Ziel zusammen, die im Ort herrschende völlig unbefriedigende Wohnungssituation zum eigenen Nutzen mit eigenen Kräften und Mitteln zu verbessern. Schon Mitte des Jahres 1956 wurden dazu in einer Gründungsversammlung die notwendigen Beschlüsse gefasst. Der in dieser Versammlung gegründeten Arbeiter-Wohnungs-Genossenschaft ( AWG ) Trikotex gehörten neben dem Stammbetrieb Trikotex noch die Betriebe Gelkida Wittgensdorf (vormals Bernhard Röser), Manometerwerk Wittgensdorf (vormals Richard Matthes) und die PGH Tischler an der Chemnitzer Straße an.
Unterstützt durch die Betriebe begann schon 1957 der Bau mit dem Wohnblock 12 WE (Wohneinheiten) an der damaligen Karl-Marx-Straße 51/53.

Die Wohnungen wiesen einen für die damalige Zeit in der DDR einen hohen Standart auf. Alle Wohnungen hatten zwar noch Ofenheizung in den Wohnräumen, waren aber in den Bädern mit Innenwandheizern (Gas) ausgerüstet. Die Warmwasserbereitung für Küche und Bad erfolgte mittels Durchlauferhitzer (Gas). Die Küchen hatten einen Kohleküchenherd mit 2-flammigen Gaskocher.
Insgesamt wurden bis 1963
- 5 Blöcke a 12 WE,
- 1 Block a 9 WE und
- 1 Block a 18 WE
von der AWG erbaut. Hinzu kam das sog. MTS-Haus mit ebenfalls 12 WE.
Eine Besonderheit stellte das "Architektenhaus" Straße des Friedens 27 dar. Es hatte vom Standart abweichend für die Innenwohnungen zwei Kinderzimmer - siehe den nachstehend abgebildeten Gebäudegrundriss.

Doch beginnen wir von vorn. Leider sind die eigentlich interessanten Gründungsdokumente, wie das Protokoll der Gründungsversammlung, das Protokoll der ersten Vorstandssitzung udgl. infolge verschiedener Umstände nicht mehr zugänglich, so dass wir uns auf mündliche Überlieferungen bzw. auf bruchstückhaft vorhandene Dokumente aus dem Stadtbauarchiv Chemnitz beziehen müssen. Wir rekonstruieren die Zusammensetzung der Vorstände in chronologischer Reihenfolge aus verschiedenen Protokollen:
| 1. Vorsitzender | 2. Vorsitzender |
|---|---|
| Herr Bretschneider | Herr Erich Phillip |
| Herr Heinz Petzold | Herr Rolf Landgraf |
| Frau Margit Frenzel | Frau Mignon Nickel |
| Herr Siegfried Erler | Frau Mignon Nickel |
Weitere Mitglieder des Vorstandes waren (unvollständige Aufzählung) z. Bsp. Günter Otto, Gotthard Arnold, Ralf Igl, Gottfried Muster, Erich Rost, Henry Schimmel, Helmut Halke sowie die Herren Schmidt, Uhlig, Kießling und weitere namentlich nicht mehr erfassbare Damen und Herren.
Wie bei allen Bauvorhaben begann auch dieses Unternehmen mit umfangreichen Grundsatzdiskussionen, Variantenvergleichen und diversen Planentwürfen. Interessant ist z.Bsp., dass es in einem "Erläuterungsbericht vom 06. November 1956 hieß:"


Das hätte bedeutet, dass die Blöcke Straße des Friedens 11/13 und 15/17 nur als Zweigeschosser errichtet worden wären. Um auf die im Erläuterungsbericht geplanten 86 WE zu kommen war im hinteren Hof parallel zum Spielplatz ein weiterer Block vorgesehen.

Dargestellt ist hier links des hinter der ehemaligen Turnhalle an der Chemnitzer Straße geplanten Sportplatzes die neu errichtete Kläranlage. Dazu heißt es im schon o.a. Erläuterungsbericht:

Diese errichtete Kläranlage sollte später noch eine wichtige Rolle beim Bau der letzen beiden Blöcke Straße des Friedens 11/13 und 15/17 spielen.
Mit Schreiben vom 11.01.57 übergab die AWG Trikotex 8 Entwurfsmappen mit den für den Bau eines Wohnhauses notwendigen Unterlagen an den Rat der Gemeinde Wittgensdorf zur Weiterleitung an den Rat des Kreises Karl - Marx - Stadt, Abt. Aufbau mit der Bitte um Erteilung der Baugenehmigung.

Nach Erteilung der Baugenehmigung konnten die Bauarbeiten beginnen. Gemäß Vorgabe wurde der Mutterboden abgeschoben und an geeigneter Stelle deponiert.

Der Bau wurde abgesteckt und mit Muskelkraft der männlichen AWG-Mitglieder erfolgte der Aushub der Streifenfundamente. Hacke, Schaufel, Spaten und Schubkarrewaren die Standartarbeitsmittel. Das auf dem Foto zu sehende Förderband zählte schon zur gehobenen Ausstattung; in der Regel wurde mit der Schubkarre auf einem Laufbrett der Aushub auf den Erdhaufen gefahren.

Aber nicht nur die Hausfundamente wurden mit Hand geschachtet, auch die Abwasserleitung bis zur neuen Kläranlage musste in mühsamer Arbeit händig erstellt werden. Schachtarbeiten an der Abwasserleitung und Kläranlage




Insgesamt wurden von den 87 Genossenschaftsmitgliedern zur Baufinanzierung neben der Zahlung der Genossenschaftsanteile rund 52.400 Arbeitsstunden geleistet.[1]

In große Aufregung versetzte die AWG-Mitglieder und speziell die schon für den Block 18 WE vorgesehenen Mieter ein Schreiben des Rates des Kreise Karl-Marx-Stadt - Kreisbauamt vom 9.9.1959. Hier wurde der AWG mitgeteilt, dass dieser Block nicht gebaut wird. Der Vorstand der AWG reagierte darauf mit dem nachfolgenden Schreiben:


In einer am 16.02.1960 durchgeführten Vollversammlung konnte der Vorstand jedoch schon über seine erfolgreichen Bemühungen berichten - der Block 18 WE wurde genehmigt und ab Oktober 1960 in die Fließstrecke eingeordnet.

Der letzte Erstbezug in der AWG erfolgte dann in diesem Block im Jahr 1962. Damit war die geplante Kapazität erreicht und das Bauprojekt in seinen Haupbestandteilen abgeschlossen. Die Zeit verging und das Wohngebiet wurde mit Hilfe der AWG-Mitglieder zunehmend wohnlich gestaltet. Ein Spielplatz mit Sandkasten, Reitschule, Wippe und Schaukel wurde für die insgesamt 106 Kinder der Genossenschaft angelegt [2]. Zwei große Sitzecken am oberen Rand des Spielplatzes wurden lebhaft angenommen und waren ein beliebter Treffpunkt bei größeren Kindern und Jugendlichen.

Auch die sog. Aschehäuschen wurden in Eigenleistung der Mitglieder erstellt und sorgten für Ordnung und Sauberkeit. Der Köhler-Bauer stellte aus eigenen Mitteln regelmäßigen Abständen Holzkübel für Futterabfälle auf und leerte sie in regelmäßigen Abständen. Teppichklopfstangen, Sitzbänke vor den Häusern sowie große Wäscheplätze vervollständigten die Gemeinschaftseinrichtungen der Wohnblöcke. Da unter den AWG-Mitgliedern auf Grund der großen Zahl nahezu alle notwendigen Handwerksberufe vertreten waren, spielte die Nachbarschaftshilfe zwischen den Mitgliedern in jeder Beziehung eine große Rolle. Auf Grund der mangelhaften Bereitstellung von Baukapazitäten wurde z.B.: das Dach der Chemnitzer Straße 49 durch eine intern gebildete Handwerkerbrigade selbst neu gedeckt.
Dachdeckerarbeiten am Haus Chemnitzer Straße 49




Aufbauend auf diesen Erfahrungen wurde durch diese "Brigade" auch das komplette dach des Blockes Straße des Friedens 19/21 erneuert. Hier wurden beim Bau ungeeignete Dachziegel mit sog. "Salpetereinschlüssen" verwendet, welche nicht die geplante Standzeit erreichten und sich regelrecht "auflösten". Einen großen Wurf gelang den AWG-Mitgliedern beim Bau des sog. MTS-Hauses, Straße des Friedens 10. Da hier die Gemeinde Wittgensdorf der Bauträger war, aber keine Kapazitäten für den Aushub der Baugrube und der Fundamente hatte, übernahm die AWG diese Arbeiten als Lohnleistung. Die hier erarbeiteten Geldmittel wurden dann bei der Errichtung eines Mehrzweckgebäudes in welchem im vorderen Teil eine Mangelstube eingerichtet wurde. Im hinteren Teil befanden sich eine kleine Werkstatt und das Büro der Genossenschaft.

Natürlich kam auch in den Hausgemeinschaften das Vergnügen nicht zu kurz. Viele Hausfeste wurden im Laufe der Zeit in den einzelnen Häusern gefeiert.
Hausfest im Block Straße des Friedens 19/21


Mit der Wende kamen auf die Genossenschaft neue Möglichkeiten aber auch neue Aufgaben zu. 1993 erfolgte die Neugründung als "WG Chemnitzer Berg". Zugleich wurde die Eigentumsfrage an Grund und Boden sowie die Beleihung der Altschuldenkredite geklärt und damit der Weg für Aufnahme neuer Kredite frei gemacht [1]. Bis 1998 wurden dann alle Häuser modernisiert - Dächer, Fassaden, Fenster, Treppenhäuser und nicht zuletzt der Einbau moderner Gasetagenheizungen.
Bauarbeiten zur Modernisierung Dach und Fassade


Zur langfristigen Bestandssicherung des Wohnungsstandortes Wittgensdorf schloss sich die WG "Chemnitzer Berg" im Juni 1999 der WBG Burgstädt eG an [1]. Damit konnten in den Folgejahren weitere Modernisierungsmaßnahmen in Form des Anbaus von Balkonen zur Steigerung der Wohnqualität in Angriff genommen werden.

Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.
Quellennachweis:
[1] - 100 Jahre WBG Burgstädt eG, RIEDEL OHG Röhrsdorf
[2] - 110 Jahre WBG Burgstädt eG, DART Werbeagentur Wechselburg